Hauptstadt-Logo mit Unterzeile

Stühlerücken in der Berner Bio-Szene

Alnatura geht, Rossmann und die Romands kommen. In Bern drängen neue Player auf den Markt für Bio-Lebensmittel, kleine Quartierläden kämpfen um Kundschaft. Der Murifeld-Laden muss gar Konkurs anmelden. Eine Übersicht.

HS_Biopoly_2
Wer ist neu, wer geht? Im städtischen «Biopoly» ist derzeit einiges in Bewegung. (Bild: Silja Elsener)

Wenn du in diesen Wochen in der Berner Innenstadt Bio-Produkte kaufen wolltest, ist dir vielleicht aufgefallen: Statt Avocados und Haferflocken gab es in den Schaufenstern der Alnatura-Filialen nur gähnende Leere. Ende 2025 hat der Migros Konzern, zu dem Alnatura gehörte, sämtliche Filialen hierzulande geschlossen. Die Bio-Kette mit Wurzeln in Deutschland besetzt aber nur ein Feld im innerstädtischen Bio-Monopoly, auf dem derzeit Bewegung herrscht. Müller expandiert, Rossmann drängt auf den Markt und die welsche Kette «Kiss the Ground» streckt ihre Fühler nach Bern aus – und kommt damit zum ersten Mal überhaupt in die Deutschschweiz. Für Konsument*innen bedeutet das einerseits Abwechslung, zugleich aber auch, dass Ketten weiter an Marktmacht gewinnen – und der Druck auf regionale Bio-Läden steigt. Doch der Reihe nach.

Es ist nicht lange her, im Sommer 2024, da bewarb die Migros ihre neue Alnatura-Filiale in der Aarbergergasse vollmundig: 5000 Produkte für den täglichen Bedarf in Bioqualität biete man – und das auf einer Fläche von 425 Quadratmetern. Doch schon anderthalb Jahre später folgte das finale Lichterlöschen. Die Migros zog im Zuge einer grossen Restrukturierung allen Alnatura-Filialen den Stecker.

Konzerne wollen’s wissen

An der Aarbergergasse firmiert bald die deutsche Drogeriekette Müller, die ebenfalls Bio-Lebensmittel im Angebot hat. Mitte Februar prangen schon Aufkleber mit dem Logo der Kette an der Fassade – ein Eröffnungsdatum fehlt. Müller übernimmt auch die ehemalige Alnatura-Filiale an der Scheibenstrasse im Breitenrainquartier. Damit steigt die Zahl der Müller-Filialen in Bern auf fünf. Ob sich das Sortiment in der neuen Berner Innenstadtfiliale von anderen Müller-Filialen unterscheidet und ob das Bio-Sortiment verstärkt werden soll, möchte das Unternehmen auf Nachfrage nicht sagen.  Müller, mit Sitz im süddeutschen Ulm, ist in jedem Fall ein grosser, aber kein übermächtiger Player im Detailhandel. Im Geschäftsjahr 2023/24 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von rund fünf Milliarden Euro. Unter Konsument*innen geniesst die Kette den Ruf, dass der Einkaufskorb an der Kasse immer voller ist, als dies ursprünglich beabsichtigt war. Der Grund: Menschen setzen für Drogeriewaren einen Fuss ins Geschäft und decken sich dann auch mit Spielzeug, Schreibwaren und eben Bio-Lebensmitteln ein.

Einem ähnlichen Geschäftsprinzip des auf Drogerieartikeln abgestützten Gemischtwarenladens folgt der Rossmann-Konzern – und spielt doch in einer anderen Liga. Das ebenfalls aus Deutschland stammende Unternehmen erzielte 2025 einen Umsatz von 17 Milliarden Euro, wie aus den jüngsten Geschäftszahlen hervorgeht. In der Schweiz betreibt Rossmann zwölf Filialen. Doch bislang keine in Bern. Ende Jahr soll sich das ändern, und zwar im neuen Meinen-Areal, das an der Schwarztorstrasse entsteht. 

