In Scherben gebrochenes Glas
Am ursprünglichen Flusslauf der alten Aare beobachtet unsere Literatur-Kolumnistin, was lange Sonnenstrahlen im Wasser auslösen. Und in ihrem Geist.
Eine Linde hat sich als Schatten vor mich auf den Waldboden gelegt. Ihr Stamm ist gebogen, die Blätter liegen nahe beieinander. Die Spiegelungen der alten Aare bilden sich ab am Stamm der Linde, durchschreiten ihn als Folge von Schatten und Licht.
Zwischen hohen Gräsern sitze ich in einer Bucht, schäle Wahrnehmung um Wahrnehmung von ihr, um für sie zu werden, was sie schon lange für mich ist: Ein unvoreingenommenes Gegenüber, beständig und real.
Stattdessen durchkreuzt mein Geist die Bedingungen der Bucht, hebt Baum und Fluss aus ihren Elementen. Das Wasser der alten Aare verlässt das Flussbett, fliesst trocken durch die Krone der Linde, deren Schatten gebogen auf der Erde liegt.
Die Sonne flutet die Bucht, versenkt einige Strahlen im Fluss. Andere verteilt sie über der Wasseroberfläche wie in Scherben gebrochenes Glas. Unter Wasser schlagen ihre Scherben aneinander, knistern und knacken in meinem Ohr.
Tauche ich auf, legt die Sonne sich auf die nassen Steine ums Ufer wie eine Kette aus Perlen.
Mein Geist verwandelt jedes Bild, das er berührt. Die Steine im Becken in Knoten, an denen der Fluss sich faltet. Die Blätter der Auen in Schaufeln, die das Licht auffangen.
Es ist die Schwerkraft, die das Licht zum Grund zieht. Und die langen Strahlen der Sonne sind Kristalle, die unter Wasser zur Oberfläche drängen.
Dass der Sommer sich über Nacht umdreht, fühlt sich an wie der lange Schritt, wenn man eine Stufe verfehlt. Plötzlich ist die Luft kalt und das Ufer leer. In der neuen Leere begegnet mein Geist einem Geräusch, dem er endlich widersteht: Wasser klingt freundlich, wenn es auf Wasser trifft.
Selma Imhof (27) lebt und schreibt in Bern. Aktuell arbeitet sie an ihrem literarischen Debut «Wasser, Taube», das von Stadt und Kanton Bern gefördert wird. Für die «Hauptstadt» schreibt sie einmal im Monat eine literarische Kolumne zur Aare.