Bilingue – Gleis 49/#3
Was können Biel und Bern voneinander lernen? Nicoletta Cimmino und Jürg Steiner diskutieren über zweisprachige Schulklassen. Aber nicht nur.
Jürg: Nicoletta, ich muss zuerst eine absolute Laienfrage stellen: Reden in Biel eigentlich alle Französisch und Deutsch, als wäre nichts dabei?
Nicoletta: Nein, nicht alle. Und sicher weniger als noch vor 20 oder 30 Jahren. Ich kenne viele Leute, die die andere Sprache nur bruchstückhaft sprechen. Aber darum geht es nicht. Das Bieler Modell, wie es Sprachforscher nennen, erlaubt es jedem, sich in seiner Sprache zu verständigen. Wie gut redest du Französisch?
Jürg: Ich bin wohl ein Klassiker: Ich mag Französisch, spreche es aber höchst mittelmässig, obschon ich unzählige Schulstunden damit verbracht habe. Italienisch kann ich viel besser, weil ich es mir hochmotiviert beibrachte, als ich im Tessin lebte. Unter anderem wegen dieser persönlichen Erfahrung kann ich den Aufruhr nicht ganz verstehen, den die angekündigte Beendigung des Schulversuchs mit den Classes bilingues in Bern auslöst. Und auch in Biel.
Nicoletta: Warum verstehst Du das nicht? Findest du, das braucht es nicht?
Jürg: Ich verstehe nicht, warum die Beendigung der Classes bilingues in Bern, die rund 100 Kinder besuchen, als Angriff auf die Identität der Zweisprachigkeit gewertet wird. Ich will damit nicht sagen, dass ich den Entscheid für das Clabi-Ende politisch richtig finde. Aber für mich ist der Bilinguismus etwas Grösseres und Herzhafteres als ein Schulversuch für ein paar Kinder. Darüber müsste man reden. Doch bevor ich gedanklich komplett abhebe: Wir hattens eigentlich davon, wie Biel und Bern freundschaftlich voneinander lernen können. Wäre das bei Clabi möglich gewesen?
Nicoletta: Ganz bestimmt! Eigentlich müsste man in einem zweisprachigen Kanton das Angebot für zweisprachige Klassen sogar ausweiten, nicht reduzieren. Ich fand das recht mutlos. Zu deiner Frage: Biel ist ja mit seiner «Filière bilingue» viel weiter als Bern, und da hätte man sicher zusammenspannen können. Gell, ich bin Vorstandsmitglied beim Verein BernBielingue, ich bin da sicher ein wenig «intensiver» unterwegs als andere. Aber es erstaunt mich schon, wie nonchalant die Stadt Bern mit ihrer französischsprachigen Minderheit umgeht. Was meinst du eigentlich mit «grösser und herzhafter»?
Jürg: Dass der Bilinguismus für mich mehr mit dem Herz als mit dem Kopf zu tun hat. Wenn wir von Französisch reden, reden wir, wie jetzt bei Clabi, meist von Sprachunterricht in der Schule. Aber haben wir in Bern auch das Herz geöffnet für die Frankophonie? Leider nein, ist meine Wahrnehmung. Bilinguismus wird als Pflichtübung und Kostenfaktor zelebriert. Bern, der Brückenkanton zur Welschschweiz, ist für mich so ein Sonntagsreden-Statement. Unter der Woche guckt Bern – politisch, wirtschaftlich, kulturell – dann aber zu selten nach Lausanne und zu oft nach Zürich, obschon die Waadt Bern ähnlicher ist. Prioritärer als Classes bilingues finde ich für Bern die Herzöffnung zur Romandie – und natürlich zu Biel.
Nicoletta: Jawohl, Bernerinnen und Berner! Öffnet euer Herz Richtung Biel! Im Ernst, ich weiss, was du meinst. Aber der Kopf und das Herz sind nicht immer gleicher Meinung. Und zweisprachiger Unterricht würde wenigstens beim Kopf etwas verändern. Tu vois ce que je veux dire?
Jürg: Mais oui! Schön, dass wir uns nicht in jedem Punkt immer ganz einig sein müssen und uns trotzdem gut verstehen. Ich freue mich auf unser nächstes Treffen auf «Gleis 49». Aare oder Bielersee? Das wird dann meine hochsommerliche Frage sein.
Seit 2019 startet und hält der Zug IR 65 von und nach Biel am weit entfernten Perron 49 im Bahnhof Bern. Wir finden, die beiden wichtigsten Städte im Kanton Bern sollten sich näher kommen als die periphere Gleissituation suggeriert.
Deshalb unterhalten sich Nicoletta Cimmino (Publizistische Leiterin Gassmann Medien, Biel) und Jürg Steiner (Co-Redaktionsleiter «Hauptstadt», Bern) in dieser Kolumne einmal im Monat über Bieler und Berner Blickwinkel auf das Leben. Mit Humor und Lebenslust.