Fünf Wochen heile Welt
Warum zieht der Berner Sternenmarkt eigentlich so viele Menschen an? Wir haben Besucher*innen gefragt – und Betreiber Tom Weingart.
Der Glühwein aus der goldenen Tasse klebt süss am Gaumen – und am Mantel der Begleiterin, die eben unsanft, aber unabsichtlich angerempelt worden ist. Denn es ist eng hier, es fühlt sich schnell warm an, man steht Mantel an Mantel und der Glühwein wärmt von innen. Nur die kalten Füsse erinnern daran, dass es doch Winter ist.
Es ist Freitagabend, immer wieder betreten neue Gruppen den Berner Sternenmarkt, wie kleine Schwärme, die zufällig zusammen an der Ampel an der Bundesgasse auf die Grünphase gewartet haben und sich jetzt wieder vereinzeln und bald im Gewühl verlieren. So ist es jeden Abend im Berner Advent – wenn es nicht gerade dauerregnet.
Was macht die Faszination des Berner Sternenmarkts auf der Kleinen Schanze aus? Warum drängen sich die Menschen hier Abend für Abend eng aneinander? Um das herauszufinden, haben wir uns unter die Besucher*innen gemischt und sie befragt.
Wir trafen Intensivpflegerinnen an, die froh um frischen Wind sind. Software-Entwickler, die das Feierabendbier gegen Glühwein getauscht haben. Eine moldawische Familie, die den Besuch aus Deutschland ausführt. Und eine Firma, die vor dem traditionellen Weihnachtsessen das traditionelle Glühweintrinken durchführt – inklusive Samichlausmützen.
So viele verschiedene Menschen. Und alle gut gelaunt.
Mit dieser Stimmung an diesem Ort hat sich Tom Weingart einen Traum erfüllt. «Ich liebe es!» Zusammen mit Sternekoch Markus Arnold hat der Gastronom den Berner Sternenmarkt vor sieben Jahren aus dem Boden gestampft. «Wir wollten ein Weihnachtserlebnis schaffen. Mit vielfältigem Essensangebot und vielen Lichtern», sagt er. Eine Art weihnächtliches Street-Food-Festival. Im ersten Jahr sei es noch schwierig gewesen. Dann wurde es von Jahr zu Jahr besser. Die Aussteller*innen blieben, es kamen immer mehr Menschen.
«Wir sind seit drei Jahren gleich gross und wollen auch nicht grösser werden», sagt Tom Weingart. Den Knopf im Ohr und überall am Händeschütteln, ein Lächeln hier, eine Anweisung dort. Tom Weingart ist jeden Tag hier. «Das ist mein Herzensprojekt.»
50’000 Franken Miete
Ein Herzensprojekt mit für Bern gigantischen Ausmassen. Der Berner Sternenmarkt belegt den ganzen Park der Kleinen Schanze. Knapp 50’000 Franken Miete zahlen die Organisatoren der Stadt Bern dafür insgesamt. Die Gesamtgebühr sei günstiger als die Einzelgebühren für Stände bei anderen Märkten, hält die Gewerbepolizei Bern auf Anfrage der «Hauptstadt» fest. Das liege unter anderem daran, dass das «Handling» für die Stadt einfacher sei, als wenn die Miete bei jedem einzelnen Stand eingezogen werden müsste.
Während vier Wochen wird der Adventsmarkt aufgebaut, während fünf Wochen stehen 80 Holzhäuschen mit Verkaufsständen dort – dazu kommt der grösste Lichterbaum von Bern. Und sowieso: die Lichter! Sie sind überall, beleuchten die Wege, den Teich, den Wasserfall, die Bäume, die Stände. «Mit energiesparenden Lämpchen», wie Tom Weingart betont.
Im Gegensatz zu anderen Weihnachtsmärkten kann der Berner Sternenmarkt von der natürlichen Parkatmosphäre profitieren. Es gibt verschlungene Wege, es gibt einen kleinen Hügel, einen Teich. Man fühlt sich sofort wie in einem amerikanischen Weihnachtsfilm. Oder wie im Märchenland.
Das gefällt: «Es ist so friedlich und so hell hier», sagen Anja, Lena, Sarah und Lea. Es sieht fast so aus, als würden sie in ihrem eigenen kleinen Wohnzimmer sitzen. Doch sie tragen Wintermäntel. Die vier Arbeitskolleginnen haben einen Platz in einem mit viel Liebe zum Detail eingerichteten kleinen Holzhaus-Wohnzimmer ergattert.
Sie trinken Punsch, denn Anja muss danach noch zum Nachtdienst antreten, Lea hat am nächsten Morgen Frühdienst. Die vier arbeiten im Inselspital auf der Intensivstation. «Hier können wir frische Luft tanken», sagen sie – und meinen damit das Gegenteil von Spitalluft. Der Sternenmarkt sei ihr Fixpunkt im Advent. «Ich habe sieben weitere Besuche geplant», sagt Sarah. Und alle vier lachen.
Am schönsten sei es jeweils, wenn es frisch geschneit habe. Oder auch tagsüber bei schönem Wetter. «Dann sieht man die Berge und es hat weniger Leute.»
Der Kritik ausgesetzt
Wenn etwas in Bern kommerziell erfolgreich ist, bekommt es schnell eine kritische Note. Wer profitiert? Wer wird ausgeschlossen? Und wollen wir das überhaupt?
Beim Sternenmarkt ist es nicht anders. 2018 stellten die beiden Berner Gastrounternehmer Tom Weingart und Markus Arnold erstmals Dutzende kleine Holzhäuschen auf die Kleine Schanze, beleuchteten den Stadtpark gleich neben dem Bahnhof mit unzähligen Lichtern und nannten das Ganze Berner Sternenmarkt.
