Kurz vor dem Start ausgebremst
Obwohl ein Mädchenhaus in der Region Bern von der Kantonsregierung zunächst als notwendig eingestuft wurde, wird das Projekt nicht vorangetrieben. Warum?
Wenn Frauen häusliche Gewalt erleben, finden sie Schutz in einem Frauenhaus. Ein Mädchenhaus ist das Pendant dazu für junge Frauen und Mädchen. 14 bis 20-Jährige finden an einem sicheren und insbesondere anonymen Ort Schutz vor psychischer, physischer und sexueller Gewalt. Während eines Aufenthaltes von bis zu drei Monaten erhalten die jungen Frauen professionelle 24-Stunden-Betreuung und die in einer Krisensituation nötige Tagesstruktur.
Das bisher einzige Mädchenhaus der Schweiz befindet sich in Zürich. In Bern existieren zwar drei anerkannte Frauenhäuser, ein schützendes Haus für Mädchen unter 18 Jahren fehlt aber – obschon der Bedarf mehrfach ausgewiesen worden ist. Zum Beispiel im 2021 veröffentlichten Bericht zur «Bedarfsabklärung für Schutzplätze von gewaltbetroffenen Mädchen» des Eidgenössischen Büros für Mann und Frau.
Auf diesen Bericht stützte sich der Bundesrat, als er im Juni 2022 ein Postulat der Berner Nationalrätin Flavia Wasserfallen (SP) beantwortete. Die Zahl der Gewaltstraftaten an jungen Frauen in der Schweiz hat zwischen 2012 und 2020 gemäss den Expert*innen um ein Viertel zugenommen. Deshalb empfiehlt der Bericht klipp und klar, «die Zahl der Schutzunterkünfte für Mädchen und junge Frauen zu erhöhen». Explizit auch im westlichen Teil der Schweiz, zu dem der Kanton Bern gehört.
Eine Sache der Kantone
Die Verantwortung dafür, Plätze zu schaffen und die Finanzierung sicherzustellen, weist der Bund den Kantonen zu. Im Kanton Bern hatte die Regierung zu diesem Thema schon zuvor überraschend klar Stellung genommen.
In der Antwort auf einen Vorstoss der damaligen Grossrätin Beatrice Stucki (SP) sprach der Regierungsrat 2019 von einer «vorhandenen Versorgungslücke», die ein Mädchenhaus «optimal schliessen» würde, weil «sowohl der nötige Schutz als auch die unabdingbare engmaschige 24-Stunden-Betreuung für Mädchen und junge Frauen sichergestellt wäre». Die Schaffung eines Mädchenhauses mit cirka sieben bis zehn Plätzen würde dazu beitragen, hielt der Regierungsrat weiter fest, «den aktuell kritisch hohen Auslastungsgrad der bestehenden Frauenhäuser auf ein vertretbares Niveau zu senken».
Das Pilotprojekt in Biel
Zu dieser positiven Einschätzung durch den Regierungsrat führte unter anderem die Erfahrung aus einem Pilotprojekt für ein Mädchenhaus in Biel. Während der Projektphase von acht Monaten fanden sieben junge Frauen im Alter von 18 bis 20 Jahren Schutz vor psychischer, physischer und sexueller Gewalt. Durchgeführt hat das Pilotprojekt der Verein MädchenHouse desFilles Biel-Bienne. Den Standort wählte der Verein aufgrund der Zweisprachigkeit. Zwar war die Laufdauer des Projekts von Anfang an begrenzt, das Ziel jedoch sollte ein nahtloser Übergang in eine feste Struktur sein. Das geschah so nicht. Nach den acht Monaten stand trotzdem fest: Das Projekt war ein «Erfolg». Der Bedarf für ein Mädchenhaus in Bern scheint nachgewiesen.
