Darum tritt der ganze UPD-Verwaltungsrat ab
Knall in der Psychiatrie: Der ganze Verwaltungsrat der UPD und auch der CEO gehen. Grund: Das Zerwürfnis mit dem Regierungsrat ist zu gross, wie VR-Präsidentin Patricia Kellerhals bestätigt.
Die Mitteilung des Kantons am Dienstagmorgen ist kurz und trocken – birgt aber Sprengkraft. Die Gesundheitsdirektion von SVP-Regierungsrat Pierre Alain Schnegg nimmt darin Kenntnis vom Entscheid des UPD-Verwaltungsrats, für die kommenden Wahlen im Juni nicht mehr anzutreten. Gleichzeitig wird auch schon ein Nachfolger der jetzigen Präsidentin Patricia Kellerhals verkündet.
Es ist der Schlussstrich unter einer schwierigen Beziehung. Seit gut einem Jahr ist die Stimmung zwischen der Leitung der Universitären Psychiatrischen Dienste (UPD) und ihrem Eigner, dem Kanton, schlecht, wie die «Hauptstadt» in einer Auslegeordnung vor einigen Wochen aufgezeigt hat.
Vertrauenskrise
Es handelt sich um eine schwerwiegende Vertrauenskrise. Denn der UPD-Verwaltungsrat wurde und wird vom Regierungsrat gewählt. Es gibt Verwaltungsräte, die in den letzten Jahren ein halbes Dutzend Mal von der Berner Regierung im Amt bestätigt wurden. Nun treten sie in globo zurück. Zudem gibt auch der UPD-Geschäftsleiter Oliver Grossen seinen Posten auf, wie die UPD in einer Mitteilung am selben Tag bekanntgeben. Die strategische und operative Führung der UPD wird also komplett ausgetauscht.
Als Verwaltungsratspräsident übernehmen soll laut der Gesundheits- und Integrationsdirektion (GSI) Christoph Egger. Er war während der Corona-Pandemie für die GSI tätig und anschliessend für den kantonalen Sonderstab Ukraine zuständig. Vorher leitete der ausgebildete Arzt verschiedene Spitäler. Sein Profil ist ähnlich wie das seiner Vorgängerin Patricia Kellerhals.
Mehr zu den Gründen des Wechsels will die GSI auf Anfrage der «Hauptstadt» nicht sagen. Offener ist VR-Präsidentin Patricia Kellerhals. Sie sagt zur «Hauptstadt», dass der erste Schritt für das Nichtantreten zur Wiederwahl Anfang März vom Verwaltungsrat ausgegangen sei.
«Wir boten an, unsere Sitze zur Verfügung zu stellen, falls wir zukünftig nicht lösungsorientiert arbeiten können», sagt sie. Es sei ein Angebot «zugunsten der psychiatrischen Versorgung» gewesen.
Darauf habe die GSI laut Kellerhals dem Verwaltungsrat eröffnet, dass der Kanton bereits begonnen habe, Verwaltungsrät*innen zu suchen.
Sie sagt klar: «Der medizinische Brennpunkt der nächsten zwanzig Jahre wird nicht mehr Übergewicht, sondern die Psychiatrie sein.» Wenn man das erkenne, wisse man, wie wichtig es sei, hier zu investieren.
«Wir spürten deutlich, dass unsere strategischen Entscheide nicht vom Kanton getragen werden.» Damit meint sie einerseits die Kooperationsprojekte der UPD mit dem Inselspital, der Siloah und zuletzt dem Psychiatriezentrum Münsingen (PZM). So wird eine zügige Fusion mit dem PZM von beiden Institutionen aus finanziellen Gründen angestrebt, vom Kanton aber eher gebremst. Der Grund: Der Kanton findet, die beiden Institutionen sollen zuerst separat finanziell gesunden.
«Wir waren der Meinung, es brauche eine schnelle Fusion, weil viele Strukturen renovationsbedürftig sind und etliche Bauentscheide anstehen», sagt die VR-Präsidentin. Inzwischen seien die Schlussfolgerungen des Verwaltungsrats zur Fusion aber auch durch die Beratungsfirma KPMG bestätigt worden.
Die Universitären Psychiatrischen Dienste (UPD) haben im vergangenen Jahr einen Verlust von 21,9 Millionen Franken eingefahren. 2022 betrug er noch 2,4 Millionen Franken. Als Gründe nennt die Institution einen starken Kostenanstieg und nicht ausreichende Tarife. Die Tarife seien seit mehreren Jahren nicht mehr kostendeckend. Die nun geltenden provisorischen Tarife seien weiterhin zu tief und verschärften die finanzielle Schieflage.
Die Lohnteuerung, welche vor allem durch die generelle Lohnerhöhung im Rahmen des GAV der Berner Spitäler erfolgte und die zur Linderung des Fachkräftemangels notwendigen strukturellen Lohnkorrekturen trugen zu den Mehrkosten bei. Zudem erhöhte die UPD das medizinische Fachpersonal um 41 Vollzeitstellen, um den erhöhten Bedarf zu bewältigen. Die UPD habe auch vermehrt Temporärmitarbeitende beschäftigt, um dem Fachkräftemangel zu begegnen.
Bereits 2021 wurde eine Strategie verabschiedet, um die Verluste zu minimieren und ein längerfristiges Wachstum zu sichern. Im Februar 2024 setzte die UPD einen Krisenstab ein, um die Kosten weiter zu reduzieren und die Wirtschaftlichkeit zu verbessern. (sda)
Kellerhals spricht aber auch allgemein von unterschiedlichen Ansichten bezüglich der Finanzierungsproblematik. So hatte sich der Kanton Anfang Jahr von diversen Sparmassnahmen der UPD distanziert. Sie hatte bei niederschwelligen Angeboten angesetzt, weil sie nur dort Handlungsspielraum sah. Der Kanton wiederum beharrte darauf, dass es der eigenständig gefällte Entscheid der UPD war, genau dort zu sparen.
«Psychiatrie kostet», sagt Kellerhals.
«Platz machen für Neues»
Fest steht: Das Angebot des Rücktritts als Gesamtgremium wurde vom Kanton angenommen. Die GSI wird bei der Neubesetzung der frei werdenden Sitze im Verwaltungsrat der UPD laut einer Medienmitteilung bereits die geplante Fusion mit dem Psychiatriezentrum Münsingen berücksichtigen und plant, Synergien herzustellen.
«Die Kooperations- und Finanzierungsprojekte muss man partnerschaftlich umsetzen können», sagt Kellerhals. Als Gremium hätten sie abgewogen, was besser sei für Patient*innen und Mitarbeiter*innen und entschieden: «Platz machen für Neues ist wichtiger als der Wissensverlust durch unseren Abgang.»
Angesichts der jüngsten Äusserungen des zuständigen Regierungsrates Pierre Alain Schnegg, wonach eine Fusion mit Münsingen sinnvoll sei, ist Kellerhals zuversichtlich, «dass man das Fusionsprojekt unter neuer Führung gut umsetzen kann.» Man müsse sich einfach bewusst sein, dass die heutigen psychiatrischen Strukturen teuer seien.
Sie fühlt sich erleichtert. «Wir haben viel erreicht.» Nur etwas sei ihr noch wichtig: Sie wolle sich bei den Mitarbeiter*innen bedanken. Sie seien es, die tagtäglich die schwierige und wichtige Arbeit verrichten würden. «Das geht gerne vergessen.»