Gelebte Verdichtung

Vor 50 Jahren war die Ittiger Grossüberbauung Kappelisacker eine Wohnvision für Schweizer Familien. Jetzt ist sie ein multikulturelles Generationenprojekt – voller Inspiration und Reibung.

Kappelisacker Ittigen
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Chancen und Herausforderungen: Quartierkoordinatorin Patricia Schirò vor der Überbauung Kappelisacker, die direkt ins Grüne übergeht. (Bild: Danielle Liniger)

Der «Chäppu-Träff», gleich bei der Bushaltestelle mitten im Quartier, ist an diesem sonnigen Tag schon vor dem Mittag gut besetzt. Hier betreibt die Fachstelle Arbeitsintegration Region Bern (Farb AG) noch bis Ende Jahr ein Café – mit währschaftem Mittagsmenü. Es gibt Emmentaler Lammvoressen mit Polenta, als Vegi-Variante Ei mit Safransauce, für sehr moderate 16 (Fleisch) oder 14 Franken (Vegi).

Gleich vis-à-vis ist von 8 bis 19 Uhr der «Anka Supermarkt für alle» geöffnet. Man kann Lebensmittel von überall kaufen, aber eher nicht Milch, Brot und Käse. Sondern: Fufu, Köfte, Pirozhki-Brötchen – dazu eine speziell grosse Auswahl an Zutaten der lateinamerikanischen Küche. Ebenfalls präsent: Ria Money Transfer, der weltweite Geldüberweisungen anbietet.

Willkommen im Kappelisacker!

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Ort für alle: «Chäppu Träff» und Supermarkt im Zentrum des Quartiers. (Bild: Danielle Liniger)

«Chäppu-Träff» und Supermarkt bilden das Herz des Quartiers, es sind Begegnungs- und Beobachtungsorte. Auf wenigen Quadratmetern wird klar, was hier das grosse Thema ist: das Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, unterschiedlichen sozialen Schichten, unterschiedlichen Generationen auf engem Raum. Es kann beflügeln, aber auch belasten.

«Der Kappelisacker ist ein hochspannender Ort», bestätigt die Sozialarbeiterin Patricia Schirò, verantwortlich für die Quartierkoordination der Gemeinde Ittigen. «Er bietet Chancen, aber auch Herausforderungen, denen man in die Augen schauen muss.»

Aussenwoche Kappelisacker - Fahne hängen
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«Hauptstadt» im Chäppu

Vom 1. bis zum 5. September verlegt die «Hauptstadt» ihre Redaktion nach Ittigen. Genauer: Wir arbeiten während einer Woche im Sitzungsraum Jura des Quartiertreffs der Überbauung Kappelisacker. Unsere Türen sind offen. Wenn du vorbeikommst, freuen wir uns.

Ittigen ist eine Gemeinde zwischen Bern, Bolligen und Zollikofen, bei der Aussenstehende oft gar nicht genau erkennen, wo sie anfängt und wo sie aufhört. Doch sie ist spannend: Ittigen hat den tiefsten Steuerfuss der Agglomeration, aber auch die höchste Sozialhilfequote. In Worblaufen an der Aare entsteht das erste Plusenergiequartier des Kantons.

Wir werden uns mit offenen Augen und Ohren in Ittigen bewegen. Wenn du etwas über Ittigen wissen möchtest, schreibe uns. (jsz)

Die Dimension der Überbauung Kappelisacker ist aussergewöhnlich in der Agglomeration Bern. 2300 Menschen aus über 60 Nationen leben im Quartier, knapp ein Viertel der Ittiger Bevölkerung.

Betörende Aussicht, drängende Probleme

Gebaut wurde der Chäppu in den 1970er-Jahren, als die Berner Bevölkerung nach Jahren der Hochkonjunktur sehr stark gewachsen war. Die Stadt kämpfte mit Verkehrsstaus und sozialen Problemen. Verdichtetes Wohnen für Familien in der grüneren Agglomeration galt als fortschrittlicher Aufbruch.

In vielen Gemeinden entstanden markante Überbauungen: Kappelenring (Wohlen),  Blinzern (Köniz), Rüti (Ostermundigen). Und im grossen Massstab der Kappelisacker am Südhang von Ittigen, das im 17. und 18. Jahrhundert schon betuchte Bernburger als Gunstlage für ihre Landsitze auserkoren hatten. Der Blick über das Bernbiet in die Alpen ist auch heute noch erhaben, trotz ständigem Hintergrundgeräusch der nahen Grauholz-Autobahn.

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Chance im Chäppu: Urbane Dichte mit zugänglichem und verkehrsfreiem Zwischenraum. (Bild: Danielle Liniger)

Im Chäppu entstanden neben Scheibenhochhäusern auch kleinere Blöcke und Einfamilienhäuser, die eine soziale Durchmischung begünstigen sollten. Trotzdem geriet das Quartier ab den 1990er-Jahren immer wieder in Verruf – zuerst wegen Jugendgangs, später wegen des sehr hohen Anteils an Ausländer*innen und Sozialhilfe-Bezüger*innen.

