Zollikofen Spezial

Frische Ideen für ein hässliches Gebäude

In einem ehemaligen Gerichtsgebäude in Zollikofen sollen bald Menschen gemeinsam wohnen, arbeiten, einkaufen und gärtnern. Ein Besuch bei der keimenden Utopie.

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Rund 100 Wohnungen, ein Laden und ein Co-Workingspace sollen Leben in dieses Gebäude bringen. (Bild: Niklas Eschenmoser)

Es gibt anmächeligere Orte, einen kühlen Samstagmorgen im September zu verbringen, als ein verlassenes Verwaltungsgebäude am Siedlungsrand von Zollikofen. Trotzdem versammeln sich rund 30 Menschen, um ihre Vision voranzutreiben: Sie wollen einen Laden gründen. In Regenjacken gehüllt stärken sie sich am Buffet draussen vor dem Eingang. Bäuerin Käthi Bäriswyl schenkt Apfelsaft aus, dazu gibts Züpfe von einem Hof, der keine drei Velominuten entfernt liegt.

Fünf Stöcke weiter oben stellt Matthias Tobler Stühle vor einen Bildschirm. Im letzten November wurde hier ein Co-Workingspace eröffnet. Zwischen grünen Topfpflanzen und mit Post-Its beklebten Wänden arbeiten wochentags Leute aus der Bau- und Kreativbranche; heute organisiert Tobler mit seinem Team einen Anlass für Interessierte der Einkaufsgemeinschaft.

Bis 2011 fällten die Richter*innen des Bundesverwaltungsgerichts ihre Urteile im Gebäude an der Webergutstrasse 5 in Zollikofen. Seit dessen Umzug nach St. Gallen steht der Bau leer.

Matthias Tobler und seine Kolleg*innen der Genossenschaft «Urbane Dörfer» wollen dort nun einen Ort errichten, wo Menschen wohnen, arbeiten, gärtnern und einkaufen können. Alles in einem einzigen Gebäude. Ökologisch und gemeinschaftlich.

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«Es gibt eine Diskrepanz dazwischen, wie wir leben wollen und wie wir tatsächlich wohnen», sagt Matthias Tobler. (Bild: Niklas Eschenmoser)

Rund 100 Wohnungen für zirka 200 Bewohner*innen sollen entstehen auf den 12'000 Quadratmetern. Dazu kommen Gemeinschaftsräume, Ateliers, Gewerbeflächen und Spielplätze für Kinder. Auf dem Parkplatz vor dem Haus soll ein Waldgarten nach den Prinzipien der Permakultur wachsen und die Bewohner*innen mit Gemüse versorgen.

Erst die Gemeinschaft, dann das Gebäude

«Es gibt eine Diskrepanz dazwischen, wie wir leben wollen und wie wir tatsächlich wohnen», sagt Matthias Tobler. Viele würden sich nach einer Gemeinschaft und einem ökologischeren Alltag sehnen, aber in einem anonymen Block wohnen.

Darum haben Tobler und weitere Personen die Genossenschaft «Urbane Dörfer» gegründet. Sie stellen gängige Entwicklungsprozesse auf den Kopf, indem sie zuerst eine Gemeinschaft gründen und erst dann das Gebäude bauen. Die künftigen Bewohner*innen der Gebäude können so bereits im Planungsprozess mitbestimmen: Wie gross sollen die Wohnungen sein? Aus welchem Material die Wände bestehen? Welcher Anteil kommt Kinderspielplätzen zu?

Und: Was umfasst das Sortiment des Gemeinschaftsladens, der im Erdgeschoss entstehen soll? Um diese Frage geht es am Anlass am Samstagmorgen. Der Laden soll nicht den Bewohner*innen des Weberguts vorbehalten sein, sondern auch zugänglich für die Öffentlichkeit. Auf den Stühlen vor dem Bildschirm haben darum nebst zukünftigen Bewohner*innen auch Leute aus dem Quartier Platz genommen.

