Das Geranien-Dilemma

Am Donnerstag findet auf dem Bundesplatz der Berner Graniummärit statt. Doch Geranien bieten kaum Mehrwert für Insekten. Wie berechtigt ist ihr Platz vor Schweizer Fenstern?

Geranien
Die Geranie ist die meistverkaufte Beet- und Balkonpflanze der Schweiz. (Bild: Simon Boschi)

Knalliges Pink und leuchtendes Grün auf sattem Schwarz: Seit einigen Wochen zieren die Plakate des Berner Graniummärits verschiedene Ecken der Stadt Bern. Übermorgen findet der Pflanzenmarkt, der jeweils den Bundesplatz mit einer grossen Auswahl an Geranien und Sommerblumen schmückt, zum 66. Mal statt. 

Egal ob im Breitenrain, der Lorraine oder in der Elfenau – in den Balkonkistchen der Stadtbewohner*innen ist die Geranie beliebt. Die in der Schweiz meistverkaufte Beet- und Balkonpflanze hat aber einen Makel: Für Insekten ist sie quasi nutzlos.

Ursprünglich aus Südafrika

Hobbygärtner*innen müssen aber nicht grundsätzlich auf die Geranie verzichten. Denn die Pflanze, die im botanischen Fachjargon Pelargonium genannt wird, hat auch Vorteile: «Die Geranie ist diejenige Balkonpflanze mit der stärksten Blühkraft. Ihre Blüte dauert von Ende April bis November», erklärt Daniel Hansen, Projektleiter beim Kompetenzzentrum für das städtische Grün, Stadtgrün Bern. Vor 30 Jahren ist er dem Verein «Bärner Graniummärit» beigetreten, seit sieben Jahren ist er dessen Geschäftsführer. Der Verein besteht aus sechs regionalen Gartenbaubetrieben sowie der Gartenbauschule Oeschberg und Stadtgrün Bern. Die Betriebe ziehen die Jungpflanzen der Geranien auf, die dann auf dem Markt verkauft werden. 

Geranien in der Stadtgärtnerei
In der Stadtgärtnerei in der Elfenau laufen die Vorbereitungen für den Graniummärit. (Bild: Simon Boschi)

Ein weiterer Vorteil der Geranie sei, dass sie Trockenheit besonders gut vertrage, ergänzt Daniel Hansen. So könne sie auch im Hochsommer problemlos zwei Tage ohne Wasser auskommen. Diese Klimaresistenz bringt die Pflanze aus ihrer Heimat mit. Denn ursprünglich war sie in Südafrika verbreitet und gelangte erst im 17. Jahrhundert in die Schweiz.

Den Menschen gefällts, den Bienen nicht

Für die Menschen sind die Blühkraft und die Klimaresistenz der Geranie von grossem Nutzen. In Gärten und auf Balkonen sind aber auch diejenigen Pflanzen wichtig, die einen Mehrwert für die Natur haben. Eine Anforderung, der die Geranie nicht gerecht wird, da sie fast keine Pollen trägt und so keine Nahrung für Insekten wie Bienen oder Hummeln bietet. 

Die Stadt Bern schreibt der Biodiversität, also der Vielfalt des Lebens, der Ökosysteme und der Arten, einen hohen Stellenwert zu. Mit einer Biodiversitätsstrategie und dem 2021 durchgeführten Themenjahr «Natur braucht Stadt» setzt sich Stadtgrün Bern für die Stadtnatur sowie die Entsiegelung und Aufwertung von Lebensräumen ein. Wieso also unterstützt die Stadt den Graniummärit nach wie vor, wenn sie sich für mehr Biodiversität einsetzt? 