2017 versuchte die Gemeinde Gegensteuer zu geben und investierte drei Millionen Franken. Sie intensivierte die Quartierarbeit und wandelte im Zentrum die frühere Beiz in den «Chäppu-Träff» um. Er ist immer noch ein Restaurant, aber auch ein Quartierzentrum ohne Konsumzwang, in dem Gemeinde und Private niederschwellig soziale Anlässe und Integrationshilfen anbieten.

«Wir sind im Kappelisacker auf einem guten Weg», sagt Patricia Schirò. Aber, fügt sie an, um die Balance zu halten, brauche es das ausdauernde Engagement nicht nur der Gemeinde, sondern auch der Bewohner*innen. Und der Eigentümer*innen.

Rendite vs. Wohnqualität

Letzteres ist ein kompliziertes Kapitel. Die Wohnungen im Kappelisacker sind auf über 300 Eigentümer*innen verteilt, von einzelnen Stockwerkeigentümer*innen, die in ihrer eigenen Wohnung leben, bis zu Pensionskassen, die in ganze Häuser investiert sind und Wohnungen vermieten. Den einen ist die Wohnqualität wichtig, den anderen die Rendite. 

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Herausforderung im Chäppu: Heruntergewohnte Blöcke, die von den Eigentümer*innen nicht saniert werden. (Bild: Danielle Liniger)

Obschon sich die Gemeinde um den Dialog bemühe: Diese unterschiedlichen Interessen zusammenzubringen, sei sehr anspruchsvoll und bisweilen ergebnislos. Zum Beispiel, wenn es darum gehe, betonierte Parkplätze zwischen Häusern zu einem einladenden Begegnungsort zu machen, erzählt die Sozialarbeiterin. Das führt dazu, dass im Kappelisacker neben gut erhaltenen und sanierten auch verwahrlostere Blöcke stehen, in die nur einzieht, wer keine andere Wahl hat.

Das beobachtet auch Caroline Lutziger, die seit 2014 im Kappelisacker lebt, aufmerksam. Seit 2016 gehört ihr ein Haus mit zehn Wohnungen, von denen sie eine selbst bewohnt und eine zweite als «bed&kitchen» vermietet. Man sehe von aussen, welche Häuser Renditeobjekte seien, sagt sie.

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«Der Kappelisacker bietet extrem viel»: Caroline Lutziger. (Bild: Danielle Liniger)

Sie selber wähle ihre acht Dauermieter*innen sorgfältig aus und vermiete nur, wenn sie das Gefühl hat, es passe. Ihre Wohnungen seien an Personen mit und ohne Schweizer Pass vermietet.  «Ich finde, der Kappelisacker bietet extrem viel», sagt Lutziger zur «Hauptstadt». Man sei in 20 Minuten im Stadtzentrum, in ein paar Schritten aber auch in der Ruhe des Grauholzwaldes – und wenn beim Einkauf etwas vergessen ging, gehe sie zu Fuss kurz rüber zur Autobahnraststätte, um das zu besorgen.

Begegnungen ermöglichen

Der vielfältige Bevölkerungsmix sei aus ihrer Sicht ein Pluspunkt, aber auch eine Bedingung, dass es im Chäppu funktioniere. Deshalb müsse man sich bemühen, dass der Mix ein Mix bleibe – und die Gemeinde zum Beispiel nicht zu viele Sozialhilfebezüger*innen im Kappelisacker platziere.

Caroline Lutziger wertet es als gutes Zeichen, dass in Wohnungen, die langjährige Bewohner*innen jüngst altersbedingt aufgeben mussten, auch wieder junge Mittelstands-Paare einziehen: «Das zeigt, dass die Qualitäten des Kappelisacker für Familien doch noch wertgeschätzt werden.» 

Dazu leistet sie als Präsidentin des Quartiervereins Kappelisacker einen persönlichen Beitrag. Das Potenzial, etwa für neu ankommende oder alleinstehende Personen, Kontakte zu knüpfen, sei in der verdichteten Überbauung gross. «Aber es ist wichtig, aktiv etwas dafür zu tun, dass die Begegnungen wirklich stattfinden», sagt Lutziger.

Jede Woche veranstalten Freiwillige des  Quartiervereins im Träff den «Samstagskaffee», regelmässig finden Abende statt, an denen Chäppeler*innen aus verschiedenen Kulturkreisen ihre Küchen präsentieren. Zum Angebot gehören auch Racletteanlässe mit Walliser Käse, die nicht am Abend, sondern am Sonntagmittag stattfinden, um die Verdauungszeit zu verlängern.

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«Ich schätze Lebensqualität und Offenheit sehr»: Anette Hitz. (Bild: Danielle Liniger)

Zu den Freiwilligen, die sich im «Chäppu-Träff» engagieren, gehört die Künstlerin Anette Hitz. Sie lebt mit ihrem Mann seit 36 Jahren im Kappelisacker und «schätzt die Lebensqualität und die Offenheit, die ich erfahren habe, sehr», wie sie der «Hauptstadt» sagt. Sie sei einst als Deutsche in die Schweiz gekommen und habe selber Diskriminierung erlebt. «Allerdings nie hier im Kappelisacker», betont sie.

