Spinnen für den Regierungsrat

Sie wollten für die Kantonswahlen keinen Smartspider, deshalb liess die «Hauptstadt» für die sechs wieder kandidierenden Berner Regierungsrät*innen je einen sticken. Was lässt sich daraus über die Menschen lesen, die Bern regieren? Und über das Bern, das von ihnen regiert wird?

Corinne Krähenbühl stickt die Spider der Regierungsräte
Ein grüner Faden für Regierungsrätin Christine Häsler: Diese Haltung ist handgestickt. (Bild: Jana Leu)

Evi Allemann (SP), Philippe Müller (FDP), Christoph Neuhaus (SVP), Christine Häsler (Grüne), Christoph Ammann (SP), Pierre Alain Schnegg (SVP). Was bedeuten diese sechs Namen? Es sind amtierende Regierungsrät*innen, die sich am 27. März zur Wahl stellen - aber schon jetzt so gut wie gewählt sind. Weil: Im Kanton Bern ist die Wahrscheinlichkeit verschwindend klein, dass ein Mitglied des Regierungsrats die Wiederwahl verpasst. Offen ist einzig, ob Astrid Bärtschi (Mitte) oder Erich Fehr (SP) den siebten Sitz der nicht mehr antretenden Beatrice Simon (Mitte) holt und die Regierung entweder bürgerlich bleiben oder neu eine rot-grüne Mehrheit haben wird.

Nun stellt sich unter anderem die Frage, warum die wieder antretenden Berner Regierungsmitglieder so viel tun, um den Berner Wahlkampf erst recht zur Schlaftablette werden zu lassen. Sie haben beschlossen, dieses Jahr den Fragebogen der Online-Plattform Smartvote erstmals kollektiv nicht auszufüllen. Das heisst: Es gibt keine Spinnennetzgrafiken der Berner Regierungsrät*innen, die Auskunft gäben über ihre politische Grundorientierung.

Kollegialität statt Auswahl

Die Regierungsrät*innen begründen den Smartvote-Verzicht damit, dass sie sonst das Kollegialitätsprinzip und das Amtsgeheimnis verletzen  - weil natürlich sichtbar würde, wo sie von der Regierungs-, aber auch von der Parteilinie abweichen. Kann man ein bisschen verstehen, denn Regieren bedeutet, Kompromisse zu schliessen, um zu Lösungen zu kommen. Dass das Kollegialprinzip aber dazu führt, in der Regierung so miteinander zu verschmelzen, dass unterschiedliche Standpunkte nicht einmal mehr im Wahlkampf offen thematisiert werden, ist eine bernische Neuinterpretation.  

Tatsache ist, dass sich Wählende, denen die Berner Politik nicht ohnehin schon geläufig ist, nun kein Bild machen können von den sechs Magistrat*innen, die sie am 27. März wieder ins Amt hieven sollen. Schlecht, finden wir von der «Hauptstadt». Immerhin handelt es sich um einen Job, zu dem es gehört, im Gremium pro Woche laut dem Amt für Kommunikation 30 bis 50 Entscheide zu fällen, die sich auf das Leben der Bernerinnen und Berner auswirken. Und der mit einem Jahresgehalt von 277’000 Franken entschädigt ist. Da wäre es doch gut, man wüsste, mit welcher Grundeinstellung die Damen und Herren an ihre Aufgabe gehen.

Nicht exakt, aber illustrativ

Die «Hauptstadt» schafft praktisch und handfest Abhilfe: Wir haben die fehlenden Spinnennetzgrafiken - die sogenannten Smartspider - der sechs Regierungsrät*innen selber nachgezeichnet, auf Stoff sticken und in einen Rahmen spannen lassen.

Selbstverständlich sind die «Hauptstadt»-Spider nicht exakt berechnet wie die originalen Spinnennetze von Smartvote, sondern Annäherungen aufgrund von Einschätzungen der «Hauptstadt»-Redaktion und früheren Spidern der Wiederkandidierenden. Das politische Spinnennetz basiert auf acht thematischen Achsen in einem Kreis. Bei bürgerlichen Politiker*innen wölbt sich das Netz eher auf die rechte Seite des Kreises, bei Rot-Grünen auf die linke Seite, die Form ist aber oft recht ähnlich.

