Vorfabrizierte Ferien
20 Stockwerke hoch, 50 Jahre alt, Codename H10. Unser Autor erlebt in einer neuen Ferienwohnung im Fellergut zwischen Fahrstuhl und Häuserschluchten ein packendes Stück Berner Baugeschichte.
Jahrhundertealte charmante Tessiner Rustici oder urchige Engadiner Häuser: Mit diesem Angebot hat sich die Stiftung Ferien im Baudenkmal einen Namen gemacht – zumindest bei Architekturliebhaber*innen. Der neueste Zugang im Baudenkmal-Portfolio tanzt da ein wenig aus der Reihe: Das Hochhaus H10, in dem die Stiftung eine 4,5-Zimmer-Wohnung vermietet, ist nur 50 Jahre alt. Ausserdem liegt sie in Bern-Bümpliz, das bislang nicht unbedingt auf dem Radar von Ferienreisenden war. Erster Gedanke: Wer möchte in diesen tristen Blöcken nur Ferien machen? Und das zu einem Mietpreis von 1400 Franken pro Woche?
Versuch einer Annäherung
In Bümpliz war ich schon, bevor ich einen Fuss dorthin gesetzt habe.
D‘ W.Nuss vo Bümpliz tönte aus meinen Kopfhörern, als ich 2014 über die Piazza del Sole in Bellinzona lief – meinem damaligen Wohnort. Bümpliz schien mir zu diesem Zeitpunkt so weit entfernt wie Bukarest und Berlin.
Zehn Jahre später bin ich mittendrin, in Bümpliz. Im Fahrstuhl fahre ich in den 15. Stock. Himmelschreiend hoch ist das Hochhaus H10 der Überbauung Fellergut. Ich denke an die W.Nuss vo Bümpliz, die im ne huus us glas wohnt. Hier überall Beton. Ein Modul steht auf dem anderen – so ging damals das schnelle, vorfabrizierte Bauen.
«Grosstafelbau» nannte man das in den 1960er- und -70er-Jahren, als vor allem im Berner Westen riesige Wohntürme hochgezogen wurden. In einem davon stehe ich heute. Ich folge einem dunklen Gang mit schwerem Teppich, der Geräusche, aber auch alles Verspielte, Lebendige zu verschlucken scheint.
Eine Besonderheit des 20geschossigen Wohnhochhauses: Es folgt dem Prinzip der «Rues intérieurs» von Le Corbusier. Was das in der Praxis bedeutet, erfahre ich, als ich die Wohnung betrete, welche seit kurzem von der Stiftung Ferien im Baudenkmal vermietet wird.
Ich trete durch die Eingangstür – und gelange von dort zunächst nur zu einem einzelnen Schlafzimmer. Um den Rest der 1972 durch die renommierten Berner Architekten Hans und Gret Reinhard errichteten 4,5-Zimmer-Duplexwohnung sehen zu können, muss ich eine Treppe in das Untergeschoss nehmen. In benachbarten Wohnungen ist es genau umgekehrt: Dort führt eine Treppe nach oben in die grössere Wohnhälfte.
Lebendiges Museum
Mit diesem Konzept sei es möglich gewesen, möglichst effizient zu bauen, also viele geräumige Wohnungen auf wenig Platz unterzubringen, erklärt Anne-Catherine Schröter. Sie ist Co-Präsidentin des Berner Heimatschutzes Region Bern Mittelland und hat zwischen dem Wohnungsbesitzer und der Stiftung Ferien im Baudenkmal den Kontakt hergestellt. Schröter ist ausserdem eine Kennerin der Nachkriegsarchitektur und erfreut sich an vielen Details, die auf den weitgehenden Originalzustand der Wohnung hinweisen. Wer das Jahrzehnt von Flower Power, Schlaghosen und überdimensionierter Brillen liebt, kommt hier voll auf seine Kosten. Ein Retro-Fest fürs Auge.
Da wären zum Beispiel die Nietenkleiderbügel oder eine fest integrierte Bilderleiste mit kleinen verschiebbaren Haken an der Decke, weil in eine Betonwand nur mit grosser Mühe gebohrt werden kann – geschweige denn ein Nagel gehauen.
Der braune Spannteppich auf der Treppe der Wohnung scheint so robust gestrickt, dass selbst Rock‘n’Roll-Eskapaden ihm nichts anhaben können. Die gehäkelten Wandteppiche im Schlafzimmer wiederum passen wahrscheinlich wunderbar zu Batik-Shirts und Pilzkopffrisur. Apropos Schlafzimmer: Davon gibt es drei in der Wohnung, weshalb eine Belegung mit sechs Personen möglich ist. So erscheint der wöchentliche Mietpreis von 1400 Franken in einem anderen Licht.