Melanie Hiltbrand, Co-Präsidentin des Vereins MädchenHouse desFilles Biel-Bienne, kennt die Bereiche Schutzunterkünfte für Gewaltbetroffene und Krisenintervention schon lange. Sie erzählt, dass viele Leute, die im Opferschutzbereich arbeiten, der Meinung sind, dass es neben dem Mädchenhaus in Zürich eine zweite Institution in der Schweiz brauche. Gestützt auf den Auswertungsbericht des Vereins MädchenHouse desFilles Biel-Bienne sei «auch der Kanton Bern nach zwei Jahren zu diesem Entschluss gekommen», sagt Hiltbrand.
Nachdem der Regierungsrat 2019 eine «vorhandene Versorgungslücke» ausgewiesen hatte, kam die konkrete Planung eines kantonalen Mädchenhauses beinahe zustande. Der Verein MädchenHouse desFilles Biel-Bienne wurde daraufhin aufgrund seiner Erfahrungen gar zu einem Projektplanungsgespräch bei der zuständigen Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion (GSI) geladen. Doch dann reichte unter anderem die ehemalige Stiftungsrätin für Opferhilfe Vania Kohli (damals BDP) Ende 2019 im Grossen Rat eine Motion für eine kantonale Opferhilfestrategie ein. Die Sitzung mit dem Verein wurde abgesagt. Die konkrete Umsetzung eines Mädchenhauses in Bern wurde fürs Erste ad acta gelegt.
Melanie Hiltbrand versteht den abrupten Richtungswechsel nicht. Im Kanton Bern besteht «ein Bedarf von rund vier bis fünf Schutzplätzen», hält der Gesamtbericht der Opferhilfestrategie fest. «Zuerst kam der Regierungsrat zum Schluss, dass es sieben bis zehn Plätze braucht. Ein Jahr später waren es noch vier Plätze in bestehenden Frauenhäusern.» Das sind zwei bis drei Plätze weniger als es 2019 der Regierungsrat in seiner Antwort auf den Vorstoss von Beatrice Stucki vorschlug.
Hiltbrand erkennt in der Opferhilfestrategie des Kantons unter anderem eine wirtschaftliche Argumentation. «Dass Opferschutz kein gewinnbringendes Thema ist, ist klar. Warum es kein Mädchenhaus gibt, liegt nicht daran, dass es keines braucht, sondern weil es kostet», sagt sie. Zudem sei «Opferschutz keine Privatsache, die durch private Spenden finanziert werden soll, sondern eine Verantwortung der Gesellschaft», fügt Hiltbrand hinzu.
Es soll übersichtlich bleiben
Die zuständige Direktion von Regierungsrat Pierre Alain Schnegg (SVP) schreibt auf Anfrage, dass die Abklärung für Schutzplätze von gewaltbetroffenen Mädchen «einen Bedarf von vier bis fünf Plätzen» ergeben habe. Für die Schaffung und den Betrieb eines reinen Mädchenhauses wären aus wirtschaftlichen Gründen mehr Plätze nötig gewesen.
Die GSI möchte laut ihrer Darstellung auch darum auf ein Mädchenhaus verzichten, weil sie eine «übersichtliche Opferhilfelandschaft» anstrebe. «Es sind daher möglichst wenig zusätzliche Strukturen aufzubauen», schreibt GSI-Sprecher Gundekar Giebel. «Da sich die Schutzhäuser im Kanton Bern (Frauenhäuser und Männerhaus) mit der Thematik der häuslichen Gewalt bestens auskennen, liegt es nahe, dass sie ihre Angebote auf Kinder und junge Erwachsene ausbauen könnten.»
Die Häuser sind voll
So einfach umzusetzen ist die Idee des Kantons aber nicht. «Das Problem ist, dass im Kanton Bern alle Frauenhäuser voll sind. Wir müssen teils Frauen in Hotels unterbringen», so Marlies Haller, Geschäftsführerin der Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern. Derzeit liege der Auslastungsgrad bei 90 Prozent. Gemäss der Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren (SODK) ist eine Auslastung von 75 Prozent optimal, damit Spielraum besteht, auch im Notfall eine Frau mit Kindern aufnehmen zu können.
Hinzu kommt, dass in Frauenhäusern die passenden Strukturen für Mädchen fehlen. «Wir hatten auch schon junge Frauen bei uns, aber sie haben sich nicht wohl gefühlt. Es braucht eine zielgruppenorientierte Struktur und die richtigen Bewilligungen», sagt Haller. Kein Frauenhaus im Kanton Bern habe das derzeit.
