Wo alles zerfliesst

Kim de l’Horizons «Blutbuch» ist ein sprachgewaltiges, herausforderndes und treibendes Werk, das sich gegen die Widrigkeiten der Welt richtet und verdientermassen mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden ist.

01_hauptstadt_kulturkritik_02_klein
(Bild: Jörg Kühni)

Was ist ein Körper? Ein Ding aus Fleisch, Blut, Knochen, Wasser, Haut, Haaren? Und was ist schon mein Körper? Dieses Etwas, mit dem – durch das? – ich die Welt navigiere, mich anpasse, zerdrückt werde, Platz einnehme, anecke, verschmelze, mich verbinde, mich abgrenze. In dem ich mich wohlfühle, mit dem ich hadere, das andere lieben, das provoziert. Das schmerzt und Lust empfindet.

In Kim de l’Horizons Roman «Blutbuch» geht es oft um den eigenen Körper. Wo er herkommt, wie er sich entwickelt und wie er manchmal nicht in die säuberlich vorgefertigten Formen passt. Und was das eigentlich in uns und der Welt auslöst. Dass Körperlichkeit in der Gesellschaft immer auch Zwang bedeutet, wird in jeder Zeile dieses poetischen und intimen Buchs spürbar. Ständig sehen wir uns genötigt, Normen zu entsprechen und uns in Schubladen zu versorgen. Am deutlichsten wird das, wenn der eigene Körper partout nicht ins binäre Geschlechtsschema passen wird, dieses «Schauermärchen», das Kim de l’Horizon auf keinen Fall weitererzählen will.

Aber wer dieses Spiel nicht mitspielen und das eigene Leben formen will, gerät unweigerlich in den Strudel des Ungewissen. So bedeutet, den eigenen Körper zu suchen, ihn zu spüren und zu erkunden auch, Verrat an der Welt und der eigenen Herkunft zu begehen.

Doch Verrat verlangt zuerst nach Erkenntnis. Logisch also tritt Kim de l’Horizon im Buch in Verbindung mit der eigenen «Grossmeer» – als stetig Angesprochene bald dement, bald schon kurz vor dem Tod. Die berndeutsche Grossmeer verkörpert ein grosses Meer der Liebe, aber eben auch eine Generationen alte Last. Erst durch das Eintauchen der Erzählfigur in die eigene Vergangenheit nimmt diese Last Form an – väterlicherseits in Gestalt einer uralten Blutbuche, die vom sozialen Aufstieg erzählt; mütterlicherseits durch Hexen, Prostituierte und andere Unangepasste.

Doch um sich selbst zu werden, gilt es für Kim, beides gleichermassen hinter sich zu lassen. Denn den eigenen Körper selbstbestimmt zu formen heisst eben auch, die Verbindung zur Vergangenheit zu zerschneiden, die Fesseln der Herkunft zu erkennen und auszubrechen. Und so schreibt Kim der Grossmeer zum Schluss in englischen Briefen aus dem Tessin:

To be loyal to your blood, to your family, means to not lead your own life. To be loyal is to carry the Truckli of the parents, to empty oneself and put oneself into one’s child. And foremost, to be loyal means to be silent about all of this, this curse; to name it is to break it, and that is why I am betraying you.

Das Truckli als Schablone, in das wir gefälligst passen sollen. Dabei ist es so schön, als Körper auf der Suche zu wabern und manchmal zu strahlen. Und wenn wir in dieser Welt leben, ist das auch eine Performance, eine Übung. Eine Übung darin, hier zu sein und die Reibung auszuhalten.

Überhäuft mit schlechten Bewertungen

Wer jedoch Normen so performativ und sprachmächtig aufbricht und unterwandert wie Kim de l’Horizon dies tut, erntet leider oft Gewalt. Zum Beispiel in der Form der Faust, die in der gänzlich unfiktionalen U-Bahn zuschlägt. Oder der Faust, die vom abtretenden SVP-Bundesrat Ueli Maurer – der Inbegriff gesellschaftlicher Normierung – in die Magengrube fährt, wenn dieser sich ja kein «Es» als Nachfolge wünscht. Aber auch in der digitalen Form des «Review Bombing» auf Amazon, wo das Buch mit schlechten Bewertungen und Hasskommentaren überhäuft wird – bloss weil es von einer Person geschrieben ist, die nicht ins eigene Weltbild passt.

