Fachkräftemangel

Inklusion, wirtschaftlich rentabel

Blindspot betreibt zwei Restaurants in Bern, bald kommt ein drittes hinzu. Der Betrieb integriert Menschen mit Beeinträchtigungen in den ersten Arbeitsmarkt. Nun werden andere Gastrobetriebe auf das Konzept aufmerksam.

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Pauline Pfammatter arbeitet dreimal in der Woche im Provisorium46. (Bild: Simon Boschi)

Es ist einer dieser milden Oktober-Abende. Die Menschen halten sich an den letzten Sonnenstrahlen. Sie sitzen auf der Terrasse des Quartierrestaurants Provisorium46 in der Länggasse. Es ist 18 Uhr, manche trinken noch Kaffee, andere das Feierabendbier, erste Pommes werden bestellt.

Pauline Pfammatter tippt eifrig Bestellungen in die Kasse ein. Sie arbeitet hier im Service und pendelt dafür dreimal wöchentlich von ihrem Walliser Heimatdorf Leuk in die Berner Länggasse. Sie nimmt diesen langen Weg auf sich, weil Restaurants wie das Provisorium46 rar sind.

Das Provisorium46 gibt es seit 2016. Es wird betrieben von Blindspot, einer Non-Profit-Organisation für Inklusions- und Vielfaltsförderung, die der Sozialpädagoge Jonas Staub vor 17 Jahren gegründet hat und mit der er am Anfang vor allem inklusive Jugendcamps organisierte. Doch nun hat die Organisation auch in der Gastronomie im Bereich der Arbeitsinklusion ein Hauptstandbein etabliert.

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Das Provisorium46 ist ein Quartierrestaurant mit inklusivem Konzept. (Bild: Simon Boschi)

Im Provisorium46 können Gäste à la carte essen. Momentan gibt es eine saisonale Wildkarte, inklusive vegetarischer und veganer Varianten. Das Team ist aus Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen zusammengesetzt, zudem bildet der Betrieb immer auch Lernende mit Beeinträchtigungen aus.

Zum Provisorium sind in den letzten sechs Jahren weitere Restaurants hinzugekommen: Die Fabrique28 im Industriedesign-Stil an der Monbijoustrasse, wo jeden Mittag über 100 Menüs an Schüler*innen der BFF und andere Besucher*innen ausgegeben werden. Mehrere Pop-Ups und ein Food-Truck. Ab nächstem Jahr ein Restaurant an der Lorrainestrasse, wo früher der Quartierspunten Felder war.

Doch Blindspot will über Bern hinauswachsen. Ein nächstes Ziel ist es, nach Zürich zu expandieren.

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Beeinträchtigte werden hier in die Wirtschaft gebracht. (Bild: Simon Boschi)

Das Konzept von Blindspot, Menschen mit Beeinträchtigungen wirtschaftlich in den ersten Arbeitsmarkt einzufügen, scheint zu funktionieren. Die Restaurants werden dabei als GmbH betrieben, sie müssen rentabel sein. Das Restaurant braucht Gäste, die konsumieren und für die Löhne der Angestellten zahlen.

Zwar gibt es heute einige Betriebe, die Menschen mit Beeinträchtigungen ausbilden und beschäftigen, oft erhalten sie dafür aber Geld, während auf der anderen Seite die so Angestellten nur sehr wenig Lohn bekommen. Es sind Beschäftigungsprogramme, die nicht selbsttragend sein müssen.

Das Credo von Blindspot ist jedoch, die Menschen raus aus den sozialen Institutionen zu holen und sie rein in die Wirtschaft zu bringen. Nicht ein Beschäftigungsprogramm anzubieten, sondern ein Geschäftsmodell zu entwickeln, in dem jede*r einzelne*r Mitarbeiter*in gebraucht wird.

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Kristina Grbesic und Jonas Staub leiten die Organisation Blindspot. (Bild: Simon Boschi)

«Es geht um die Gleichwertigkeit und nicht um die Gleichleistungsfähigkeit», sagt Gründer Jonas Staub dazu. Er stellt die Menschen mit Beeinträchtigung zu einem so genannten Leistungslohn an. Das heisst, verkürzt und lapidar gesagt, wenn sie halb so schnell den Tisch decken wie eine Person ohne Beeinträchtigung, bekommen sie den halben Lohn. Dazu erhalten sie aber oft noch eine IV-Rente und je nachdem Ergänzungsleistungen. Und: Sie können ihre Fertigkeiten im Laufe der Zeit verbessern und so eine Gehaltserhöhung bekommen. Dabei spielen auch soziale Kompetenzen wie Freundlichkeit eine Rolle.

Blindspot-Geschäftsleiterin Kristina Grbesic ergänzt: «Die Beeinträchtigung steht bei uns nicht im Vordergrund, wir möchten eine Normalisierung.» Sie selber kam zuerst als Gastrochefin zu Blindspot und habe in erster Linie gute Gastronomie bieten wollen. «Die Inklusion wurde mit der Zeit eine neue Realität für mich.» Und die Diversität im Team sei ein Mehrwert für beide Seiten.

