Identitäten à discrétion
Wer sind wir, fragt die Autorin Yasmina Reza im Stück «James Brown trug Lockenwickler». Antworten gibt es in der Inszenierung von Bühnen Bern keine. Aber grossartiges Theater.
«Der ist ja gar nicht schwarz!», brüllt Lionel Hutner (Jan Maak) durch den Park, den das Bühnenbild in den Vidmarhallen darstellt. Es ist der Park einer psychiatrischen Pflegeeinrichtung, den Lionel mit seiner Frau Pascaline (Isabelle Menke) besucht. Ihr gemeinsamer Sohn Jacob (Claudius Körber) befindet sich dort, denn seit seinem fünften Lebensjahr ist er daran, sich in die kanadisch-französische Sängerin Céline Dion zu verwandeln.
Gerade plant Céline ihre Welttournée, doch in der Klinik hat sie einen Freund gefunden, Philippe (Kilian Land), der sie als Frau in einem männlichen Körper voll akzeptiert. Philippe ist mit einer ähnlichen Herausforderung konfrontiert. Er hat einen weissen Körper, lebt aber als Schwarzer Mensch.
In Vater Hutners Brüllerei durch den Park steckt pure Verzweiflung. Was ist das für eine Welt, wenn ein Mensch, der sich als Schwarz identifiziert, weisse Haut hat? Und wer bin ich, wenn nichts ist, wie es eben noch zu sein schien?
Da können einem ganz normalen Familienoberhaupt wie Lionel Hutner schon mal die Schläfenarterien anschwellen. Dass die für Céline zuständige Psychiaterin (Susanne-Marie Wrage) ausführlich mit ihrer eigenen brüchigen Identität beschäftigt ist, macht die Sache auch nicht besser. Anstatt sich empathisch auf ihre Patient*innen einzulassen, kapriziert sie sich darauf, so langsam Auto zu fahren, dass sie nie bremsen muss.
Meer von Identitäten
Dass die schweizerische Erstaufführung von Yasmina Rezas Stück «James Brown trug Lockenwickler» bei Bühnen Bern (und nicht in Basel, Zürich oder Genf) stattfindet, ist schon mal eine grosse Sache. Doch wie Bühnen Bern Rezas feingliedriges Werk (Regie: Stephan Kimmig; Dramaturgie: Julia Fahle) inszeniert, das ist grossartiges Theater. Damit ist hier gemeint: Es ist auf beste Art publikumsnah und spricht auch Menschen an, die nicht Schauspiel-Habitués sind.
Weil auf beiden Seiten der Bühne Sitzreihen angeordnet sind, ist man als Zuschauer*in den Schauspieler*innen sehr nahe. Man sieht die Schläfenarterien an Lionel Hutners Schädel wirklich. Und man nimmt das intensive Spiel seines Darstellers Jan Maak auch dann wahr, wenn die Aufmerksamkeit nicht bei ihm ist. Etwa wie seine Hand spastisch zuckt, wenn er mit ansehen muss, wie sich Célines Freund Philippe an eine exotische Pflanze kettet. Logisch, sie (ja, die Pflanze!) hat auch eine Identität, die es zu beschützen gilt.
Mit Identitäten kennt sich die französische Autorin Yasmina Reza aus. Sie hat jüdische Wurzeln, die nach Ungarn und in den Iran reichen, lebt aber seit jeher in Paris. Heimat sei für sie inexistent, sagte sie einst. Legendär ist eine Reportage von ihr, als sie 2007 den damaligen französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy ein Jahr lang im Wahlkampf begleitete. Ihr berühmtestes Stück ist «Gott des Gemetzels», in dem sich zwei Ehepaare nach einer Auseinandersetzung ihrer Söhne zu einer Aussprache treffen, die langsam aber sicher ausartet. Roman Polanski schuf die Filmversion (mit Kate Winslet).
Staying alive!
Vater Lionel Hutner erlebt in «James Brown trug Lockenwickler» einen einzigen Moment der Beruhigung: Als er an die Tatsache erinnert wird, dass selbst der weltberühmte «Godfather of Soul» James Brown, ohne Zweifel ein Mann, wie Hutners Sohn Lockenwickler trug.
Es ist alles normal!
Dann federt die grazile Céline – Lionels Sohn mit wehendem, in Lockenwickler gelegtem Haar – zum Klassiker «Staying Alive» aus den 1980er-Jahren in einer atemberaubenden Performance über die Bühne. Céline klatscht die Zuschauer*innen ab, die sich zum Disco-Rhythmus aus den 1980ern teilweise kaum mehr auf ihren Sitzen halten konnten – ich inbegriffen. War das jetzt gerade Céline Dion in Paris, Jacob Hutner in der Psychiatrie oder Schauspieler Claudius Körber in den Vidmarhallen?
Was weiss man schon nach diesen 100 Minuten Höchstleistung der fünf Schauspieler*innen – in der Stadt, deren Parlament vor wenigen Tagen engagiert über geschlechtergerechte Strassennamen beraten hat. «Yasmina Reza wirft Fragen auf. Aber sie gibt keine Antworten», sagte Roger Vontobel, Schauspieldirektor bei Bühnen Bern, vor der Premiere. Das erinnere uns an die Menschlichkeit, die darin bestehe, stets offen durch die Welt zu gehen.
Staying alive!
Bühnen Bern, Vidmarhallen, nächste Vorstellung: Samstag, 14.12., weitere Daten bis April. Je 19.30 Uhr.