«Hier schlägt das Herz von Bern»
Mitte-Grossrätin Milena Daphinoff übernimmt ab Anfang 2026 das Präsidium der Innenstadtvereinigung Bern City. Als bürgerliche Stimme im rot-grünen Bern erreiche man ausserhalb des Parlaments eher mehr, findet sie.
Die eisige Bise treibt an diesem Freitag Ende November dünne Schneeflocken durch die Stadt. Milena Daphinoff (42) stört das nicht. Sie hält es für eine gute Idee, das Gespräch bei einem flotten Spaziergang durch die untere Altstadt zu führen. Schon nach ein paar Schritten ist sie im Feuer. Obschon sie die Handschuhe zu Hause liegen gelassen hat, bleiben die Hände nicht lange in den Manteltaschen.
«Man vergisst oder unterschätzt manchmal, wie viele unterschiedlichste Bedürfnisse in der Innenstadt auf engstem Raum zusammenkommen», sagt sie unter der Laube der Rathausgasse: «Hier ist nicht nur das Welterbe. Hier schlägt das Herz von Bern, auch wirtschaftlich, und das fasziniert mich.»
Genau aus diesem Grund gehe sie das Amt, das sie Anfang 2026 übernimmt, «mit grossem Respekt an»: Die Unternehmerin und Mitte-Politikerin Milena Daphinoff wird Präsidentin von Bern City. In diesem Verein sind rund 250 Geschäfts- und Gewerbetreibende, Gastro-Unternehmer*innen sowie Hauseigentümer*innen der Innenstadt zusammengeschlossen, um sich gegenseitig zu unterstützen und ihre Interessen zu bündeln. Etwas salopp gesagt, handelt es sich bei Bern City – wie beim Handels- und Industrieverein (HIV) und beim Gewerbeverband KMU Stadt Bern – um einen Wirtschaftsverband, dessen Aktionsradius sich jedoch auf das Gebiet zwischen Bärengraben und Hirschengraben konzentriert.
Die innerstädtische Gratwanderung
Sie sei «ein sehr urbaner Mensch», sagt Milena Daphinoff, eine Stadt müsse aus ihrer Sicht pulsieren – und auch Wandel und Kontroversen aushalten. «Dagegen, dass Bern zu einer Altstadt-Kulisse mit absterbendem Leben wie Venedig wird, würde ich mich mit Händen und Füssen wehren». Das bedeute aber, dass man sich den häufig auseinander driftenden Anliegen von Anwohner*innen, Tourist*innen und Gewerbe stellen und bereit sein müsse zu Kompromissen: «Das ist eine heikle Gratwanderung, ich weiss das, aber ich bin bereit dazu», sagt sie.
Sie möge es nicht, wenn Menschen, «nur herumschwatzen und nicht ins Umsetzen kommen», sagt Daphinoff. Deshalb exponiere und engagiere sie sich in Verbandsvorständen, sie ist Vizepräsidentin von KMU Stadt Bern und seit Jahren im Vorstand von Bern City. «Ich glaube, es gibt in Bern immer noch dieses veraltete Bild von Wirtschaftsverbänden als destruktive Verhinderer», sagt sie.
Das sei längst nicht mehr so. Verbandsgremien seien heute ähnlich divers aufgestellt wie die innerstädtische Wirtschaft selbst. Das unternehmerische Knowhow, das sich etwa im Vorstand von Bern City versammle, sei gross. Wenn sie politisch aktiv werde, stütze sie sich auf dieses Expert*innenwissen ab. «Dieser modernen Realität», sagt Milena Daphinoff, «will ich als Präsidentin von Bern City ein Gesicht geben.»
Unternehmerin, Mutter, Politikerin
Obschon in Freiburg aufgewachsen, kenne sie die Berner City «in- und auswendig», wie sie sagt. Neun Jahre wohnte sie in der unteren Altstadt. Inzwischen ist sie mit ihrer Familie in ein anderes Quartier gezogen, aber sie versteht sich als bewegliche urbane Unternehmerin. Die Historikerin führt seit 2019 ihr eigenes Kommunikations- und Beratungsbüro. Die Selbständigkeit wählte sie auch darum, weil sie flexibel genug sein will, um Zeit für Familie und Politik zu haben.
