Gesucht: Mitglied des Regierungsrats (m/f/any), 100 %
Die Berner Kantonsregierung wird am 29. März neu zusammengestellt. Was muss eine Person können, um gut zu regieren? Das «Hauptstadt»-Stellenprofil für den Regierungsrat.
Einer der exklusivsten Jobs im Kanton Bern ist sieben Personen vorbehalten. Der Berner Regierungsrat lenkt die politischen Geschicke für 1,1 Millionen Einwohner*innen und verfügt über ein jährliches Budget von 14 Milliarden Franken. Zudem steuert er einen Verwaltungsapparat mit gemäss HR-Reporting 12’500 Angestellten. Zählt man zusätzlich alle Lehrpersonen und Dozierenden hinzu, vergibt der Kanton Bern laut einer Analyse von Bund/BZ (Abo) 28’000 Vollzeitstellen und ist der mit Abstand grösste Berner Arbeitgeber.
Am 29. März wählen die Berner Stimmberechtigten die sieben Regierungsrät*innen. Jetzt schon steht fest, dass das Team eine substanzielle Erneuerung erfährt. Die Bisherigen Christine Häsler (Grüne), Christoph Ammann (SP) und Christoph Neuhaus (SVP) treten nicht mehr an. Mindestens drei Sitze werden neu besetzt, käme es zu einer Abwahl, wären es sogar deren vier.
Zehn Schlüsselkompetenzen
Parteipolitische Präferenzen sind bei der Besetzung des Regierungsrats per Volkswahl das vordergründig wichtigste Kriterium. Gleichzeitig handelt es sich um einen exponierten Führungsjob, der aussergewöhnliches Geschick und vielfältige Begabungen erfordert. Es gibt keine Ausbildung, in der man gutes Regieren lernen kann. Was muss eine Person eigentlich mitbringen, damit sie gut regiert? Was würde in einer Stellenausschreibung stehen, wenn es sie gäbe?
Um die Schlüsselkompetenzen für das Regierungsamt zu benennen, hat die «Hauptstadt» zahlreiche vertrauliche Gespräche geführt, etwa mit ehemaligen und aktuellen Regierungsrät*innen, mit Kaderangestellten, mit Parlamentarier*innen. Herausgefiltert haben wir eine Liste von zehn wichtigen Skills für die Arbeit im Berner Regierungsrat.
Am 29. März wählen die Stimmberechtigten des Kantons Bern den siebenköpfigen Regierungsrat und den 160-köpfigen Grossen Rat für die nächste vierjährige Legislatur. Für die Regierung kandidieren 16 Personen, ernsthafte Chancen auf eine Wahl haben die zehn Personen aus den grössten Parteien. Das sind die Bisherigen Pierre Alain Schnegg (SVP), Philippe Müller (FDP), Astrid Bärtschi (Mitte) und Evi Allemann (SP) sowie die neu kandidierenden Daniel Bichsel (SVP), Raphael Lanz (SVP), Aline Trede (Grüne), Reto Müller (SP), Hervé Gullotti (SP) sowie als Aussenseiter Tobias Vögeli (GLP).
Die «Hauptstadt» schätzt in den kommenden Wochen jede*n dieser Kandidat*innen aufgrund des hier entwickelten Stellenprofils ein. Zusätzlich begleiten wir den Wahlkampf für Regierungsrat und Grossen Rat mit Recherchen und Reportagen.
Die Erstellung dieses Profils ist keine exakte Wissenschaft. Obwohl Regierungsrät*innen öffentliche Personen sind, zeigen sich ihre Schlüsselkompetenzen oft auch im Versteckten, wenn fast niemand zuschaut – etwa an Sitzungen im kleinen Kreis, beim einsamen Aktenstudium, beim Zweifeln nach der Entscheidfindung.
Das sind die zehn Schlüsselkompetenzen für den Regierungsrat.
1. Nähe zum Parlament
Persönliche Erfahrung im Grossen Rat ist mehr als ein Pluspunkt. Wer selbst im Parlament gesessen hat, weiss, wie die Prozesse funktionieren, wo die politischen Schmerzpunkte liegen, wie Mehrheiten entstehen – und welche Personen Einfluss in ihrer Fraktion haben. Dieses Wissen hilft, Vorlagen so zu gestalten, dass sie im Parlament nicht nur verstanden, sondern auch getragen werden. Kurz: Wer weiss, wo die Parlamentarier*innen stehen, kann sie besser «abholen».
