Wenn frustrierte Männer extrem werden

Internetforen von Männern, die sich als Emanzipationsverlierer sehen, sind neu auch im Fokus der schweizerischen Extremismusbekämpfung. Die Podcast-Staffel «Das Netz» zeigt auf, was in der Incel-Szene abgeht.

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Hohes Radikalisierungspotenzial: Incel-Foren im Internet (Bild: zvg)

Incel ist die Abkürzung für: Involuntary Celibate. Auf Deutsch: unfreiwillig zölibatär. Es sind Männer, die unfreiwillig alleinstehend sind und gemäss ihrer Selbstwahrnehmung keine längerfristigen sexuellen oder romantischen Be- ziehungen mit Frauen pflegen können. Sie treffen sich virtuell in Incel-Foren im Internet, das Netzwerk ist international.

«Das Netz» in der «Hauptstadt»

«Das Netz» ist eine Redaktion, bestehend aus neun Journalist*innen, die den Masterstudiengang Multimedia Communication and Publishing der Hochschule der Künste Bern (HKB) absolvieren. Sie haben eine gleichnamige Podcast-Serie zu Subkulturen im Internet recherchiert, produziert und im Mai 2022 erstmals publiziert. Die «Hauptstadt» macht die vier Podcast-Staffeln im Original inklusive Illustrationen ihren Abonnent*innen zugänglich.

Die vier «Netz»-Staffeln, die jeweils mehrere Folgen umfassen, behandeln die Themen Schweizer Memes, Incels, Pro-Ana, und NFTs. Hier findest du die dritte Staffel zum Thema Incels.

Grob gesagt verstehen sich Incels als Emanzipationsverlierer, sie sehen den Feminismus als Ideologie, mit der die bestehende, aus ihrer Sicht «richtige» Geschlechterhierarchie gestürzt wurde. Entsprechend gross ist der Frauenhass, der in Incel-Foren grassiert – ebenso jedoch der Hass gegen sogenannte Alpha-Männer, die Erfolg bei Frauen haben. In ihrer Selbstwahrnehmung können Incels gesellschaftlich kaum tiefer sinken, was ihre Radikalisierungstendenz verstärkt.

Aus diesem Grund werden sie immer stärker auch als Gefahr für die innere Sicherheit betrachtet. In den USA gelten Incel-Foren als Rekrutierungspools für die extreme politische Rechte. Auch Anschläge wurden aus dieser Szene heraus verübt.

Schweiz wird aktiv

Auch in der Schweiz schenken die Behörden den Incels neuerdings verstärkt Beachtung. Anfang Jahr ist der neue «Aktionsplan zur Verhinderung und Bekämpfung von Radikalisierung und gewalttätigem Extremismus» in Kraft getreten, die die Incel-Problematik explizit anspricht.

Laut dem Aktionsplan hat die Zahl von Incel-Foren in Europa zugenommen, einzelne Plattformen seien wegen dem Gefahrenpotenzial bereits gesperrt worden. In der Schweiz soll die Radikalismusbekämpfung gemäss dem Aktionsplan vermehrt «auf Basis geschlechtersensibler Analysen und Ansätze erfolgen».

Die Redaktion «das Netz» ist tief in die Unterwelt der Incel-Foren eingetaucht. Die Journalist*innen Loredana di Fronzo und Kaspar Keller führen in der fünfteiligen Podcast-Staffel, begleitet von viel Expert*innenwissen, in eine Unterwelt mit erschreckender Gewaltbereitschaft. Entsprechend wichtig ist die Inhaltswarnung, die wir in der Einleitung zu jeder Folge wiederholen: Es kommen sexualisierte Gewalt, Attentate, Frauenhass und Suizid zur Sprache. 

Folge 1: Nice Guys finish last – unfreiwillig Single

Incel steht heute vor allem für eines: für eine von Hass geprägte Internet-Subkultur.

In der ersten Folge lernen wir Sebastian* kennen. Während zwei Jahren war er Teil der Community und als solches regelmässig in Incel-Foren unterwegs. Wir wollen von ihm wissen, wie er in diese Szene gerutscht ist?  (*Name geändert) 

Inhaltswarnung: Sexualisierte Gewalt, Attentate, Frauenhass 

Folge 2: Selbstmedikation – die schwarze Pille

Incels waren noch nie in einer Beziehung. Trotzdem glauben sie zu verstehen, wie Frauen ticken. In der zweiten Folge tauchen wir ab in die Ideologie der radikalen Incels: die sogenannte Black Pill.

Mit evolutionspsychologischen Argumenten begründen Incels, wieso sie scheinbar die genetische Lotterie verloren hätten. Zu klein, zu hässlich oder aus einem anderen Grund zu unattraktiv – deshalb seien sie zu einem sex- und beziehungslosen Leben verdammt.  

Inhaltswarnung: Sexualisierte Gewalt, Attentate, Frauenhass

Folge 3: Frauen – verhasst und doch begehrt

In radikalen Incel-Foren werden Frauen systematisch erniedrigt und entmenschlicht. Dennoch kann nur eine Frau einen männlichen, heterosexuellen Incel von seinem Elend erlösen.

Wie passt das Frauenbild der Incels mit deren Beziehungswunsch zusammen? Und weshalb sind viele Incel-Männer davon überzeugt, dass es keine Femcels, also weibliche Incels, geben kann? 

Inhaltswarnung: Sexualisierte Gewalt, Attentate, Suizid, Frauenhass 

Folge 4: Aus Hass wird Gewalt – wie gefährlich sind Incels?

Wer nach dem Begriff Incel googelt, stösst unvermeidbar auf Medienberichte über Attentate, die von Incels begangen wurden. 

In diesem Zusammenhang drängen sich verschiedene Fragen auf: Welche Rolle spielen die radikalen Incel-Foren? Wie steht die Community selbst zu diesen Attentaten? Und nicht zuletzt: Welche Gefahr stellen Incels für sich selbst dar?

Diesen Fragen gehen wir in der vierten Folge dieser Staffel nach. 

Inhaltswarnung: Sexualisierte Gewalt, Attentate, Suizid und Frauenhass 

Folge 5: Detox!

Im Staffelfinale findest du heraus, wie sich Sebastian* von der Community gelöst hat.

Zudem hörst du von Markus Theunert, Gründer des Dachverbands der progressiven Männer- und Väterorganisationen maenner.ch, weshalb die Incel-Community nicht einfach als Internet-Phänomen verstanden werden kann. (*Name geändert) 

Inhaltswarnung: Sexualisierte Gewalt, Attentate, Frauenhass 

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Diskussion

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Georg Graf
26. Januar 2023 um 23:13

Auch hier wieder: habe extrem viel gelernt!