Doch was lässt sich aus den Spinnennetzen herauslesen über die Menschen, die den Kanton Bern auch in den nächsten vier Jahren regieren werden? Als zeitsparenden Wahlservice kommentiert die «Hauptstadt» hier den gestickten Smartspider jedes Regierungsratsmitglieds mit einem Ultrakurzporträt.

Hauptstadt-Spider von Evi Allemann
Klassisch sozialdemokratisch: Ein Herz für Soziales, nicht aber für die liberale Wirtschaft.¹ (Bild: Jana Leu, Stickerei: Corinne Krähenbühl)

Evi Allemann (SP), zuständig für Gemeinden, Kirchen und Justiz. Die 44-Jährige ist eine urbane Sozialdemokratin, allerdings ohne hippe Schnörkel und ideologische Zündstufe, sehr praktisch für die Berner Regierung. Sie hat, eher selten bei SPler*innen, einen gewissen Sinn fürs Sparen, und kann, wenn sie das Wort ergreift, eindringlich referieren. Ist in ihrer Direktion mit harzigen Dossiers konfrontiert, etwa mit der Umsetzung des nationalen Raumplanungsgesetzes, die bei den Gemeinden für Hitzewallungen sorgt - und bei ihr nicht unbedingt den visionären Weitblick anregt.

Hauptstadt-Spider von Philipe Müller
Der Sozialstaat ist nicht das Steckenpferd des FDP-Politikers.¹ (Bild: Jana Leu, Stickerei: Corinne Krähenbühl)

Philippe Müller (FDP), zuständig für innere Sicherheit. Der 59-jährige frühere Manager bei CSL Behring passt als politischer Chef zur Kantonspolizei, als hätte man ihn per Stelleninserat gesucht. Hat seine Direktion im Griff und lebt, kaum behelligt von seinen Regierungskolleg*innen, seiner langjährigen Passion nach, politisch rot-grüne Gefahren zu orten, wo immer er hinschaut. Pflegt mit Verve sein Image als Hardliner in Asylfragen, wobei ihm mitunter sein Hang zur Selbstdarstellung in die Quere kommt. Unklar bleibt, ob die politische Figur Müller und der Mensch Müller immer deckungsgleich sind.  

Hauptstadt-Spider von Christoph Neuhaus
Nirgends so richtig entschlossen. Ganz alte Berner SVP.¹ (Bild: Jana Leu, Stickerei: Corinne Krähenbühl)

Christoph Neuhaus (SVP), zuständig für Bau und Verkehr. Der 56-Jährige, seit ewigen 14 Jahren im Regierungsrat, passt politisch in keine Schablone. Wird oft kritisiert, auch von der eigenen Partei, findet aber bei Gegenwind für sich stets den Windschatten, wobei ihm sein auf alle Seiten flexibler Smartspider hilft. Mutet sich seit 2018 die schwergewichtige, aber auch schwer beladene Baudirektion zu, die ihn prompt mit Affären wie dem Kiesgrubenskandal von Mitholz eindeckte. Neuhaus könnte auf der bürgerlichen Liste von Astrid Bärtschi überholt werden und aus der Regierung fallen, falls Rot-Grün die Mehrheit gewinnt. Weil letzteres unwahrscheinlich ist, gönnt er sich die Musse zur Pflege seiner Tiere und seines grossen Gartens, was er auch auf den sozialen Medien zelebriert.

Hauptstadt-Spider von Christine Häsler
Klare Haltung zur Umwelt und zu Migrant*innen. Sonst ist die Grüne beweglich.¹ (Bild: Jana Leu, Stickerei: Corinne Krähenbühl)

Christine Häsler (Grüne), zuständig für Bildung und Kultur. Die 59-Jährige Social-Media-Abstinentin lebt im Berner Oberland an einem Ort (Gündlischwand bei Grindelwald), an dem man mitunter auf einen Subaru angewiesen ist. Das mag ihre politische Grünfärbung abschwächen, stärkt allerdings auch die Fähigkeit, sich in einem mehrheitlich kritisch gestimmten Umfeld mit porentiefem Pragmatismus durchzuschlagen. Gehört zur seltenen Spezies von Politikerinnen, die anderen auf der Bühne und beim Wort den Vortritt lassen können. Stilsicher führte sie ihre Direktion durch die Pandemie. Jedoch liegt es ihr eher fern, Menschen durch ihre Visionen vom Stuhl zu reissen. 