Im Kanton Bern ist der gute Draht zum Parlament besonders wichtig: Die Berner Regierung wird vom Grossen Rat aussergewöhnlich eng an der Leine geführt. Als Folge des Berner Finanzskandals in den 1980er-Jahren, als im Regierungsrat illegale Kässeli aufgedeckt wurden, hat der Grosse Rat seine Kontroll- und Aufsichtskompetenzen sukzessive ausgebaut.
2. Gutes Gefühl für Menschen
Politik wird von Menschen gemacht. Wer eine Direktion der Kantonsverwaltung mit teilweise mehreren Tausend Mitarbeitenden führt, muss Teams aufbauen, Führungspersonen auswählen und Vertrauen schaffen. Und dafür sorgen, dass die Motivation hoch ist. Gute Personalentscheide wirken langfristig — schlechte ebenso. Es geht darum, Menschen in Positionen zu bringen, in denen sie Ämter kompetent und glaubwürdig leiten können. «Selbst muss man gar nicht so viel können, wenn man gute Menschen um sich hat, die gut arbeiten und etwas vom Fach verstehen», sagt ein ehemaliger Regierungsrat.
Doch mit der Auswahl und Führung des eigenen Teams ist die politische Arbeit noch nicht erschöpft. Politiker*in sein bedeutet auch, mit unterschiedlichsten Menschen arbeiten zu wollen, die man sich nicht selbst ausgesucht hat. Wer nicht ausserordentliches Interesse an Menschen mitbringt und Berührungsängste hat, ist schlecht aufgestellt für ein Regierungsamt im weitverzweigten, vielfältigen Kanton Bern, sagen langjährige Kaderangestellte der «Hauptstadt». Denn: Auch in einer Regierung menschelt es – und wie.
3. Taktisches Geschick
Eine Regierungsrätin oder ein Regierungsrat arbeitet nicht im luftleeren Raum. Ein gutes Netzwerk im Parlament und ein stabiler Draht zur eigenen Fraktion und sogenannten Opinion Leaders sind entscheidend. Sie helfen, politische Stimmungen früh zu erkennen, Konflikte zu entschärfen und tragfähige Allianzen zu schmieden — gerade bei heiklen Dossiers. Und: Wer einen Regierungsentscheid herbeiführen will, muss fähig sein, diesen vor der Regierungssitzung einzufädeln.
Wichtiger als in anderen Ämtern ist in der Kantonsregierung taktisches Geschick, das über Bern hinausgeht. Regierungsrät*innen sind nicht nur Magistrat*innen, sondern immer stärker auch Lobbyist*innen, sagt eine Politologin. Der Grund: Die Gesetzgebung in der Schweiz verlagert sich von der Kantons- auf die Bundesebene. Um diesen schwindenden Einfluss wettzumachen, schmieden Kantonsregierungen Allianzen untereinander, um ihren Anliegen gebündelt beim Bund Nachdruck zu verleihen. Ebenso wichtig für Regierungsrät*innen: Intensive Vernetzung mit Bundesparlamentarier*innen des eigenen Kantons. Um das optimal zu erfüllen, muss man bereit sein, über parteipolitische Gräben zu springen und sich von der eigenen ideologischen Prägung zu emanzipieren.
Der Regierungs-Job ist vorerst auf vier Jahre beschränkt, danach entscheidet das Stimmvolk, wie es weitergeht. Mitglieder des Regierungsrats können jederzeit vorzeitig zurücktreten.
Wer gewählt wird, erhält als Jahreslohn 115 Prozent des Maximums der höchsten für das Kantonspersonal geltenden Lohnklasse. Das entspricht in diesem Jahr 287’391 Franken, dazu kommen Familien- und Betreuungszulagen.
Insbesondere was Znüni-Spesen angeht, hat der Kanton 2024 das Spesenreglement angepasst: Mitglieder des Regierungsrats erhalten jährlich eine pauschale Aufwandentschädigung von 8000 Franken. Kleinspesen bis zu 50 Franken müssen selbst berappt werden.
Der Präsident oder die Präsidentin des Regierungsrats erhält nochmals eine Zulage von 6000 Franken pro Jahr.
Wer die Wahl in den Regierungsrat schafft, darf zwischen einem Generalabonnement 1. Klasse der SBB und einem reservierten Parkplatz im Rathaus Parking wählen.