Heute ist der Markt bereits eine Institution. Regelmässig ist er aber auch Thema im Berner Stadtrat. Sei es, weil er kein Bargeld akzeptiert – oder sei es im Zuge der Diskussionen um immer mehr Orte, die kommerziell bespielt werden.
Tom Weingart nervt sich über solche Diskussionen. Er hätte lieber, man würde andere Aspekte in den Vordergrund rücken. Zum Beispiel, dass die Stadt sich als Winterdestination vermarktet – und der Berner Sternenmarkt dabei eine wichtige Rolle spielt. Oder dass die Kleine Schanze durch den Markt aufgewertet wird. «Die restliche Zeit des Jahres ist hier ein Drogenumschlagplatz, das merken wir jeweils beim Aufbau.»
Doch natürlich ist der Sternenmarkt auch einfach ein brummendes Unternehmen. Die Standbetreiber*innen zahlen zwischen 70 und gut 100 Franken Miete pro Tag – Essensstand-Betreiber knapp 150 Franken pro Tag. Dazu kommen Aufstell- und Abfallgebühren, sowie eine Umsatzbeteiligung von 12 Prozent, sobald der Umsatz 12 Prozent der Fixmiete übersteigt. Je mehr Umsatz, desto besser für die Standbetreiber*in – und die Firma von Tom Weingart.
«Es ist eine Win-Win-Situation für alle», sagt er. Das beliebte Fonduechalet betreibt seine Firma. Ebenso verkauft sie alle Getränke auf dem Gelände. Auf die Frage, ob er sich damit eine goldene Nase verdiene, meint Weingart diplomatisch: «Ich verdiene Geld damit.» Und fügt an: «Mit dem Verkauf der Getränke und dem Fonduechalet werden auch die hohen Aufbau- und Infrastrukturkosten gedeckt.» Ausserdem seien die Einnahmen sehr wetterabhängig, bei Regen sackten sie ein.
6.90 Franken kostet ein Glühwein, das ist zehn Rappen billiger als auf den Märkten auf dem Waisenhausplatz und dem Münsterplatz. «Es ist sehr teuer hier», sagen Dragoj und seine Familie. Dragoj stammt ursprünglich aus Moldawien und wohnt mit seiner Familie in Wichtrach. Gerade hat er Besuch von seiner Schwester und ihrer Familie, die in Deutschland leben. Dort gebe es «andere Preise».
Die Kinder haben eine Fahrt auf dem Karussell gemacht. Nun wollen die Eltern weiterschlendern und «die wunderschöne Stimmung» geniessen.
Es gibt keine Konsumpflicht auf dem Gelände, alle dürfen das eigene Essen oder die eigenen Getränke mitbringen. Fakt ist aber: Am Sternenmarkt wird viel getrunken und viel gegessen. Oder, wie Besucherin Monika es ausdrückt: «Hier gibt es weniger Verkaufsstände und mehr Genussstände.» Monika hat ihren Besuch aus der Ostschweiz mit an den Sternenmarkt genommen. Normalerweise geht sie lieber auf andere Weihnachtsmärkte, wo sie auch einkauft. «Hier trinke ich nur einen Glühwein und geniesse die vielen Lichter.»
Auch Kai, Edi, Timo und Yisam halten je eine Tasse mit Glühwein in den Händen. Sie arbeiten zusammen als Software-Entwickler. Normalerweise gehen sie ins Feierabendbier, heute ist es zur Abwechslung mal der Sternenmarkt. Auf die Frage, was für sie denn der Zauber des Sternenmarkts sei, fragen sie erst einmal ratlos zurück: «Zauber?»
Tatsächlich haben sich am Abend um die Getränke- und Essensstände Menschentrauben gebildet, während man an den normalen Marktständen recht ungestört vorbeibummeln kann. Eine Auflage müssen alle Standbetreiber*innen einhalten: Sie müssen während der gesamten Öffnungszeit des Sternenmarkts auch ihren Stand offen halten. Obwohl um 19 Uhr abends wohl nicht mehr so viele Besucher*innen auf der Suche nach schnuckeliger Babykleidung und stilvollen Keramikvasen sind.
Auch Angi, Erich und Daniel interessieren sich nicht für die Verkaufsstände. «Wir kaufen nichts, wir trinken nur», sagt Daniel. Gemeinsam mit ihren Arbeitskollegen, die alle im Aussendienst einer Versicherungsfirma arbeiten, sind sie hier, trinken wie jedes Mal einen Glühwein auf dem Sternenmarkt, bevor sie ans traditionelle Firmenweihnachtsessen gehen. Sie tragen Samichlausmützen. Schuld daran sei Angi, sagen die Männer. «Sie zwingt uns immer.» Angi lacht nur darüber. Der Baslerin gefällt es auf dem Sternenmarkt – auch wenn der Weihnachtsmarkt auf dem Basler Münsterplatz wohl noch schöner sei, wie sie augenzwinkernd meint.
Kurz vor 20 Uhr. Es ist noch enger geworden auf dem Platz unter dem riesigen Weihnachtsbaum. Das Partyvolk hat die Familien abgelöst. Die rotgoldenen Weihnachtsfantasie-Wesen auf Stelzen, die auf dem Sternenmarkt frühabends für noch mehr Märchen-Stimmung gesorgt haben, stackeln in den Backstage-Bereich. Doch die Lichter, sie werden noch lange leuchten.
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