Diese Gewalt gehört zum System, das hilflos versucht, die grossartige, laute, vor-den-Kopf-stossende, sensible und berührende Literatur einer queeren Person zum Verschwinden zu bringen. Dass Kim de l’Horizon den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, ist natürlich ein politisches Statement – alles ist bekanntlich politisch. Doch die Auszeichnung gilt eben primär einem literarischen Werk, das sprachlich genauso wunderschön hadert wie die Erzählstimme. So ist die Erzählung selten linear, wie sich auch die Selbstfindung in Spiralen, Knäueln und Knöpfen entfaltet. Mal mäandert der Ton, fliesst vom Schriftdeutschen in die Mundart, vermischt sich und endet dann im Englischen – weil sich halt gewisse Dinge in der eigenen «Meersprache» nicht sagen lassen.

Mal lesen wir akribisch recherchierte Biografien und obskure Forschung über die erste Blutbuche Europas. Dann wieder werden wir mit expliziten queeren Sexszenen überschüttet, bevor wir in einen reissenden Bewusstseinsstrom eintauchen – ohne Punkt, ohne Komma, ohne Satzende und -beginn:

ich will das nicht ich will das tun nein nicht wer hat diese Feldmarschallsgewalt in mich gepflanzt wer hat dieses Zepter in mich genäht wer hat diese Granitsäule der Unterwerfungslust in mir aufgestellt wer hat diese Härte in mich gebrannt mit der ich sein weidenkätzchenzartes Versteck niederreisse wer hat diese Wörter in mein Ficken gescriptet woher diese Niedertracht

Kim de l’Horizons Buch ist damit auch ein Mahnmal an das Leben: niemals schwarz und weiss – es explodiert vielmehr in Grautönen und Farben und Licht und Schatten und allem dazwischen und darüber hinaus. Wer in das Blutbuch eintaucht, fördert die Widersprüchlichkeiten des eigenen Lebens zu Tage. Anlass genug, «statische Dinge in fliessende Relationen zu bringen».

Für die Jury des Deutschen Buchpreises ist das ein «Befreiungsakt von den Dingen, die ungefragt weitergetragen werden: Geschlechter, Traumata, Klassenzugehörigkeiten». Und es ist auch ein Aufruf, die Suche nach dem eigenen Körper, dem eigenen Leben, nicht aufzugeben – trotz aller Widrigkeiten.

Kim de l’Horizon: Blutbuch. Dumont Verlag, 336 Seiten. Als Hausautor*in an den Bühnen Bern hat Kim de l'Horizon das Stück «Hänsel & Greta & The Big Bad Witch» geschrieben, das aktuell im Vidmar 2 läuft.

tracking pixel

Das könnte dich auch interessieren

Diskussion

Unsere Etikette
Martin Bichsel
01. November 2022 um 11:45

Wie wichtig, dieser Buchpreis. Wie wichtig, dieser Beitrag. Vielen Dank dafür.

Sarah Leonor Müller
31. Oktober 2022 um 20:27

Dieses Buch ist grossartig. Ungewohnt, direkt, frappierend. Irgendwie auch sehr einzigartig – dieser Stil – in der Schweizer Literatur. Es ist sprachgewaltig, ausdrucksstark und enorm spielerisch. Ich war überrascht: Einen Pageturner hatte ich - zugegebenermassen - nicht erwartet. Man wird dem Autor/der Autorin und dessen/deren Sprachkunst nicht gerecht, wenn man den Buchpreis alleine als ein politisches Statement liest. Ich freue mich jedenfalls, sollte er in Zukunft weitere Bücher herausbringen.