Konfrontiert mit der Realität

Sie sei in ihrer Nachbarschaft stets auf Verständnis, Toleranz und Hilfsbereitschaft über Kultur- und Klassengrenzen hinweg gestossen – und habe das gerne aktiv erwidert. Zu dieser Kultur des Zusammenlebens trage  die durchdachte Gestaltung der Überbauung bei, sagt Anette Hitz  – der grosse Grünraum zwischen den Häusern im Quartierzentrum zum Beispiel oder das Hallenbad.

Im Chäppu aufzuwachsen, sei auch für ihre beiden heute erwachsenen Söhne «eine sehr gute Lebensschule gewesen», betont Anette Hitz. Auch wenn die Schlagzeilen, die in dieser Zeit immer wieder über den Kappelisacker erschienen seien, ein anderes Bild vermittelt hätten. Ihre Söhne seien mit der sozialen Realität konfrontiert worden und hätten früh gelernt, erzählt sie, dass das Leben unterschiedlich spielen kann. Längst nicht für alle ihre Gspänli sei es selbstverständlich gewesen, ein Velo zu haben oder in die Ferien reisen zu können: «Im Kappelisacker lebt man nicht einfach in einer abgeschotteten Blase.»

Anette Hitz hofft, dass das Quartier diese integrierende Funktion behalte. Manchmal, sagt sie, habe sie den Eindruck, dass gewissen hier lebenden Schweizer*innen «etwas der Mut fehle», sich Begegnungen zu stellen und damit den konstruktiven Geist des Chäppu zu erhalten.

Dieser könne bis ins hohe Alter tragen, bestätigen Edith und Fred Baumann im kleinen, üppigen Garten vor ihrer Eigentumswohnung. Die beiden leben – mit einem kurzen Unterbruch – im Kappelisacker, seit es ihn gibt, also über 50 Jahre. «Es war ein guter Entscheid damals, der sich bis heute bewährt», sagt Fred Baumann: «Man lebt nahe aufeinander und unter vielen Menschen, trotzdem ist es ruhig und sicher.»

Der Chäppu-Geist

Als die Baumanns in den damals neuen Chäppu zogen, engagierten sie sich an freien Samstagen beim Bau des Robinsonspielplatzes am Rand des Quartiers, den es immer noch gibt. Inzwischen sind sie Urgrosseltern, aber mehrere Bekanntschaften von vor 50 Jahren halten immer noch, sagt Edith Baumann. In ihrem Alter könne es ja passieren, dass jemand sterbe und  von einem Paar plötzlich nur noch eine*r da ist. «Da gehen wir regelmässig vorbei und schauen, dass aus dem Alleinsein keine Einsamkeit wird», sagt Edith Baumann

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«Der Chäppu darf nicht abgehängt werden»: Patricia Schirò. (Bild: Danielle Liniger)

Auch Quartierkoordinatorin Patricia Schirò beschäftigt die Frage, wie der Geist des Kappelisacker gestärkt werden könnte. 

In absehbarer Zeit stehen im und neben dem Quartier Veränderungen an. Gegenüber des «Chäppu-Träffs» baut die Gemeinde auf das Schuljahr 2030/31 hin Schulraum für sechs Basisstufen sowie eine Tagesschule. Diese neuen Räume sollen in der schulfreien Zeit der Quartierbevölkerung zugänglich gemacht werden. «Das ist eine wichtige Aufwertung für den Kappelisacker», sagt Schirò, «die so wirklich allen zugute kommt.»

In einigen Jahren wird voraussichtlich auch das heute noch grüne Ittigenfeld, das direkt an den Kappelisacker grenzt, mit einer grossen Siedlung überbaut. Patricia Schirò findet es sehr wichtig, dass die neue Überbauung eine Verbindung zum Kappelisacker herstelle. «Sonst», befürchtet sie, «droht der Chäppu abgetrennt und abgehängt zu werden.» Und dann wäre er wohl rasch wieder als Problemquartier in den Schlagzeilen.

Fragen stellen sich auch kurzfristig: Der Pachtvertrag mit der Farb AG, die das Restaurant im «Chäppu Träff» betreibt, läuft Ende Jahr aus. Auch wenn die Existenz des Treffs dadurch nicht in Frage gestellt sei: Ohne die Möglichkeit, zusammen einen Kaffee zu trinken, verlöre der zentrale Austausch-Ort des Quartiers viel Anziehungskraft. Deshalb läuft aktuell die Suche nach einer Nachfolgelösung.

Am kommenden Mittwoch veranstaltet Schirò im «Chäppu-Träff» erstmals einen Netzwerk-Anlass für Menschen, die sich in ihrem Quartier engagieren wollen. Menschen, die sich fürs Zusammenleben einsetzen, seien die wichtigste Ressource, damit aus einem Quartier ein Ort mit Lebensqualität wird.

Oder bleibt.

Dein Quartier braucht dich! Offener Netzwerkanlass Gemeinde Ittigen, Mittwoch, 3. September, 17 bis 19 Uhr, «Chäppu Träff».

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