Von 2016 bis 2024 politisierte Milena Daphinoff, zuerst für die CVP, dann für die Mitte, im Stadtrat. Nach einer kurzen politischen Pause übernahm sie letzten Sommer den Sitz von Sibyl Eigenmann im Grossen Rat, den sie vom Zeitaufwand her als ein 30-Prozent-Beschäftigung einstuft – mit allerdings unsicherer Zukunft. Sie weiss, dass sie in den nächsten Monaten einen engagierten Wahlkampf führen und vielleicht auch das Glück beanspruchen muss, um den Sitz, den die Mitte vor vier Jahren wegen Listenverbindungen als Restmandat eroberte, Ende März 2026 zu verteidigen.
A propos Politik: «Mir ist es sehr wichtig, dass im rot-grünen Bern auch die andere Seite eine Stimme bekommt und diese auch wirklich gehört wird», sagt Daphinoff, als sie in die Kramgasse einbiegt. Das Stadtparlament sei immer krasser unterwegs, findet sie, und sie habe aus eigener Erfahrung gemerkt, dass Argumente aus der Wirtschaft dort wenig ernst genommen würden.
Auf dem ausserparlamentarischen Weg gelinge es eher besser, auf Gehör zu stossen. «Stadtregierung und Verwaltung sind zunehmend offen für partnerschaftliche und pragmatische Ansätze», sagt Milena Daphinoff. Das dürfe man jetzt schon auch einmal sagen.
Kunst des Kompromisses
Bezüglich Pragmatismus nennt Daphinoff insbesondere Stadtpräsidentin Marieke Kruit (SP). Und als praktisches Beispiel den laufenden Pilotversuch, auf der Monbijoubrücke eine gesonderte Spur für den Wirtschaftsverkehr auszutesten. Bern betrete mit der Priorisierung des Wirtschaftsverkehrs Neuland, sagt Daphinoff.
Ihr Vorgänger ist stark daran beteiligt. Sven Gubler war in den letzten 15 Jahren die prägende Figur von Bern City. 2012 stieg der damalige Präsident des Matte-Leists als Geschäftsführer bei Bern City ein. Vor zwei Jahren wechselte er ins Präsidium. 2024 erarbeitete er mit seinem privaten Beratungsbüro im Auftrag der Tiefbaudirektion ein Konzept für die Bevorzugung des Wirtschaftsverkehrs. Das ist die Grundlage dafür, dass der private Motorfahrzeugverkehr in der Innenstadt weiter eingedämmt werden kann.
«In der dichten Altstadt kommt man nur weiter, wenn man im Dialog Kompromisslösungen erarbeitet», sagt Milena Daphinoff. Gerade in Verkehrsfragen habe die politische Mehrheit das Augenmass teilweise verloren. Projekte wieder auf den Boden der wirtschaftlichen Realität zu stellen, sei harte ausserparlamentarische Knochenarbeit, die oft praktisch unsichtbar bleibe.
Ein Beispiel? Milena Daphinoff bringt das umstrittene Ausbauprojekt für das Kunstmuseum Bern aufs Tapet, das verbunden ist mit einer urbanistischen Aufwertung der Hodlerstrasse. Ursprünglich war geplant, die heute zweispurige Strasse für den Durchgangsverkehr zu sperren. Aus Daphinoffs Sicht ein No-Go für Wirtschaft und Anwohnende der Innenstadt, die sonst auf Quartierstrassen ausweichen müssten. Zwei Jahre intensive Diskussionen habe es gebraucht, bis man beim nun geltenden Kompromiss war: Die Hodlerstrasse wird, sofern die Kunstmuseums-Sanierung realisiert wird, zur einspurigen Tempo-20-Zone mit Pflästerung und Baumpflanzung.
