Ein Blick aufs queere Bern

Ein neuer Stadtrundgang gibt szenische Einblicke in die queere Geschichte Berns – und zeigt Momente zwischen Partys und dem Kampf um Gleichberechtigung.

Alice und Veri
Alice (Patrick Bapst Félix) und Veri (Rena Hauser) führen das Publikum zu historischen Orten der LGBT+-Community. (Bild: Simon Boschi)

Ist das Absicht? Das ist mein erster Gedanke an diesem nasskalten Herbstabend auf dem Läuferplatz in der Berner Matte. Hier beginnt der szenische Rundgang «Queer durch Bern – eine Zeitreise gegen den Strom», ein neues Angebot von «StattLand». Der Verein vermittelt in Stadtrundgängen Geschichte und Geschichten von und aus Bern.

Die erste Szene nimmt die Zuschauer*innen mit ins Jahr 1980: Veri und Alice sind auf dem Heimweg vom lesbischen Ausgang im Frauenzentrum. Die Rolle der Alice spielt an diesem Abend ein Mann.

Meine Verwirrung ist mir peinlich, sobald ich sie bemerke. Bin ich wirklich schon überfordert, sobald ich einen Eindruck nicht in eine bereits vorhandene gedankliche Schublade ablegen kann?

Doch zurück zum Rundgang. Alice und Veri sind zwei von fünf Figuren, die die Zuschauer*innen auf dem Rundgang kennenlernen. Gespielt werden sie von zwei Schauspielenden, an diesem Abend Patrick Bapst Félix und Rena Hauser. Während eine Person das Publikum auf dem Weg zur nächsten Szene begleitet, verschwindet die andere und tritt auf dem nächsten Schauplatz wieder auf, in der ersten Hälfte des Rundgangs jeweils in einer neuen Rolle. Alle Figuren sind auf dem Heimweg vom Ausgang, der sich zu einer Reise durch die letzten 50 Jahre der queeren Geschichte Berns entpuppt.

Der lange Weg aus dem Schatten

Alice hat sich 1978 in der Fernsehsendung «Telearena» öffentlich für die Sichtbarkeit von Lesben stark gemacht. Veri wohnt in Worb, war zum ersten Mal im lesbischen Ausgang und muss dies vor ihren Eltern verheimlichen. Durch Alice’ Auftitt in der «Telearena» fand Veri den Mut, mit anderen lesbischen Frauen Kontakt aufzunehmen. 

Lorenzo begegnet in den 90er-Jahren auf dem Heimweg aus dem Schwulen-Club anderLand am Mühleplatz Fredi, der im Ursus Club gefeiert hat, einem Kellerlokal für Schwule an der Junkerngasse 1. Während Lorenzo sich in der Homosexuellen Arbeitsgruppe Bern – die heute «hab queer» heisst – für die Rechte von Schwulen einsetzt, ist Fredi Politik egal, solange er «von den Bullen ungestört frei feiern und bumsen kann». 

Der Verein «hab queer» wird 50

Seit 1972 setzt sich die Homosexuelle Arbeitsgruppe Bern, heute «hab queer», für die Gleichstellung von LGBT+-Menschen ein, vor dem Gesetz und in der Gesellschaft. Zu ihrem 50. Geburtstag hat «hab queer» angeregt, die queere Geschichte Berns in einem Stadtrundgang zu beleuchten. Mehr Infos zu «hab queer» findest du hier

Sind die ersten Dialoge für mich noch recht anspruchsvoll, da ich den historischen Kontext bisher nicht kannte, fühle ich mich von der nächsten Szene gedanklich in der heutigen Zeit abgeholt. 

2008 trifft Alex spätnachts auf einen mittlerweile gealterten Lorenzo und erzählt begeistert von einem Treffen mit der trans Frau Louise. Als Lorenzo, der Alex bisher als Mann wahrnahm, merkt, dass Alex sich gerade ebenfalls als trans Frau outet, reagiert er zuerst mit Zurückhaltung. Er hat Angst, dass Alex wegen ihrer Geschlechtsidentität schlecht behandelt werden könnte und realisiert, dass er wenig über das Leben von trans Personen weiss. 

Meine Verwirrung vom Anfang ist mir jetzt nicht mehr ganz so unangenehm. Dass auch die Figur Lorenzo trotz seines Schwul-Seins über Ängste und Vorurteile stolpert, zeigt mir, dass es wohl für alle schwierig ist, aus vertrauten Denkmustern auszuscheren. 

Wohin gehöre ich – wer steht zu mir?

Identitätsfragen, Zugehörigkeit und Ausgrenzung und somit auch das Einteilen in Kategorien sind die Themen des Abends. «Wie sieht’s denn bei euch aus? Wann merkt ihr im Alltag, dass euer Geschlecht eine wichtige Rolle spielt?», fragt Lorenzo einmal das Publikum.

Die Reise durch die queere Geschichte von Bern endet im Marzili. Dort zeigt Lorenzo Alex seinen Herzensplatz in der ehemaligen Männerbadi. Diese wurde 2019 saniert und für alle geöffnet, oder aber «heteronormalisiert», wie Lorenzo findet: «Ich hätte meinen Safe Space auch weiterhin gebraucht. Was ich nicht brauchte, war die Ausgrenzung, die stille Wegtreibung zugunsten der Hetis und Familien. Als ob die nicht schon genug Platz gehabt hätten!» 

Lorenzo und Alex in der ehemaligen Männerbadi
Lorenzo (links) zeigt Alex seinen Herzensplatz in der ehemaligen Männerbadi. (Bild: Simon Boschi)

Dass sich queere Menschen in Bern nicht mehr verstecken müssen, hat zur Folge, dass auch die Treffpunkte der schwulen und lesbischen Community nach und nach verschwunden sind. Die Zeitreise aareaufwärts, gegen den Strom, wie die Kämpfe der LGBT+-Bewegung, nimmt die Zuschauer*innen mit an diese Orte. Die Geschichten von Veri, Alice, Fredi, Lorenzo und Alex – alle angelehnt an reale Lebensläufe – zeigen, dass Identität und Selbstverständnis an ein Zugehörigkeitsgefühl geknüpft sind. Ein Gefühl, das möglich wird, wenn man sich selbst einer Gruppe zuordnen kann. 

Und hier finde ich die Antwort auf meine Frage vom Anfang. Egal, ob das Spiel mit den Geschlechtern Absicht ist oder nicht, es hat etwas ausgelöst: Die Erkenntnis, dass es nach wie vor schwierig zu sein scheint, jenseits aller Kategorien zu denken. Aber auch, dass die Anzahl Schubladen im Kopf beliebig erweiterbar ist, weil gedanklicher Spielraum ebenso wenig begrenzt ist wie menschliche Vielfalt.  

Weitere Durchführungen des Rundgangs «Queer durch Bern – eine Zeitreise gegen den Strom» finden am 7., 16. und 22. Dezember jeweils um 18 Uhr statt. Mehr Informationen und Anmeldung auf stattland.ch.

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