Eine warme Stille
Wenn in der Winterkälte Nebel über der Aare liegt, ist es, als würde der Fluss verdampfen. Trotzdem spürt unsere Literatur-Kolumnistin eine vertraute Wärme.
Der Schnee zieht jedes Geräusch in eine warme Stille. Er legt sich über den Hang vom Waldweg zum Wasser, verändert seine Zeit.
Das Wasser muss seine Bewegungen sparen. Es liegt im Flussbett wie in einem See. Im Bach, der vom Fluss wegführt, ist es zu Eis erstarrt. Zwei Bäume liegen darin, halten, als hätten sie mit ihnen das Eis durchbrochen, ihre Äste in die Luft.
Die Äste fallen zurück als Schatten auf die schwarze Fläche Wasser, die sichtbar wird unter dem auseinandergebrochenen Eis. Das Licht der Sonne streut sich am Nebel, bildet sich strahlenförmig in ihm ab. Der Nebel ist sein Gegenüber, verlängert die Stämme der Bäume am Weg, verlagert ihren Grund.
In der Nähe des Wassers wird die Stille kälter. Kleine Blätter haben sich zwischen den Steinen am Ufer verfangen, das Wasser spült über sie hinweg. Es ist, als würde der Fluss im Nebel verdampfen, sich vorsichtig auflösen in ihm.
Ich denke an alle Momente, die ich verpasse, weil jede Stelle am Fluss sich ständig verändert. Und wie unzureichend ich von denen, die ich bemerke, beschreiben kann, wie lebendig sie sind.
Wie die Insel aus Steinen, die aus dem Fluss ragt, möchte ich mich ins Wasser legen, möchte weit werden und schwer. Woher weiss ich denn, was ich zu wissen meine, schreibt Daniela Seel. Ich weiss es von den Steinen, von ihrem Schweigen.*
Zusammen mit der Stille des Schnees verankert die Bewegungslosigkeit von Stein mich in einer anderen Zeit. Sie zieht in eine tiefe Ruhe zum Grund des Flusses, lehrt meinen Körper, einfach zu sein.
Die Bäume öffnen das Ufer zum Himmel. Gegen ihre Stämme lehnt sich mehr Schnee. Es sind ausgestreckte Gesten, hinter denen der Himmel, obwohl das Licht der Sonne sich ihm entzogen hat, leuchtet.
*nach eden, Daniela Seel (Suhrkamp, 2024).
Selma Imhof (27) lebt und schreibt in Bern. Aktuell arbeitet sie an ihrem literarischen Debut «Wasser, Taube», das von Stadt und Kanton Bern gefördert wird. Für die «Hauptstadt» schreibt sie einmal im Monat eine literarische Kolumne zur Aare.