4. Bereitschaft, hinzustehen
Als Mitglied der Regierung ist man nicht Mitläufer*in, sondern Entscheider*in. Führungserfahrung hilft, Abläufe zu strukturieren, Prioritäten zu setzen und Verantwortung zu tragen. Im Parlament, wo Entscheidungen kollektiv fallen, stehen Regierungsrät*innen als Kollegialbehörde für ihre Beschlüsse ein — auch dann, wenn sie unpopulär sind.
Noch exponierter sind Regierungsrät*innen ausserhalb des Ratsaals. Regierungsverantwortung übernehmen bedeutet auch, unangenehme Entscheide vor aufgebrachten Bürger*innen irgendwo im Kanton in einer Mehrzweckhalle vertreten zu können – da ist eine ganz andere Sprache nötig als im Parlament, besonders, wenn es um emotionale Themen geht wie etwa den Wolf, Transitplätze für Fahrende oder einen Campingplatz, der wegen Umweltschutzvorschriften geschlossen wird. Ein Machtfaktor in Bern sind zudem die Behörden der 334 Gemeinden des Kantons, die kantonale Vorschriften umsetzen müssen. Regierungsrät*innen müssen vor professionellen Stadtregierungen genauso bestehen wie vor Miliz-Gemeinderäten einer Berggemeinde.
5. Schnelle Auffassungsgabe
Das Amt verlangt Neugier und Durchhaltevermögen. Man muss fähig sein, in sich Interesse für Themen zu wecken, mit denen man sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht beschäftigt hat. Von Finanzfragen zum Gesundheitswesen, von Bauprojekten zur Digitalisierung: Als Regierungsrätin oder Regierungsrat muss man sich in eine Vielzahl von Themen einarbeiten — auch in solche, die einem zunächst fremd sind, das kann harte Arbeit sein.
Dazu ist eine überdurchschnittliche Kapazität gefordert, die wichtigsten Fakten eines Dossiers schnell zu erfassen und ins eigene Argumentarium aufzunehmen. Regierungssitzungen finden in der Regel ohne Fachleute der Verwaltung statt. Das heisst: Wenn in der Diskussion Unsicherheiten auftauchen, hilft es, wenn der oder die Federführende dossierfest ist, um einen Entscheid zu beschleunigen.
6. Belastbarkeit, Grenzen kennen
Wer in der Regierung sitzt, verfügt über vertrauliches Wissen und ist Geheimnisträger*in. Im Unterschied etwa zu Bundesrät*innen haben Regierungsrät*innen keine persönlichen Mitarbeitenden. Praktisch immer ist man in der Rolle des Regierungsmitglieds. Die Möglichkeiten, sich über heikle Dossiers vertraulich auszutauschen oder das eigene Verhalten persönlich und ehrlich spiegeln zu lassen, sind sehr eingeschränkt. Das Gefühl der Einsamkeit kann mindestens vorübergehend schwer wiegen, eine gute Selbsteinschätzung dafür, wann externe Unterstützung hilfreich wäre, ist unabdingbar. Politik ist öffentlich, oft persönlich und nicht selten unbequem. Wer dieses Amt ausübt, braucht ein dickes Fell — und gleichzeitig eine klare innere Haltung.
«Man sieht in diesem Amt in Abgründe, davon muss man sich emotional abgrenzen können», sagt ein Mitglied der Regierung zur Hauptstadt. SP-Regierungsrätin Evi Allemann erzählte in einem Interview mit Tamedia-Blättern, dass sie teilweise nur unter Polizeischutz in Mehrzweckhallen auftrat, wenn sie die Haltung des Kantons erklären musste. Es gab Mitglieder der Regierung, die psychologische Hilfe in Anspruch nahmen, weil sie sehr Belastendes erlebten.
7. Sprachen können
Eine Regierungsrätin übersetzt komplexe Sachverhalte für unterschiedliche Zielgruppen: Verwaltung, Parlament, Medien und Bevölkerung. Klar zu kommunizieren heisst nicht nur, gut zu sprechen, sondern auch gut zuzuhören. Der Kanton Bern ist zudem offiziell zweisprachig, es sei eine «Frage des Anstands», dass man sich auch auf Französisch verständigen könne, sagen enge Regierungsmitarbeitende. Überhaupt müsse man mit vielen Leuten auskommen, heisst es aus dem Rat. Da helfen Sprachkenntnisse.