Zum Beispiel Katharina Emke. Die 36-Jährige kam vor mehr als fünf Jahren aus Deutschland nach Zollikofen. Mehrmals pro Monat arbeitet sie im Co-Workingspace, sie ist selbständig als Coach und Trainerin für Unternehmen tätig. Auch eine Sitzung vom Familienclub Zollikofen, in dem sie im Vorstand ist, hat sie schon im Webergut organisiert. Ihr schwebt vor, über ihre Tätigkeit im Elternrat dort einst ein «Elterncafé» anzubieten, an dem sich Eltern austauschen können über Ferienbetreuung und das Schulwesen. «Und ich würde sehr gerne hier einziehen», sagt Emke. Wegen des Gefühls, Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Matthias Tobler blendet eine Visualisierung des Weberguts ein, wie es nach dem Umbau aussehen soll. Ein Mann im Publikum äussert seine Begeisterung darüber, was für ein Potenzial im heute «hässlichen Gebäude» stecke. Später erzählt ein Angehöriger der Wohnbaugenossenschaft Via Felsenau von seinen Erfahrungen mit dem dort gegründeten «GemeinSaftLaden».

Alternativen sichtbar machen

Claudia Thiesen ist Architektin und Expertin für partizipative Prozesse und innovative Wohnformen. Sie engagiert sich in zahlreichen Wohnbaugenossenschaften, wohnt selbst in einer in Zürich. Beim Webergut ist sie nicht direkt beteiligt, diskutiert aber am 8. November mit Matthias Tobler im «Quadrat» im Zollikofen über Wohnen und Zukunft.

«Projekte wie jenes in Zollikofen sind unheimlich wichtig, um Alternativen zum herkömmlichen Wohnen sichtbar zu machen», sagt sie. Sie beobachtet, dass Ideen, die in gemeinschaftlichen Wohnformen entstehen, mit der Zeit salonfähig würden. Zum Beispiel Cluster-Wohnungen: Jede*r hat ein eigenes Zimmer mit Bad und Küche, teilt aber den Wohnraum mit den Mitbewohner*innen.

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Rund 100 Wohnungen für zirka 200 Bewohner*innen sollen entstehen auf den 12'000 Quadratmetern im Webergut. (Bild: Niklas Eschenmoser)

Nebst der gemeinschaftlichen Nutzung gefällt Thiesen am Webergut, dass die Stahlbetonstruktur erhalten bleiben soll. So lassen sich viele Treibhausgasemissionen sparen. Ebenso über den Flächenverbrauch: Kleine Wohnungen brauchen weniger Baumaterialien und weniger Energie.

Matthias Tobler rechnet damit, dass die Genossenschafter*innen sich aus ökologischen Gründen für kleine Wohnungen entscheiden. Weil es viele Gemeinschaftsräume geben wird, «und dank des Ladens und weiteren Sharing-Angeboten ist es nicht nötig, einen grossen Vorrat an Lebensmitteln oder Material anzuhäufen.»

Leben im Reallabor

Die Teilnehmer*innen des Workshops haben einen fiktiven Einkauf getätigt. Mit Papierschnipsel aus elf Warengruppen zeigen sie an, welche Besorgungen sie künftig im Webergut zu machen gedenken.

Hier kommt eine Besonderheit von Zollikofen ins Spiel: Weil die Gemeinde landwirtschaftlich geprägt ist und mit der Landwirtschaftlichen Schule Rüti und der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften BFH-HAFL über zwei wichtige Forschungs- und Bildungsstätten für Ernährung verfügt, wolle man beim Webergut auch an dieser Stellschraube der Nachhaltigkeit arbeiten, so Tobler.

Das Webergut ist Praxispartner eines Forschungsprojekts zweier Departemente der Berner Fachhochschule: jenem der HAFL und jenem von Architektur, Holz und Bau. Die Wissenschaftler*innen wollen anhand eines realen Beispiels herausfinden, wie nachhaltiger Lebensstil puncto Ernährung und Wohnen aussehen könnte.

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In Kleingruppen sprechen die Leute über ihre Vorstellungen vom Gemeinschaftsladen. (Bild: Niklas Eschenmoser)

Im letzten Monat führten 20 künftige Bewohner*innen über mehrere Tage ein Ernährungstagebuch und liessen es von einem Studenten auswerten. Er verglich die Werte mit den Empfehlungen für einen Speiseplan, der die Menschen mit genügend Nährstoffen versorgt, ohne die Ressourcen der Erde zu übersteigen. Matthias Tobler: «Wir sind auf einem besseren Kurs als der Schweizer Durchschnitt. Milchprodukte und Eier essen wir aber zu viel, dafür zu wenig Hülsenfrüchte.»

