Bewegende Wellen

Wo hört der Fluss auf und fängt der Nebel an? Beim Spaziergang an der Aare lässt sich unsere Literatur-Kolumnistin von der Beschaffenheit des Wassers berühren.

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(Bild: Silja Elsener)

Die Blätter werden braun von der Mitte her. Es sind tote Punkte im noch lebendigen Blatt. Sie breiten sich aus zum Rand, nehmen ihre Farben mit. Dann fallen sie auf die Wasseroberfläche, bleiben zitternd liegen. 

Der Fluss ist so durchdringbar, dass ich den Wegen folgen kann, die die Sonne in ihm geht. Doch stellt er sich den Blättern entgegen, trägt sie neben mir her. 

Durch ein Meer aus toten Blättern gehe ich über die Steine am Ufer, die langsam sichtbar werden unter mir. Im Wasser liegen die Bäume, ihre Spiegelung beinahe nackt.

Der Fluss dehnt sich aus nach allen Seiten. Das Ufer löst er auf, wird weitläufig und breit. Wo das Wasser enden könnte, hat der Nebel schon begonnen, ist seine verdichtete Fortsetzung in der Luft.

Auch die Wege der Sonne scheinen unermesslich, verlieren ihren Anfang und ihr Ende.

Der Fluss ist eine weisse Fläche. Durch sie ist ein Blatt gedrungen, dreht sich um seine eigene Achse.

Kurz gibt das Wasser vor, es habe eine Form. Es steigt an einem Stein hoch, bildet Rillen, die zusammenlaufen, sich ineinander verlieren. Es ist dieselbe Bewegung, die mein Geist ausführt, wenn ich versuche, mir zu erklären, warum die Beschaffenheit von Wasser mich berührt.

There is something exquisite about not being able to wrap my mind around things, schreibt Anna Badkhen. Ich lasse das Geräusch des Flusses gegen meine Beine schlagen wie das Wasser gegen die Steine am Ufer schlägt.

Die Berührung kommt in Wellen, rollt über meinen Körper als Geräusch, und geht.  

Selma Imhof
Aarekolumne
hauptstadt.be
Zur Autorin

Selma Imhof (27) lebt und schreibt in Bern. Aktuell arbeitet sie an ihrem literarischen Debut «Wasser, Taube», das von Stadt und Kanton Bern gefördert wird. Für die «Hauptstadt» schreibt sie einmal im Monat eine literarische Kolumne zur Aare.

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