Hauptstadt-Spider von Christoph Ammann
Ein Sozialdemokrat mit einem Herz für Unternehmer*innen.¹ (Bild: Jana Leu, Stickerei: Corinne Krähenbühl)

Christoph Ammann (SP), zuständig für Wirtschaft, Umwelt und Energie. Der 53-Jährige Oberhasler pendelt als linker Volkswirtschaftsdirektor Widersprüche zwischen seiner politischen Herkunft und den Dauerforderungen der Wirtschaft nach Steuersenkungen so staatsmännisch aus, dass seine eigene Position schwer greifbar ist. Deshalb weist der «Hauptstadt»-Smartspider bei ihm eine für die SP eher untypische Flexibilität auf, fast als wäre er ein Grünliberaler. Strapaziert werden selbst seine Skills als flexibler Wandler zwischen allen Gegensätzen in der Energie- und Klimapolitik. Das Volk verankerte einen Klimaartikel in der Verfassung, lehnt aber konkrete Umsetzungsschritte (Verbot von Ölheizungen, ökologische Motorfahrzeugsteuer) ab.

Hauptstadt-Spider von Pierre-Alain Schnegg
Ein Konservativer, der nicht ins Radikale abdriftet.¹ (Bild: Jana Leu, Stickerei: Corinne Krähenbühl)

Pierre Alain Schnegg (SVP), zuständig für Gesundheit und Soziales. Der 60-Jährige frühere Informatik-Entrepreneur, der den garantierten Jura-Sitz innehat, macht schon nur durch seine Körpersprache deutlich, dass er die bernische Politik mit seinen unternehmerischen Skills verschlanken und beschleunigen möchte. Wie ein entschlossener Patron, den Widerspruch eher aufpeitscht, zog er in sozialen Fragen den Zorn der Linken und während der Pandemie denjenigen seiner eigenen Partei auf sich. Er gibt, eine Seltenheit für einen Politiker, offen zu, dass ihn sein Amt während Corona an seine physischen Grenzen brachte. 

Voilà. Auf der Original-Smartvote-Website ersichtlich sind die Profile der neu kandidierenden Erich Fehr (SP) und Astrid Bärtschi (Mitte), die ausmachen, ob die Kantonsregierung ab dem 1. Juni 2022 Linksdrall aufweist oder bürgerlich bleibt. Angesichts des zahmen Wahlkampfs ertappt man sich beim Gedanken, was wäre, wenn Casimir von Arx (Grünliberale) und Christine Grogg (EVP) mehr wären als zu brave Aussenseiter*innen aus zu kleinen Parteien. Was, wenn es ihnen gelänge, die eingespielte Berner Machtmechanik herauszufordern?

Eine Abwahl gabs 1990

Passiert ist so etwas selten, aber nicht nie. Nach der Berner Finanzaffäre 1986 wählten die Berner*innen Leni Robert und Benjamin Hofstetter von der Freien Liste (heute Grüne Freie Liste, GFL) aus dem Nichts in die Regierung und bescherten dem Kanton die erste rot-grünen Regierungsmehrheit. Vier Jahre später - die Regierung war von neun auf sieben Sitze verkleinert worden - wurden sie beide abgewählt. Der grosse Triumph und die krachende Niederlage sind selten in der Berner Politgeschichte. 

Bleibt für 2022 die kleine Freude an den gestickten Spidern: Die «Hauptstadt» wird sie den Regierungsrät*innen schenken (zum Beispiel zum Aufhängen im Büro). Die «Hauptstadt»-Fabrikate haben - im Vergleich zu den richtigen Spidern - einen unbezahlbaren Vorteil: Man kann sie beliebig drehen, ohne dass sich die Achsen mitbewegen. In jedem Spider steckt (fast) jede politische Position. Das perfekte Gadget für Berner Exekutivpolitiker*innen, die so routiniert über ihren politischen Schatten springen.

¹ Die Bilder der Smartspider wurden digital manipuliert - die Beschriftung in der linken Ecke wurde 100% vergrössert.

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