«Bern ist für uns ein sehr spannender Markt, weshalb wir unsere Präsenz in der Region aufbauen möchten», schreibt das Unternehmen auf Anfrage.

In Bern wird Rossmann auch als Nachfolgerin für die Aldi-Filiale am Kornhausplatz ins Spiel gebracht, die Ende Januar geschlossen wurde. Ob es wirklich zu diesem Schritt kommt, will das Unternehmen auf Nachfrage nicht bestätigen, da es sich um «wettbewerbsrelevante Informationen» handele. 

Bern im Zangengriff

An der Aarbergergasse zeigt sich, dass Bern in Sachen Bio gerade regelrecht in die Zange genommen wird. Denn nicht nur Marken wie Müller aus dem Norden drängen hierher, auch die Romands aus dem Süden probieren es in der Bundesstadt. Der Genfer Bio-Anbieter Kiss the Ground expandiert erstmals in die Deutschschweiz und eröffnet im März eine Filiale in Bern. Genauer gesagt an der Aarbergergasse 21, also vis-à-vis der ehemaligen Alnatura- und neuen Müller-Filiale.

Der Standort, in dem Transa einige Jahre Outdoor-Kleider verkaufte, sei aus strategischen und kulturellen Gründen gewählt worden, sagt Mitgründer und Geschäftsführer Arthur de Fouquières gegenüber Bund/BZ. Bern gelte als besonders nachhaltig orientierte Stadt und eigne sich als Brückenkanton zwischen der Romandie und der Deutschschweiz für die Geschäftserweiterung.

Die Berner Filiale wird mit über 6000 Artikeln die bisher grösste der Kette sein und sich über zwei Etagen erstrecken. Das Sortiment reicht von frischen Lebensmitteln über Wein bis zu Haushaltsartikeln. Der Grossteil der Produkte sei biologisch, saisonal und stamme von lokalen Produzent*innen. 

Der Schritt von Kiss the Ground erfolgt in einem schwierigen Marktumfeld. Im Berner Detailhandel verschärft sich der Wettbewerb derzeit – Bio ist zwar keine kleine Nische mehr, aber es tummeln sich viele Anbieter*innen in ihr, so dass sich zwangsläufig die Frage stellt, wie viel Platz jedem bleibt. Nicht zu vergessen im Bio-Monopoly ist das Berner Eigengewächs «Rüedu», das sich mit seinen Hofläden im Containerformat künftig vollständig auf die Stadt konzentrieren will. Die Hoffnungen liegen also auf soliden Einnahmen in der Stadt – der Expansionskurs aufs Land und bis nach Zürich ist damit endgültig Geschichte.  

Wachstum auf Kosten der Kleinen?

Milena Daphinoff beobachtet als Präsidentin von Bern City genau, wenn in der Innenstadt einzelne Akteure verschwinden und neue hinzukommen. Sie sieht eine «starke Zunahme von Drogeriemärkten, die sich von reinen Pflegeanbietern zu Alltagsversorgern entwickeln». Diese hätten ihr Sortiment «massiv um Bio-Lebensmittel und Snacks erweitert» und setzten damit Supermärkte, Discounter – und erst recht klassische Bioläden – unter Druck. Getrieben werde dieser Wandel durch «die Nachfrage nach günstigeren Bio-Produkten und bequemeren Einkäufen», so Daphinoff. Was früher ein Alleinstellungsmerkmal gewesen sei, etwa «Bio-Pasta oder Bio-Müsli», sei heute «überall zu haben – oft günstiger und ohne den extra Weg in den Bioladen».

