Kraft der Demut
In einer Berner Beiz ärgerte sich Tobias Rentsch über einen zu kleinen und zu teuren Burger. Seine emotionale Reaktion motivierte den Pfarrer der Markuskirche zu einem Plädoyer für mehr Demut.
Kürzlich war ich innerhalb von einer Woche in zwei Restaurants.
Das erste kannte ich vorher nicht, im Internet wurde es aber hochgelobt. Also ging ich hin. Was aufgetischt wurde, liess dann aber zu wünschen übrig. Der Burger klein, der Preis eher hoch und die Saucen wirkten nicht frisch. Mein Urteil: Einmal und nie wieder.
Ein paar Tage später das zweite Restaurant, das ich schon länger kenne. Doch dieses Mal war auch hier die Erfahrung nicht so gut: Sie brachten das falsche Bier, vergassen die Vorspeise und das Fleisch war zu trocken. Objektiv betrachtet lief da einiges schief. Ich sagte zu meinem Freund: «Wenn wir das Restaurant nicht schon länger kennen würden, wir kämen wohl nie mehr hierher.» Und doch werde ich es wieder besuchen.
Das finde ich selber seltsam. Beim ersten Restaurant sage ich: Daumen runter, nie mehr. Aber beim zweiten Restaurant, das ich schon kenne: Daumen hoch, trotz allem. - Offenbar sind meine Urteile nicht besonders konsequent. Oder: Dass ich dort die Leute kenne, verfälscht im zweiten Fall mein Urteil. Man kann das positiv als Treue zu ihnen lesen. Oder kritisch als unfaire Bevorzugung.
Das mag banal klingen. Aber dann denke ich beim Blick in die Medien und in die Welt: Wenn es mir schon bei etwas Kleinem wie einem Restaurantbesuch schwerfällt, ein ausgewogenes, gut überlegtes Urteil zu treffen – wie viel schwieriger ist das erst bei grossen Fragen in Politik und Gesellschaft? Ob es um einen Burger oder um einen politischen Standpunkt geht: Persönliche Gefühle, Beziehungen oder vergangene Erfahrungen spielen in unser Urteil hinein – ob wir wollen oder nicht.
Darum plädiere ich für Urteile mit Demut.
Mir ist klar, dass jemand einwenden könnte: «Willst du etwa sagen, dass Urteilen immer schlecht ist? Dass wir zum Beispiel Gewalt keine klare und unmissverständliche Position entgegenhalten sollen, weil alles relativ ist? Das wäre doch eine üble Masche der Täter-Opfer-Umkehr!»
Ich antworte: «Nein, ganz im Gegenteil: Demut im Urteil heisst gerade nicht, untätig zu bleiben und zum Beispiel Gewalt zu relativieren. Es ist sehr wohl möglich, gegen Gewalt, Unterdrückung oder Ungerechtigkeit Position zu beziehen – und sich dabei bewusst zu sein, dass die eigene Sicht nie absolut sein wird.»
Was ich damit sagen will: Klar zu handeln, ohne die letzte Allwissenheit für sich in Anspruch zu nehmen ist kein Widerspruch. Mein Plädoyer dafür, Urteile mit Demut zu fällen, heisst nicht, dass wir keine Entscheidungen mehr treffen sollen – das wäre lebensfremd und feige. Ich finde sogar: Das Bewusstsein, dass das letzte Urteil nicht in unserer Hand liegt, erleichtert es, sich zu engagieren, Position zu beziehen und dafür einzustehen. Weil wir nicht so tun müssen, als wäre unserer Sicht absolut, öffnen wir Möglichkeiten zum Dialog und konstruktiven Lösungen.
Wenn ich es mir recht überlege, würde ich, nach alledem, was ich nun geschrieben habe, dem ersten Restaurant gerne noch einmal eine Chance geben.
Tobias Rentsch ist Theologe und Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Bern-Nord und arbeitet hauptsächlich in der Markuskirche. Die Markuskirche wird derzeit unter dem Namen Bimbam Bern unkonventionell zwischengenutzt. In dieser Kolumne für die «Hauptstadt» verbindet Rentsch, der einst eine Lehre als Chemielaborant machte, Alltagsbetrachtungen mit seinem theologischen Background.
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