Dem stimmt auch Melanie Hiltbrand vom Verein MädchenHouse desFilles Biel-Bienne zu. «Mit 16 Jahren steht man an einem anderen Punkt im Leben als mit 30. Die minderjährigen Mädchen brauchen eine Tagesstruktur, die Frauenhäuser nicht bieten, weil sie schlichtweg nicht darauf ausgerichtet sind.» Hinzu kommt, dass die Betreuung in der Nacht nicht gewährleistet werden kann.
«Wenn man qualitativ gute Arbeit machen will, geht das nicht ohne finanziellen Mehraufwand.»
Marlies Haller, Geschäftsführerin der Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern
Das Hauptproblem seien die fehlenden Ressourcen und der zeitgleich steigende Bedarf, sagt Marlies Haller. Die Stiftung für Gewalt an Frauen und Mädchen hat ihre Einschätzung zur Opferhilfstrategie des Kantons publiziert. Darin beurteilt sie unter anderem die angestrebte Kostenneutralität, welche Teil der geplanten Strategie ist, als unrealistisch. Gemäss dem Kanton sollen «Neuerungen, Innovationen und Optimierungsmassnahmen auf Kostenneutralität hin ausgerichtet werden».
Marlies Haller ist der Meinung, dass die Entwicklungen der Kriseninterventions-Angebote nicht miteinbezogen wurden. «Wenn man qualitativ gute Arbeit machen will, geht das nicht ohne finanziellen Mehraufwand. Die Zahl der Anfragen steigt. Ohne zusätzliche Plätze weiss ich nicht, wo wir diese Menschen unterbringen sollen», sagt sie.
Zürich hat es zustande gebracht
Auch das bisher schweizweit einzige Mädchenhaus in Zürich hatte zu Beginn Finanzierungsschwierigkeiten. Es wurde 1994 als Projekt aus dem Frauenhaus Zürich heraus gegründet und ein Jahr ohne jegliche Unterstützung geführt, erzählt die heutige Leiterin Dorothea Hollender.
Im darauffolgenden Jahr wurde das Projekt vom Bund als Heim anerkannt, seither wird es vom Kanton sowie von Spenden finanziell getragen. Damals sei die Gründung des Hauses zwar begrüsst worden, Subventionsbeiträge wurden von Stadt, Kanton und Bund aufgrund der damaligen Sparpolitik aber abgelehnt, schrieb der Tages-Anzeiger im Gründungsjahr des Mädchenhauses.
Nur fünf Jahre danach sagte die damalige Teamleiterin und Sozialpädagogin Eveline Jordi zur NZZ, «dass das Mädchenhaus heute so notwendig ist wie zum Zeitpunkt seiner Eröffnung. Nach wie vor sei das Schutzbedürfnis gross, und sexueller Missbrauch, Tätlichkeiten sowie psychische Übergriffe auf Mädchen und junge Frauen seien eine Realität.» Dieser Realität begegnen Mädchen und junge Frauen auch heute noch.
Wie geht es in Bern weiter? Der Verein MädchenHouse desFilles Biel-Bienne und die Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern in Bern versuchen nach wie vor, Einfluss auf die finale Erarbeitung der kantonalen Opferhilfestrategie zu nehmen. «Es gibt einige fachliche Probleme», erklärt Marlies Haller von der Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern.
Aber die Möglichkeiten seien begrenzt. «Wir haben uns mit verschiedenen politischen Menschen ausgetauscht, jetzt gibt es fast keinen Weg mehr, den wir noch gehen könnten», gibt Melanie Hiltbrand vom Verein MädchenHouse desFilles Biel-Bienne zu bedenken. Der Regierungsrat hätte entschieden, dass man etwas tun soll. «Dann hat man diese Entscheidung durch eine Hintertür ausgebremst und jetzt heisst es: ‹Wir machen es, aber anders.› Und dieses ‹Anders› ist nicht genug.»