Das Angebot im Gemeinschaftsladen könnte zu einer noch nachhaltigeren Ernährung verhelfen: Was viel Ressourcen verbraucht, soll nur in kleinen Mengen vorhanden sein und umgekehrt. Aber Tobler warnt: «Bei gemeinschaftlichen Projekten ist es wichtig, dass jede Person die Wahlfreiheit hat. Sonst wird es ideologisch und ungesund.» Am Schluss entscheidet die Gemeinschaft, wie stark sie das Sortiment entsprechend den Empfehlungen der Wissenschaftler*innen gestalten will.

Von der Effingerstrasse nach Zollikofen

Geplant ist, dass der Gemeinschaftsladen im Frühling 2023 eröffnet. Anfangs 2024 soll der Umbau des ganzen Gebäudes starten, damit 2026 die Mieter*innen einziehen können. Der Laden eröffnet bereits vor dem Einzug der Mieter*innen, weil so Erkenntnisse über die Bedürfnisse der künftigen Bewohner*innen gewonnen werden können, erklärt Matthias Tobler. Während der Bauphase sollen Laden und Co-Workingspace nicht schliessen, sondern in der Nähe des Weberguts untergebracht werden, eventuell in einem Container auf dem Parkplatz.

Dort hätten auch Matthias Tobler und seine Team-Kolleg*innen gerne gewohnt. «Die Idee war, dass wir das Webergut im Kleinformat testen.» Aus der Wohngemeinschaft in Modulbauten wurde aber nichts, weil die Finanzierung scheiterte. Trotzdem sind einige künftige Webergut-Bewohner*innen nach Zollikofen gezogen, sie wollen damit ihren Einsatz für das Projekt unterstreichen.

Rund zwei bis vier Stunden pro Woche arbeiten sie ehrenamtlich dafür. Einige Innovationsprojekte werden finanziell von der Standortförderung des Kantons Bern unterstützt. Eine Vergütung der gemeinsamen Entwicklungsarbeit kommt zudem von der Pensionskasse Stiftung Abendrot. Ihr gehört das Gebäude; die Genossenschaft Urbane Dörfer fungiert als Globalmieterin. Auch Tobler wird für einen Teil seiner Arbeit bezahlt, daneben berät er auf Mandatsbasis andere Arealentwicklungen.

Für Matthias Tobler ist es der zweite Umzug im Einsatz für ein Projekt. Vor sechs Jahren zügelte er mit seiner Frau und den beiden Kindern an die Effingerstrasse in Bern, um dort eine Kaffeebar und einen Co-Workingspace mitzugründen. In den Effinger-Kreisen entstand auch die Idee der Urbanen Dörfer.

Neben dem Projekt in Zollikofen läuft eines in Gümligen. Dort wurde vor kurzem der Architekturwettbewerb abgeschlossen, 2027 sollen die Mieter*innen in ein Urbanes Dorf bei der Haltestelle Melchenbühl einziehen.

Tiefe Mietzinse

«Die Auswahl der Mitbewohner*innen überlassen wir nicht dem Zufall», sagt Tobler. Verschiedene Generationen und soziale Schichten sollen vertreten sein. Die genauen Anforderungen an die Zusammensetzung stehen aber noch nicht. Tobler und die Genossenschafter*innen besuchen im Moment Genossenschaften in der ganzen Schweiz, um sich inspirieren zu lassen. Tobler gefällt der Ansatz der Kalkbreite in Zürich: «Ihr Plan war, die Bevölkerung der Stadt Zürich im Kleinen abzubilden.»

Um die gewünschte Durchmischung hinzukriegen, dürften die Mietzinse nicht zu hoch sein, ist Tobler überzeugt: «Sie sollen unter dem Durchschnitt in Zollikofen liegen.» Möglich machen sollen dies ein eher tiefer Ausbaustandard und kleine Flächen.

Zum Schluss des Workshops teilen sich die Teilnehmer*innen in Kleingruppen auf und sprechen über ihre Vorstellungen vom Gemeinschaftsladen. Senior*innen wünschen sich einen hindernisarmen Zugang. Eine junge Mutter vollwertige Produkte. Und Bäuerin Käthi Bäriswyl wäre froh um einen Ort, wo sie krummes Gemüse oder spezielle Sorten verkaufen könnte. Einen Anfang macht sie schon an diesem Tag: Wo am Morgen Züpfe und Apfelsaft standen, liegen am Mittag Kürbisse und Karotten zum Verkauf bereit.

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