Und nicht nur in Französisch. Denn dem Regierungsrat obliegt auch die Vertretung des Kantons nach aussen. Die kantonale Standortförderung zum Beispiel knüpft Beziehungen zu Wirtschaftsstandorten in Übersee – jüngst etwa zum brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina. Seit über zehn Jahren unterhält der Kanton Bern einen engen Draht zur chinesischen Metropole Shenzhen und zur japanischen Präfektur Nara. Regierungsrät*innen, die gut Englisch reden und sich gewandt auf dem internationalen Parkett bewegen, sind dafür von grosser Bedeutung.
8. Wille zu Veränderungen
Wer die eigene Zeit in der Kantonsregierung nicht als Verwalter*in des Bisherigen verbringen will, braucht einen Plan für Veränderungen. Auch wenn Verwaltungen von aussen oft als träge gesehen werden, sind Ideen gefragt. Ein Regierungsmitglied kann seiner Direktion die eigene Handschrift aufdrücken und Dossiers enger begleiten oder vernachlässigen.
Um gestalten zu können, braucht es in der Politik Mehrheiten – und in der Regierung die Fähigkeit, diese zu schaffen (vgl. auch: Taktisches Geschick). Verbunden damit ist ein strategisches Flair. Regieren in einem siebenköpfigen Gremium hat mit cleverem Geben und Nehmen zu tun, sagen ehemalige Mitglieder der Kantonsregierung. Also auch mal einen Kollegen oder eine Kollegin, mit der man das Heu politisch nicht auf der gleichen Bühne hat, bei einem Projekt unterstützen – mit der Gewissheit, dass er oder sie bei anderer Gelegenheit für ein eigenes politisches Schlüsselvorhaben stimmt.
9. Geselligkeit
Regierungsrät*innen können ihr Amt in der Freizeit nicht ablegen. Sie sind 24 Stunden lang in ihrer Rolle, auch in der Schlange am Skilift, im ÖV, am Konzert. Auch wenn die Gesichter der Regierungsrät*innen wegen der rückläufigen Medienberichterstattung zu kantonaler Politik weniger bekannt sind als früher, werden sie in der Öffentlichkeit häufig erkannt – und ein allfälliger Fauxpas würde registriert.
Ein wichtiger Teil der regierungsrätlichen Tätigkeit sind Abendveranstaltungen, Empfänge und Eröffnungen, an denen meist eine kurze Rede gefragt ist. Wichtig sei, sagen erfahrene Regierungsrät*innen, dass man diese Events nicht als Pflichterfüllung absolviert, sondern zur Verfügung stehe, um in Gespräche einzutauchen. Diese mentale Präsenz sei wichtig, brauche aber Energie, sagen Befragte mit Regierungserfahrung. Geselligkeit sei aber auch fundamental für das Funktionieren eines Regierungsgremiums. Dort sitzen in der Regel Personen mit intaktem Selbstbewusstsein und starken Eigeninteressen. Auch wenn es banal klingt, sagt eine Person mit viel Regierungserfahrung: Personen, die zu allen den Draht finden, könnten extrem viel zur Dynamik und Effizienz einer Regierung beitragen, weil gutes Regieren besonders bei klaren Mehrheitsverhältnissen sehr oft auch darin bestehe, auf die politische Gegenseite einzugehen.
10. Persönliche Ausstrahlung
Regierungspersonen haben, ob sie wollen oder nicht, eine Aussenwirkung. Die Art und Weise, wie Regierungsrät*innen auftreten, prägt die Wahrnehmung eines Kantons mit. Träge Verwalter*innen festigen das Bild des müden Kolosses Bern. Dynamische, jüngere, kommunikative, vielleicht unkonventionelle Persönlichkeiten brechen dieses Bild auf.
Regierungsverantwortung zu tragen, heisst auch, mit Unvorhergesehenem in der Öffentlichkeit souverän und empathisch umgehen zu können. Der Blick ins Wallis zeigt beispielsweise, wie der dortige Regierungspräsident Mathias Reynard (SP) seit dem ersten Tag der Brandkatastrophe in Crans-Montana gefordert wurde. Er trat direkt nach der Brandnacht sichtlich bewegt vor die Medien, sprach bei der Trauerrede, traf Angehörige. Sein bewegter Auftritt prägte das Bild vom Wallis, von der dortigen Regierung und damit auch von der Schweiz.
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