Das Wandbild ist hier

Das Wandbild, das bis vor einem Jahr im Schulhaus Wylergut hing, wird nun in einer neuen Ausstellung zum Umgang mit Rassismus im Historischen Museum gezeigt.

Medienkonferenz im Bernisch Historischen Museum anlässlich der Ausstellung «Widerstände. Vom Umgang mit Rassismus in Bern» fotografiert am Mittwoch, 24. April 2024 in Bern. (Hauptstadt / Jana Leu)
«Es ist an der Zeit, dass wir Weissen uns aktiv darum tun, Rassismus zu erkennen und zu bekämpfen», sagt Angela Wittwer vom Verein «Das Wandbild muss weg!». (Bild: Jana Leu)

Es ist ein dicht gefüllter Raum im Bernischen Historischen Museum (BHM), der ab dem 25. April den Umgang mit Rassismus und letztendlich das kontrovers diskutierte Wandbild-ABC aus dem  Wylergut Schulhaus beleuchtet. Stimmen ertönen aus kleinen Lautsprechern und man hört die Frage «Warum werde ich im Raum schief angesehen?». Das Schweizer Schulsystem wird hinterfragt. Ein Zeitstrahl zeichnet die jahrelange Debatte um das Wandbild mit Medienberichten, Online-Kommentaren, Kritik am Wandbild und Kritik an der Kritik zum Hören und Lesen nach. 

Im hinteren Raum der Ausstellung steht das Wandbild schräg auf ein Gerüst montiert. Man kommt ihm nahe und wird eingeladen, darüber zu diskutieren. Aber das Wandbild steht auch am Ende einer Sackgasse. Den Raum kann man nur wieder verlassen, wenn man durch die Ausstellung zurückgeht. Wer als Besucher*in das Wandbild sieht, stehe am Wendepunkt, sagt Angela Wittwer, Ausstellungs-Kuratorin des Vereins «Das Wandbild muss weg!»: «Man geht so mit einem anderen Blick noch einmal durch die Ausstellung.»

Die Erarbeitung der Ausstellung sei für das BHM sehr intensiv gewesen, sagte Museumsdirektor Thomas Pauli-Gabi an der Medienorientierung zur neuen Ausstellung «Widerstände. Vom Umgang mit Rassismus in Bern». Die phasenweise hitzige Debatte um das Wandbild zu versachlichen und zu vermitteln, sei nicht einfach gewesen. 

Long story short

Dahinter steht eine lange Geschichte. Das Wandbild ist ein ABC, das Tiere und Natur mit Menschen, die nicht dem europäischen Weltbild entsprechen, gleichsetzt. Es wurde 1949 von den zwei sozial engagierten Künstlern Eugen Jordi und Emil Zbinden gemalt und im Schulhaus Wylergut aufgehängt – und blieb bis 2019 weitgehend unhinterfragt. In diesem Jahr machten Aktivist*innen auf das rassistische Bild aufmerksam.

Die Stadt Bern reagierte und schrieb einen Ideenwettbewerb aus, um das Bild in einen Kontext zu setzen. Der Verein «Das Wandbild muss weg!» gewann den Wettbewerb, indem er vorschlug, das Bild ins Museum zu verschieben. Weil dort das Wandbild und die darauf abgebildeten Rassismen an einem «neuen Lernort» mit einer breiten Öffentlichkeit diskutiert werden könnten. 

Während dem laufenden Wettbewerb übermalten Aktivist*innen im Zuge der «Black Lives Matter»-Bewegung im Sommer 2020 die Buchstaben C, I und N schwarz. Es sind jene Buchstaben, die stereotype Darstellungen von nicht-weissen Menschen gezeigt haben.

Medienkonferenz im Bernisch Historischen Museum anlässlich der Ausstellung «Widerstände. Vom Umgang mit Rassismus in Bern» fotografiert am Mittwoch, 24. April 2024 in Bern. (Hauptstadt / Jana Leu)
Kann jederzeit noch erweitert werden: Die Ausstellung versteht sich als Werkstatt. (Bild: Jana Leu)

Ab Sommer 2023 wurden die einzelnen Kacheln des ABC von der Wand im Schulhaus entfernt und an der Hochschule der Künste Bern restauriert. Nun ist das Bild im Rahmen der Ausstellung über Rassismus im Bernischen Historischen Museum zu sehen. Der Verein «Das Wandbild muss weg!» hat die Ausstellung kuratiert. 

Das war alles nicht billig. Allein die Entfernung des Wandbilds kostete rund 100’000 Franken, wie der Verein «Das Wandbild muss weg!» auf seiner Website dokumentiert. Das ist etwa die Hälfte der gesamten Kosten. Die Stadt hatte sich von Beginn weg zu einem Beitrag von  55’000 Franken verpflichtet. Der Verein betrieb aber ein erfolgreiches Fundraising und warb unter anderem Beiträge von der Eidgenössischen Migrationskommission (40’000 Franken) und der Fachstelle für Rassismusbekämpfung des Eidgenössischen Departement des Innern (30’000 Franken) ein. 