HS_Biopoly_Elemente-1
Laut Angaben von BioSuisse sind in keinem anderen Land Europas die Pro-Kopf-Ausgaben für Bio-Produkte so hoch wie in der Schweiz. (Bild: Silja Elsener)

Eine Analyse des Gottlieb-Duttweiler-Instituts mit Zahlen von BioSuisse stützt diese Einschätzung: Der Bio-Gesamtmarkt ist in der Schweiz seit 2017 um 53 Prozent gewachsen und umfasst heute rund 4,1 Milliarden Franken, doch «deutlich an Marktanteilen eingebüsst haben die Bio-Fachhändler», wie GDI-Forscher Gianluca Scheidegger festhält. Zugelegt hätten dagegen andere Detailhändler und Discounter, während die Marktanteile der grossen Platzhirsche, zu denen die Migros und Coop zählen, weitgehend stabil seien.

Für Daphinoff ist das «keine klassische Verdrängung von klein durch gross, sondern eine Verschiebung von Geschäftsmodell und Positionierung». Kleine Läden könnten bestehen, «wenn sie klar profiliert sind und sich durch lokale Identität von Ketten unterscheiden».

Von verschiedenen Seiten unter Druck

Kleinere Quartierläden mit Bio-Sortiment versuchen genau diesen Spagat: Zum Beispiel der Laden im Murifeld, der sich im gleichnamigen Berner Quartier befindet. Er wurde durch Anwohner*innen 2019 als Verein gegründet und erhält noch heute einen Zuschuss zur Miete von städtischen Mieter*innen aus dem Quartier.

Die letzten Jahre waren trotz dieses Zustupfs herausfordernd: Seit 2024 war die Zahl der Kund*innen rückläufig – im gleichen Jahr folgte dann die Übergabe der Geschäftsleitung in neue Hände. Diese versuchte Gegensteuer zu geben und organisierte im vergangenen Jahr ein Crowdfunding, bei dem rund 15’000 Franken zusammenkamen – zeitgleich startete ein Soli-Fest. 

Doch die Hoffnung währte nur kurz – im Januar dieses Jahres folgte der nächste Nackenschlag: Der Bio-Frischdienst Horai stellte den Betrieb ein und fehlt dem Laden im Murifeld als verlässlicher Zulieferer – die Auswirkungen des Konkurses zeigen sich auch anderswo, zum Beispiel im Fischermätteli, wo der Quartierladen nicht mehr täglich bestellen kann. Ein weiteres Feld im städtischen Bio-Monopoly, das sich verändert.

Der Laden im Murifeld zieht nun die Reissleine: «Wir müssen Konkurs anmelden», sagt Bettina Kern gegenüber der Hauptstadt. Sie gehört dem Vorstand des Vereins «Laden im Murifeld» an, der Träger des Ladens ist.

Der Fall des Murifeld Ladens zeigt: ein Quartierladen ist ein komplexes Gebilde. Viele Rädchen müssen ineinandergreifen, damit ein Laden funktioniert. Nähe, Vertrauen, Verlässlichkeit sind wichtige Bestandteile. Ob das allein reicht, um gegen die wachsende Marktmacht der Konzerne zu bestehen, wird in jedem Quartier jeweils neu entschieden.

Ohne Dich geht es nicht

Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Das unterscheidet uns von anderen Nachrichtenseiten. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Das geht nur dank den Hauptstädter*innen. Sie wissen, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht und ermöglichen so leser*innenfinanzierten und unabhängigen Berner Journalismus. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 2’700 Menschen dabei. Damit wir auch in Zukunft noch professionellen Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 3’000 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für die «Hauptstadt» und für die Zukunft des Berner Journalismus. Mit nur 10 Franken pro Monat bist du dabei!

Ohne Dich geht es nicht

Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Das unterscheidet uns von anderen Nachrichtenseiten. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Das geht nur dank den Hauptstädter*innen. Sie wissen, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht und ermöglichen so leser*innenfinanzierten und unabhängigen Berner Journalismus. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 2’700 Menschen dabei. Damit wir auch in Zukunft noch professionellen Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 3’000 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für die «Hauptstadt» und für die Zukunft des Berner Journalismus. Mit nur 10 Franken pro Monat bist du dabei!

tracking pixel