Zu Gast in einer fremden Stube
Kulturkritik #2 – Wer eine Sofalesung besucht, entdeckt nicht nur neue Literatur, sondern auch neue Wohnzimmer – allerdings ohne Sitzplatzgarantie.
Ein Mensch, ein Buch, ein Tisch und ein Stuhl. Vielleicht noch ein Wasserglas. Der Rahmen klassischer Lesungen verspricht wenig Remmidemmi und wirkt darum etwas aus der Zeit gefallen.
Doch es gibt Veranstalter*innen, die das gewohnte Schema aufbrechen. Gelesen wird nicht in einer Buchhandlung, auf einer Bühne oder einem anderen Kulturort, sondern in privaten Räumen: Wohnungen, Ateliers, Dachstöcke, Gärten. «Sofalesung» nennt sich das Format, das 2014 am Literaturhaus Basel entstanden und seit fünf Jahren auch in Bern präsent ist.
An diesem frühen Sonntagabend gastiert die Sofalesung in einem Wohnzimmer im Berner Kirchenfeldquartier. Ein blauer Müllsack am Gartenzaun und ein Blatt Papier mit dem Bild eines Sofas markieren den Hauseingang. Der Weg führt weiter in den zweiten Stock, samt Schuhen in die Wohnung, vorbei an Küche und Schlafzimmer, ins Wohnzimmer.
Das graue Stoffsofa mit Récamiere steht eng an die Wand gerückt, ein Dutzend Einzelstühle füllen die Mitte des Raumes. Doch es gibt nicht genügend Sitzplätze für die rund 25 Gäste, einige drängen sich darum im Türrahmen. Zuvorderst sind die beiden Holzsessel für Moderatorin Anna Chevalier und Autor Andri Bänziger platziert.
Bänziger hat im vergangenen Dezember mit «Gegen Gewicht» seinen ersten Roman veröffentlicht. Entstanden ist er während seines Studiums am Literaturinstitut in Biel, wo der 29-Jährige bis heute wohnt. Moderatorin Chevalier studiert aktuell am Institut und wird dort von jener Mentorin begleitet, die auch Bänziger bei seinem Buchprojekt beraten hat.
Die Ausgangslage – zwei Autor*innen, die Ausbildung und Ausbildnerin teilen – führt zu einem monothematischen Gespräch: Chevaliers Fragen zielen stark auf den Prozess des Schreibens und Publizierens des Buches. Der Fokus auf diese technischen Aspekte scheint im ersten Moment einzig interessant für Leute, die selbst Texte schreiben. Doch Reaktionen von Nicht-Schreiber*innen aus dem Publikum lassen erahnen, dass auch gewöhnliche Leser*innen wissen wollen, wie so ein Buch entsteht.
Unterhaltung für Augen und Ohren
Zwischen den Frageblöcken liest Bänziger zwei längere Passagen aus seinem Buch vor. Beide geben einen guten Eindruck von den Charakteren, welche die Geschichte tragen. Da ist Nathalie, die Schwägerin der namenlosen und depressiven Ich-Erzählerin. Nathalie hat Wahnvorstellungen, provoziert Streitereien und beherbergt einen Goldfisch in ihrer Badewanne. Und da ist Aliena, die Tochter der Ich-Erzählerin, die mit Trisomie 21 auf die Welt gekommen ist.
Dass psychische Beeinträchtigungen eine wichtige Rolle spielen im Roman, ist kein Zufall: Andri Bänziger arbeitet als Betreuer von Menschen mit Behinderung. Wie er im Gespräch erzählt, basieren alle Figuren auf realen Vorbildern. Einige sind eine Collage verschiedener Menschen, Aliena ist angelehnt an einen jungen Mann mit Trisomie 21.
Die Mischung aus Gespräch und Vorlesung sorgt für Kurzweiligkeit. Und wer mit dem gesprochenen Wort nichts anzufangen vermag, kann in die visuelle Kulisse des Wohnzimmers eintauchen und Kerzenständer, Ostereier, Tulpen und Bücherstapel begutachten.
Viel Zeit bleibt aber nicht dafür. Nach knapp 50 Minuten beendet die Moderatorin das Gespräch. Die Stühle werden auf die Seite geschoben, um Platz zu machen für den vom Gastgeber zubereiteten Apéro. Eine Tradition, die an keiner Sofalesung fehlt.
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Die nächste Sofalesung in Bern findet am 1. Mai statt. Noemi Somalvico stellt ihren Debütroman «Ist hier das Jenseits, fragt Schwein» vor. www.sofalesungen.ch