Unfertige Ausstellung 

Die Ausarbeitung der Ausstellung war kompliziert. Denn das Museum als Institution habe lange Zeit selbst einen Teil zum Rassismusproblem beigetragen, indem es eine eurozentrische Perspektive einnahm, sagt Bernhard Schär, Mitglied des Vereins «Das Wandbild muss weg!». Der Verein als Gastkurator wollte deshalb Menschen sichtbar machen, die in der Gesellschaft sonst nicht gut sichtbar sind. 

Der Grundsatz der Ausstellung: Sie ist nicht fix. Sie will sich durch die Debatte und die Kritik, die daraus entsteht, weiter verändern. «Wir wollen nicht erklären, wie die Welt funktioniert, sondern zum Denken anregen. Deshalb kommen in der Ausstellung verschiedene Stimmen und Meinungen zu Wort – auch Kritiker*innen des Projekts und des gesellschaftlichen Wandels. Diese sind deklariert, damit klar ist, von wem die Beiträge sind. 

Diese hohe Transparenz sei neu im historischen Museum, sagt Direktor Pauli-Gabi. Aber wichtig. Es gebe nie völlig objektive Stimmen. 

Mit den verschiedenen Inputs  werden die Besucher*innen auf unterschiedliche Arten mit Rassismus konfrontiert. Darunter sind etwa Beiträge des Online-Portals baba news, des Berner Rassismus Stammtischs, der Kulturanthropologin Danielle Isler sowie der Postkolonialismus-Expertin und Geschlechterforscherin an der Universität Bern Patricia Purtschert. «Als Fundament der Ausstellung definierten wir die gemeinsame Haltung: Rassismus ist keine Meinung», sagt Anna-Pierina Godenzi, Projektleiterin und Vermittlerin am Historischen Museum. Ziel sei nicht die Darstellung möglichst polarisierender Haltungen, sondern eine Plattform, damit man eine fundierte Meinung bilden könne.

Medienkonferenz im Bernisch Historischen Museum anlässlich der Ausstellung «Widerstände. Vom Umgang mit Rassismus in Bern» fotografiert am Mittwoch, 24. April 2024 in Bern. (Hauptstadt / Jana Leu)
Die Ausstellung thematisiert unter anderem Lehrmittel und das Schulsystem. (Bild: Jana Leu)

Trotz dieser diversen Beiträge von People of Color (PoC) sprechen an der Medienorientierung nur weisse, europäische Menschen. Angela Wittwer vom Verein «Das Wandbild muss weg!» findet: «Es ist an der Zeit, dass wir Weissen uns aktiv darum tun, Rassismus zu erkennen und zu bekämpfen.» 

Die Künstler waren keine Rassisten

Ein Beispiel für die Sorgfalt, mit der die Kurator*innen ans Werk gingen, ist ihr behutsamer Umgang mit den beiden Künstlern Eugen Jordi und Emil Zbinden, die das Wandbild gemalt haben. Es gab Befürchtungen, die beiden Sozialisten würden posthum mit einseitiger Kritik eingedeckt.

Die Ausstellungsmacher*innen engagierten aber Etienne Wismer, Präsident des Fördervereins Emil Zbinden, für einen Beitrag darüber, wie das Wandbild überhaupt entstand. So wird sichtbar, dass dieses Auftragswerk nicht exemplarisch ist für das Schaffen der beiden Künstler. Zwar erweisen sie sich bei der Darstellung nicht-europäischer Menschen als Kinder ihrer Zeit. Gleichzeitig malten die beiden in anderen Projekten, etwa zum Leben von Arbeitern in der Schweiz, sehr differenziert und sie würden, laut dem Historiker Bernhard Schär, «wohl noch heute als progressiv gelten».

Samuel Zbinden, Enkel und Nachlassverwalter des Werks von Emil Zbinden, ist mit einem Statement präsent in der Ausstellung: «Wir hatten Angst, dass Emil Zbinden als Rassist dargestellt wird. Als sich abzeichnete, dass der Transfer ins Museum die einzige Möglichkeit ist, das Bild zu erhalten, haben wir schliesslich eingewilligt.» Auch sein Grossvater wäre der Meinung, dass die Kacheln bei den Buchstaben N, C und I heute nicht mehr gezeigt werden könnten.

«Widerstände. Vom Umgang mit Rassismus in Bern.» Ausstellung des Vereins «Das Wandbild muss weg!» 25. April 2024 bis 1. Juni 2025. Öffnungszeiten, Zusatzprogramm, Preise findest du hier.

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