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Beide Seiten können von einander profitieren: Mitarbeitende mit und ohne Beeinträchtigung in Aktion. (Bild: Simon Boschi)

Das sieht dann zum Beispiel so aus: Ein Kellner ohne Beeinträchtigung knurrt einen mit an, er solle mal vorwärts machen. Der mit Beeinträchtigung aber antwortet: «Hast du schlechte Laune?»

Oder ein Mitarbeiter mit Beeinträchtigung wird von anderen ohne zurechtgewiesen, weil er sich einer Frau, die ihm gefällt, zu hartnäckig angenähert hat. «Beide Seiten lernen und profitieren von diesem Austausch», sagt Jonas Staub, «wir sind keine geschützte Werkstatt».

Der Umgangston mag zuweilen rau sein, dafür gibt es etwas anderes: Lob und Anerkennung. Das Gefühl, gebraucht zu werden.

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Der Nüsslisalat ist parat. (Bild: Simon Boschi)

Und Mitarbeiter*innen, die hoch motiviert sind. So wie Martin Brantschen, der als Koch im Provisorium arbeitet und eine Sehbehinderung hat. In diesem Moment richtet er einen Teller Nüsslisalat mit Pilzen an. «Es gefällt mir, dass ich hier das vegane Kochen kennengelernt habe», sagt er. Martin Brantschen hat eine verkürzte Kochlehre in Thun gemacht und sich über den freien Arbeitsmarkt auf die Stelle im Provisorium 46 beworben.

Es sind Menschen, die zusätzlich in den ersten Arbeitsmarkt geholt werden. Auch wenn sie vielleicht weniger leisten als Angestellte ohne Beeinträchtigung, kann diese Herangehensweise durchaus zur Linderung des Fachkräftemangels beitragen.

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Servicepersonal ist gesucht, warum nicht neue Menschen in den Arbeitsmarkt holen? (Bild: Simon Boschi)

Das haben mittlerweile auch andere Gastrobetriebe bemerkt. «Wir werden immer öfter angefragt, ob wir Mitarbeiter*innen mit Beeinträchtigungen vermitteln können», sagt Jonas Staub. Noch spüre er ein bisschen Schwellenangst, viele würden lediglich nach temporären Arbeitskräften fragen. Eine Person hat er auf diese Weise zum Beispiel an die Bar des Festivals «Tanz in Bern» vermittelt. «Vor 17 Jahren wurde ich für meine Idee der Inklusion belächelt, vor zehn Jahren waren die anderen eifersüchtig, dass es zu funktionieren scheint, und jetzt spüre ich eine grosse Akzeptanz», sagt Jonas Staub.

Wer nun, es ist mittlerweile halb acht und die Tische sind von Kerzenlicht erhellt, durch die Gaststube geht, sieht ein gut gefülltes Restaurant, Gäste, die am Plaudern sind, aufmerksames Servicepersonal, mal mit, mal ohne Beeinträchtigung. So wie Philippe Gobeli, der heute Schichtleiter im Provisorium ist. Er bringt eben eine Karaffe Wasser zum Tisch. «Ich habe hier angefangen als Zivildiensleistender», sagt er, nun studiere er Vollzeit und arbeite einen Abend in der Woche hier. «Es ist eine sinnstiftende Arbeit und ich bin mit allen befreundet, sogar mit meinen Chef*innen», sagt er – und zwinkert Jonas Staub und Kristina Grbesic zu.

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Schichtleiter Philippe Gobeli findet die Arbeit «sinnstiftend». (Bild: Simon Boschi)

Dieser Tage beginnt im Provisorium ein neuer Chefkoch, Stefan Wälti wechselt vom Essort im Kirchenfeld in die Länggasse. «Ein inklusives Konzept kann ein Weg sein, Leute anzulocken und zu behalten», sagt Jonas Staub. Viele Menschen seien auf der Suche nach mehr Sinnhaftigkeit. Und dann wird plötzlich doch noch ein bisschen der Revolutionär spürbar: «Eigentlich will ich eine Systemveränderung», sagt er, «ich möchte, dass Menschen mit Beeinträchtigung überall in die Arbeitswelt eingegliedert werden würden.» Darum wünsche er sich, dass das Konzept von Blindspot möglichst oft kopiert werde – nicht nur in Restaurants, auch in anderen Arbeitsfeldern.

Draussen ist es dunkel geworden, die letzten Gäste harren bei einem Feierabendbier aus. Pauline Pfammatter balanciert mit ihrem Serviertablett vorsichtig zwischen den Tischen hindurch und nimmt noch eine Bestellung auf. Auf die Frage, was ihr an ihrer Arbeit hier gefalle, meint sie «alles».

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Diskussion

Unsere Etikette
August Flammer
02. November 2022 um 08:33

Gibt es nicht eine Adressliste zu diesen Angeboten?

Simon Lieberherr
01. November 2022 um 13:25

Schade, dass es 2022 noch einen Artikel wert ist, wenn Inklusion gelebt wird. Und natürlich Bömbi, kommen wir auch endlich in die Puschen.

Andreas Heller
01. November 2022 um 05:41

Was für eine schöne Entwicklung und toll geschriebener Artikel, danke.