Kultur für die Geschenkcard
Milena Daphinoff steht jetzt auf einem Laubenvorsprung an der Kramgasse, und sie sagt: «Vielen Bernerinnen und Bernern ist nicht bewusst, dass eine lebendige Altstadt kein Selbstläufer ist.» Die Publikumsfrequenzen zu steigern, besonders Zytglogge an abwärts, «das gehört zu den grossen Herausforderungen in meinem neuen Amt», sagt sie. Der Online-Einkauf gräbt dem Einkaufsbummel in der Altstadt das Wasser ab.
Das Gegenmittel: Bern City bemüht sich, die Mitglieder darin zu unterstützen, den Altstadt-Besuch zum Erlebnis zu machen – diesen November etwa erstmals mit einer Aktion, bei der jeden Tag ein geschmücktes Schaufenster als Vor-Advents-Fenster geöffnet wurde. Das wichtigste identitätsstiftende Instrument bleibt aber die Bern-City-Geschenkcard, Sie bringt garantiert Wertschöpfung in Restaurants und Gewerbe der Altstadt. Künftig sollen laut Milena Daphinoff auch Kulturinstitutionen – Museen zum Beispiel – auf der Geschenkcard vertreten sein. Bern-City-Geschäftsführer Simon Haldemann führe dazu bereits Verhandlungen.
Milena Daphinoff ist jetzt unterwegs unter den Lauben Richtung Zytglogge. Ihr argumentatives Feuer lodert gerade wieder sehr stark auf. Der Auslöser: Der Ende August von der Kantonsregierung gefällte Entscheid, den Versuch mit den liberalisierten Ladenöffnungszeiten am Samstag bis 18 Uhr per Anfang 2026 zu beenden. Ladenschluss ist wieder um 17 Uhr. Der Hauptgrund dafür: Zu wenige Geschäfte hätten Interesse gezeigt, mitzumachen.
«Ich habe wenig Verständnis für den Abbruch, bevor die Teilnahme der Geschäfte wie vereinbart ein zweites Mal gemessen wurde», sagt Milena Daphinoff. Es sei logisch, dass die kleinen Geschäfte in der unteren Altstadt an diesem freiwilligen Versuch nicht teilnahmen, weil sie weder Personal noch Nachfrage für die zusätzliche Stunde hätten. Ganz anders die Läden in Bahnhofsnähe. Sie haben laut Umfrageergebnissen keine Mühe gehabt, Personal für die Zusatzstunde am Samstag zu finden. Mit dem Versuchsende seien sie jedoch nun wieder gezwungen, eine Stunde mit viel Publikumsverkehr am Samstagabend kampflos dem ohnehin schon hochrentablen Shoppingcenter im Bahnhof und dem Online-Business überlassen zu müssen.
Die Fragen des Sohnes
Und etwas irritiert Milena Daphinoff zusätzlich: «Dieser Versuch wurde mit partnerschaftlichem Ansatz aufgegleist, alle Interessenvertretungen waren involviert. Dass er nun schon überstürzt beendet wird, teilte man uns einfach mit.» So verspielten die Behörden leichtfertig das Vertrauen der Partner, sagt die designierte Bern-City-Präsidentin. Demnächst soll ein runder Tisch zu dem Thema stattfinden. Man kann sicher sein, dass Milena Daphinoffs Stimme hörbar sein wird.
Milena Daphinoff bleibt einen Moment stehen. Als sie Ende letzten Jahres aus dem Stadtrat zurücktrat, habe der ältere ihrer beiden Söhne entsetzt reagiert, erzählt sie heiter. In seinen Augen legte die Mutter ausgerechnet ihre spannendste Aufgabe nieder.
Mit dem Präsidium von Bern City übernimmt Milena Daphinoff eine Schlüsselrolle in der latenten Konfliktzone zwischen der immer noch vorwiegend männlich geprägten Welt der Berner Wirtschaftsverbände und der rot-grünen politischen Mehrheit. Am Gestaltungswillen, gleichzeitig für bürgerliche, aber auch progressive Positionen einzustehen, fehlt es Milena Daphinoff nicht. Ihr Sohn kann beruhigt sein: Langweilig wird es keinesfalls.
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