Der mit dem Flair für Zahlen
«Hauptstadt»-Wahl-Check: Regierungsrat Pierre Alain Schnegg (SVP, bisher) hat viel Macht, steht hin, hat aber nicht immer ein gutes Gefühl für Menschen.
Gefühlsregungen sind bei Pierre Alain Schnegg selten sichtbar. Für ein Lächeln verziehen sich die Lippen nur kurz, öfter drückt er sie schmal zusammen. Der Händedruck ist ebenfalls mehr eine flüchtige Streifung und sehr schlaff. Der SVP-Regierungsrat auf dem Jura-Sitz, seit 2016 im Amt, ist keiner, der auf den ersten Moment Ausstrahlung hat. Rein äusserlich wirkt er eher wie ein träger Verwalter.
Partei: SVP
Alter: 63
Wohnort: Champoz im Berner Jura
Zivilstand: verheiratet, 4 Kinder
Interessenbindungen: aktives Mitglied der konservativen Freikirche Gemeinde für Christus
Bringt mit*: Wille zu Veränderungen, Sprachen, Nähe zum Parlament, Bereitschaft, hinzustehen, Belastbarkeit, schnelle Auffassungsgabe, taktisches Geschick
Daran haperts: Ausstrahlung, Geselligkeit, gutes Gefühl für Menschen
*Diese Einteilung folgt aufgrund von zehn Schlüsselkompetenzen, die die «Hauptstadt» nach zahlreichen Hintergrundgesprächen definiert hat. Es sind Kompetenzen, die ein Berner Regierungsmitglied mitbringen sollte. Die Kompetenzen kannst du hier nachlesen.
Allerdings vereint er eine grosse Macht auf sich. Und er hat ein Machtbewusstsein. Schnegg, der am 29. März zur Wiederwahl antritt, leitet mit der Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion (GSI) die mit Abstand grösste Direktion und hat dort in den letzten Jahren viele Veränderungen angestossen. Allen voran die Digitalisierung. Als eine der ersten Amtshandlungen hat Schnegg den Posten eines Leiters Digital Management geschaffen. Dieser ist seit neun Jahren dafür zuständig, dass immer mehr Daten in einem System zusammenlaufen. Man kann sich das vorstellen wie ein Cockpit, das Pierre Alain Schnegg, der früher eine Informatikfirma führte, jeden Morgen aufrufen kann.
Ganz egal, ob es sich dabei um Belegungszahlen der Asylzentren handelt oder um aktuelle Patient*innendaten im Inselspital.
Mit Zahlen, vor allem, wenn sie schlechter ausfallen als eingeplant war, kann er auch seine Kadermitarbeitenden konfrontieren. Dabei ist Pierre Alain Schnegg knallhart, wie das Beispiel der entlassenen Führungsriege bei den Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPD) zeigt.
Entscheidet über Köpfe hinweg
Schnegg hat ein Flair für Zahlen, er ist kostenbewusst. Und er führt die GSI ein bisschen so, wie man eine Firma führt. Immer auf Effizienzsteigerung aus, immer alle Zahlen im Blick. Und mit dem Willen, sich selbst als Macher zu präsentieren.
Ein gutes Händchen hat er für Führungspersonen in seinem nächsten Umfeld. Ein weniger gutes Händchen hat er beim Einbezug aller Betroffenen bei heiklen Entscheiden wie Spitalschliessungen oder einer neuen Sozialhilfestrategie. Da entscheidet er öfter mal über Köpfe hinweg, was für den einen oder anderen Aufschrei in den Gemeinden gesorgt hat.
Am 29. März wählen die Stimmberechtigten des Kantons Bern den siebenköpfigen Regierungsrat und den 160-köpfigen Grossen Rat für die nächste vierjährige Legislatur. Für die Regierung kandidieren 16 Personen, ernsthafte Chancen auf eine Wahl haben die zehn Personen aus den grössten Parteien. Das sind die Bisherigen Pierre Alain Schnegg (SVP), Philippe Müller (FDP), Astrid Bärtschi (Mitte) und Evi Allemann (SP) sowie die neu kandidierenden Daniel Bichsel (SVP), Raphael Lanz (SVP), Aline Trede (Grüne), Reto Müller (SP), Hervé Gullotti (SP) sowie als Aussenseiter Tobias Vögeli (GLP).
Die «Hauptstadt» schätzt in den kommenden Wochen jede*n dieser Kandidat*innen aufgrund des von der «Hauptstadt»-Redaktion recherchierten Stellenprofils ein. Dieses Porträt von Pierre Alain Schnegg ist die erste solche Einschätzung.
Auch mit der Opferhilfestrategie war er glücklos. Die von seinem Amt erarbeitete Strategie, die unter anderem ein neues Mädchenhaus beinhaltete, wurde 2024 vom Parlament zurückgewiesen. Der Hauptgrund: Alle Massnahmen hätten kostenneutral durchgeführt werden müssen. Zusätzliche Ausgaben also anderswo mit Einsparungen kompensiert werden müssen. Seither ist die Opferhilfestrategie blockiert, im März wird sie erneut in den Rat kommen. Es ist die vielleicht grösste politische Niederlage von Schnegg in den letzten Jahren.
Corona hat er gut gemeistert
Respekt hat er sich während Corona verschafft, wo er zwar unpopuläre Entscheidungen traf, so beispielsweise eine generelle Maskenpflicht an Schulen während der zweiten Covid-Welle. Wo er aber auch klar und verlässlich hinstand und einen strengen, aber konsistenten Kurs verfolgte.
Pierre Alain Schnegg ist erst 2013 der SVP beigetreten. Ein Jahr später wurde er in den Grossen Rat gewählt, noch einmal zwei Jahre später bereits in den Regierungsrat. Er hat den politischen Aufstieg im Schnelldurchlauf absolviert. Dabei hilft sicher, dass er aus dem Berner Jura stammt, wo es vergleichsweise wenig Konkurrenz gibt.
Obwohl Schnegg von linker Seite sehr oft angefeindet wird, sitzt er fest auf dem (Jura-)Sitz. Es ist nahezu undenkbar, dass er von seinem Kontrahenten, Hervé Gullotti (SP), geschlagen werden könnte.
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