Trauma, Aktien und die Nase von Papa

Wir alle erben auf irgendeine Art und Weise. Aber wie gehen wir damit um? Das Berner Generationenhaus lädt in einer neuen Ausstellung dazu ein, den Status Quo zu hinterfragen.

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Was hast du geerbt? In dieser Ausstellung kannst du dein Erbe sichtbar machen und mit anderen vergleichen. (Bild: Generationenhaus/Rob Lewis)

Wer «Erben» hört, denkt wohl als erstes an Geld oder Immobilien. Wer selbst schon geerbt hat weiss: Mit diesen Ressourcen ist plötzlich sehr viel mehr möglich als vorher. Und wer nicht (viel) erben wird, ist sich dem auch bewusst. Ob es fair ist, dass wohlhabende Menschen ihren Reichtum an ihre Nachkommen weitergeben, ist im Jahr 2024 nicht nur wegen der «Initiative für eine Zukunft» der SP-Jungpartei ein Thema.

Auch das Berner Generationenhaus am Bahnhofplatz hat sich mit dem Erben auseinandergesetzt. «HILFE, ICH ERBE!» – lautet der Titel der Ausstellung, die ab heute, dem 16. November, im Berner Generationenhaus zu sehen ist. Wer sich darauf einlässt, darf sich zuallererst neu einkleiden. Am Eingang erhält man eine Weste, an der Stoffstücke mit Klettverschluss angemacht sind. Auf jedem Stoffstück ist ein Begriff oder ein Bild zu sehen. Ein Faultier zum Beispiel oder Wörter wie «Privilegien», «Trauma» oder «Aktien». Dabei handelt es sich um das Erbe einer Person, die die Ausstellung bereits besucht hat. Unterwegs in den Ausstellungsräumen können sich Besuchende dann eigene Stoffstücke aussuchen und sich so ihr eigenes Erbe anheften.

Die Weste ist ein Sinnbild. «Damit wollen wir zeigen, dass niemand mit einer weissen Weste auf die Welt kommt. Wir alle bekommen einen unterschiedlich grossen Rucksack mit auf den Weg», sagt Mike Fässler. Zusammen mit einem Team hat er die Ausstellung konzipiert.

 Anderthalb Jahre sind vergangen von der Idee bis zum fertigen Projekt. Und entstanden ist eine Ausstellung, die einem das Thema «Erben» auf vielfältige Weise näher bringt. In vier Räumen im Kellergewölbe des Ostflügels des Berner Generationenhauses führt die Erlebnistour von juristischen Ausführungen über psychologische und biologische Facts bis hin zu gesellschaftspolitischen Überlegungen.

 Ist Erben gerecht?

Auch die Frage der Gerechtigkeit greift die Ausstellung auf. 2020 seien 95 Milliarden Franken vererbt worden, vor dreissig Jahren seien es noch 36 Milliarden gewesen, heisst es in einem der Ausstellungsräume. «Die Erbsumme wird immer grösser», so Fässler. «Dabei erben sehr viele Menschen sehr wenig und sehr wenige Menschen erben sehr viel», fügt der Programmmitarbeiter des Berner Generationenhauses an.

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Die Ausstellung führt durch vier Räume, alles in blau, rot und weiss gehalten. (Bild: Generationenhaus/Rob Lewis)

Anhand von Kuchendiagrammen wird einem vor Augen geführt, wie diese Zahlen zueinander im Verhältnis stehen. Um der Frage der Gerechtigkeit nachzugehen, arbeitet das Berner Generationenhaus mit «Hauptstadt»-Kolumnist Christian Budnik zusammen. Er ist einer der Fachpersonen, die die Ausstellungsthemen in Veranstaltungen vertiefen.

Erben ist Zufall

Ein anderes Ausstellungsrequisit, das die Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist ein grosses Rad: Die Lotterie der Erbschaft. Stösst man es an, kommt das Rad nach einigen Umdrehungen zum Stehen und zeigt dabei an, ob man null, fünf oder zehn Punkte erzielt. Gutes Aussehen: 10 Punkte Schönheit. Getrennte Eltern: 0 Punkte Bindungsverhalten. Wer nach fünfmal drehen mehr als 35 Punkte schafft, hat gewonnen.

Neben den interaktiven Komponenten, punktet die Ausstellung auch mit Beiträgen zum Hören und Sehen. In sieben Videoportraits erzählen Menschen, wie sie mit ihrem Erbe umgehen. Etwa mit der Suche nach dem eigenen Stammbaum oder der Konfrontation mit einem familiären Trauma. Die Beiträge wurden gefilmt von Simon Baumann, dessen Film «Wir Erben» ab dem 30. Januar 2025 im Kino läuft.

An verschiedenen Orten sind zudem Audiobeiträge zu hören. Etwa vom erfolgreichen Schweizer Podcast-Duo Sabine Meyer und Felizitas Ambauen. Sabine Meyer spricht über ihre Erfahrung als Audiobiografin. Sie nimmt dabei Menschen auf, die ihr von ihrem Leben erzählen. Die Fragen, die sie den Menschen stellt, bespricht Meyer vorher mit den erwachsenen Kindern und stellt sie dann den Eltern. Es sei spannend, was in der Beziehung passiere, widme man sich diesen Fragen, erzählt Meyer. Plötzlich erkenne eine Tochter ihre Mutter als Mensch.

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Für Ohren, Augen und Hände: Die Ausstellung «HILFE, ICH ERBE!» bedient die Sinne. (Bild: Generationenhaus/Rob Lewis)

Die Ausstellung regt an, über das eigene Verhältnis zu den Eltern nachzudenken – oder über Eigentum und Besitz. Und macht neugierig auf die Ansichten Anderer. Die Weste schafft einen persönlichen Zugang und ist clever gewählt. Wer alleine durch die Räume spaziert, kann sich Zeit lassen für die eigenen Gedanken und Erfahrungen. Und Kolleg*innen oder Familien, die die Ausstellung gemeinsam besuchen, können die Begriffe gegenseitig erraten und vergleichen, wer was geerbt hat.

«Was machst du jetzt mit deinem Erbe?»

Die Ausstellung eignet sich für jung und alt. Und zeigt gut auf, warum das Thema uns alle etwas angeht und auch, warum man sich nicht erst damit beschäftigen sollte, wenn man sich an das Verfassen seines eigenen Testamentes setzt. Erben als Prozess darzustellen, sei ihm und seinem Team wichtig gewesen, erklärt Mike Fässler. «Es ist etwas, das einen von der Kindheit bis ins späte Alter beschäftigt. Vor allem interessiert uns aber, was man damit dann macht.»

Darüber nachdenken kann man zum Beispiel mithilfe eines aufgelegten Kartensets. «Welches Gericht erinnert dich an Zuhause?» steht auf einem der roten und blauen Karten. Oder: «Was möchtest du an die nächste Generation weitergeben?».

Ganz zum Schluss wird einem noch eine letzte Frage auf den Weg gegeben: «Was machst du jetzt mit deinem Erbe?» Ein krönender Abschluss für eine Ausstellung, die viele spannende Fakten bereithält, einem aber wohl eher mit mehr Fragen als Antworten entlässt. Ein Besuch lohnt sich definitiv.

Die Ausstellung «HILFE, ICH ERBE!» ist ab heute geöffnet. Eintritt am Eröffnungstag gratis.

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