«Die Gartenkultur bezieht sich nicht nur auf die Biodiversität. Denn der traditionelle Blumenschmuck gehört genauso zum Garten», sagt Daniel Hansen. Mit dem Graniummärit unterstütze Stadtgrün Bern deshalb eine Tradition. Als Fachmann empfiehlt er jedoch, gemischte Blumenkasten anzupflanzen. «Da kann man auf diejenigen Pflanzen zurückgreifen, die genügend Nektar für Insekten haben. Solche Pflanzen oder gar bepflanzte Kistchen bieten wir auch auf dem Graniummärit an.»

Mit Geranien der Sorte Bernmobil beplanzte Balkonkistchen.
Der Klassiker im Kistchen: Rote Geranien der Sorte Bernmobil. (Bild: Simon Boschi)

Die Geranien können beispielsweise mit anderen Zierpflanzen wie der Goldmarie, dem Blauen Gänseblümchen, der Gartenfuchsia oder dem Yasmin angepflanzt werden. So bieten die Balkonkistchen nicht nur etwas für das Auge der Hobbygärtner*innen in der Stadt, sondern sind auch für Bienen, Hummeln und Schmetterlinge attraktiv. Wer es lieber würzig mag, kann die Geranien laut Daniel Hansen auch mit Küchenkräutern wie Schnittlauch oder Rosmarin kombinieren. Wenn man diese blühen lässt, dann bieten auch sie die nötige Nahrung für Insekten.

Wildes für die Biodiversität

Stadtgrün Bern ist mit der Fachstelle Natur und Ökologie auch am Berner Wildpflanzenmärit präsent. Dieser findet morgen, einen Tag vor dem Graniummärit, ebenfalls auf dem Bundesplatz statt. Beide Märkte würden durch die Stadt gleichermassen unterstützt, sagt Daniel Hansen.

Der Wildpflanzenmärit will mit einem Sortiment von über 300 einheimischen Wildpflanzen deren Verbreitung fördern und den Nutzen für Mensch und Natur aufzeigen. Simon Bolz, Vorstandsmitglied des Vereins «Bärner Wildpflanzen Märit», sieht trotz der fehlenden Biodiversität auch im Graniummärit seine Legitimation: «Geranien sind ein Kulturgut und haben ihre Berechtigung, solange es ein Nebeneinander von Tradition und Biodiversität gibt.» Ein solches Nebeneinander sei auch im Balkonkistchen möglich.

Pinke Geranie
Einzelne Geranien lassen sich gut mit ökologisch wertvolleren Planzen kombinieren. (Bild: Simon Boschi)

Die traditionell roten Geranien lassen sich nicht nur mit den oben erwähnten Zier-, sondern auch mit einheimischen Wildpflanzen wie der Glockenblume, dem Weidenblättrigen Rindsauge oder dem Aufrechten Ziest kombinieren. Wer es lieber dezent halten möchte, könne auf das Gipskraut mit seinem weissen Schleier zurückgreifen, schlägt Simon Bolz vor. 

Beachten müssen Hobbygärtner*innen, dass nicht jeder Standort für jede Wildpflanze geeignet ist. Zudem gibt es Pflanzen, die für mehrere Arten Nahrung bieten, während sich andere vor allem für einzelne Spezies eignen. Wer selbst Setzlinge aufziehen möchte, sollte beim Saatgut darauf achten, dass dieses aus der Region stammt. Dann ist es ökologisch gut angepasst und bietet das richtige Futter für die lokale Insektenwelt. 

«Siedlungsökologische Untersuchungen haben aufgezeigt, dass viele kleine Lebensräume in kleinem Abstand für die Gesamtsituation sehr wertvoll sind», erklärt Simon Bolz auf die Frage, welchen Beitrag zur Biodiversität eine einzelne gemischte Balkonkiste denn überhaupt leisten könne. «Ein einzelnes Kistchen bringt vielleicht nichts, aber alle zusammengezählt können viel bewirken.»

Wildpflanzenmärit, 26. April 2023, 7 bis 17 Uhr; Graniummärit, 27. April 2023, 7 bis 19 Uhr. Beide Märkte finden auf dem Berner Bundesplatz statt.

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