Weiter geht die 70er-Party in der Küchenzeile. Dort wartet Drahtglas auf die Besucher*innen, was «so heute nicht mehr verbaut würde», erklärt Schröter – aus «feuerpolizeilichen Gründen». Die Durchreiche lässt Erinnerungen an meine Grosseltern wach werden und Begriffe wie «Mini-Maiskölbchen», «Schellack» und «Fernsehabend» zirkulieren in meinem Kopf.
Die roten Emaille-Kacheln über dem Kochfeld deuten darauf hin, dass das Fellergut hauptsächlich für einkommensstarke Familien gebaut wurde: «Viele der Erstbezüger der Wohnung waren auch ihre Besitzer, und konnten sich zwischen verschiedenen Kachelfarben entscheiden – das war anderswo nicht so», erklärt Schröter. Wo dieses «Anderswo» liegt, zeigt sich, wenn man vom Wohnzimmer, vorbei am Tonbandgerät Revox A77 aus dem Jahr 1970, auf den Balkon tritt. Von dort aus sieht man nicht nur die Alpen, sondern auch verdichtet die Baugeschichte des Berner Westens.
Neue Häuser braucht das Land
Holenacker, Gäbelbach, Tscharnergut, Schwabgut, Kleefeld – die zusammengenommen grösste Satellitenstadt der Deutschschweiz. All diese Überbauungen können von der Wohnung aus zumindest in Nuancen wahrgenommen werden. In nur zwei Jahrzehnten haben sie das einst dörfliche Bümpliz in ein neues Zeitalter katapultiert. Die scharfen Türme und Kästen zwischen sanften Hügeln und Wäldern bringen die Macht, den Veränderungswillen und die Aufbruchstimmung zum Ausdruck, welche so charakteristisch für die ersten Nachkriegsjahrzehnte war.
Die Überbauungen waren nicht nur eine Antwort auf den Wohnungsmangel in einer rasch wachsenden Stadt – allein zwischen 1954 und 1963 stieg die Bevölkerungszahl Berns von rund 153’000 Menschen auf 169’000. Die Satellitenstädte an den Stadträndern Berns hatten internationale Vorbilder, zum Beispiel in den Hochhaussiedlungen Frankreichs des erwähnten Corbusier oder im Hansaviertel Berlins. Was den Berner Varianten zu eigen war: «Sie haben die durch Türme eingesparte Fläche gezielt für Grünanlagen genutzt, womit sie bis heute die Vorzüge des verdichteten Bauens aufzeigen», sagt Schröter.
Direkt unterhalb des Balkons im Wohnhaus H10 erstreckt sich zum Beispiel eine grosse Gartenanlage, die in den Fellerstock übergeht. Der ehemalige Landsitz aus dem 18. Jahrhundert erinnert an das Alte Bern samt seiner Herrschaftshäuser, den Campagnen. Der Fellerstock ist dem Bau-Enthusiasmus der Nachkriegszeit nicht zum Opfer gefallen, da es Widerstand aus der Bevölkerung gab. Bis heute wird das Gebäude als Schule genutzt. Und sorgt damit – zusammen mit den Schlössern von Bümpliz – für eine weitere spannende architektonische Facette des Areals.
Comeback oder Abgesang?
Das Fellergut gilt zusammen mit dem Kleefeld als das letzte grosse Siedlungsprojekt im Berner Westen und war für 2500 Bewohner*innen konzipiert – neben den Hoch- und Scheibenhäuser sind auch ein Alters- und Studierendenwohnheim gebaut worden. Das erste Gebäude auf dem dreieckigen Gelände wurde 1971 errichtet – 1977 folgte der Abschluss des Bauprojekts.
Und kaum waren die Türme errichtet, gerieten sie – und mit ihnen der Berner Westen – in Verruf. Von «Schlafstädten» und «Betonwüsten» sei die Rede gewesen, sagt Architekturhistorikerin Anne-Catherine Schröter. Ein Stigma, das bis heute fortdauert. Zu Unrecht, wie Schröter findet. Sie plädiert dafür, dass wir den Bümplizer Grossüberbauungen weitere Zeit geben, sich mit uns weiterzuentwickeln. Sie denkt dabei an behutsame energetische Sanierungen, die es bestehenden Mieter*innen erlauben, dort auch weiterhin zu wohnen, weil sie keine oder nur geringe Mietsteigerungen zu fürchten haben. Ersatzneubauten oder aufwändige Sanierungen führten hingegen häufig zur Verdrängung der angestammten Bewohnerschaft.
Wenn diese sanfte Weiterentwicklung gelingt, altert das Wohnhaus H10 vielleicht so gut wie eine andere 70er-Jahre-Ikone: Die Band Kraftwerk. Einen ihrer Songs, mit dem sie ihren Ruf als Elektro-Pioniere begründet haben, würde ich gerne auf dem Revox-Tonbandgerät der Wohnung hören.