Bettwäsche – «Hauptstadt»-Brief #207
Samstag, 19. August 2021 – die Themen: Anna-Seiler-Haus; Wabern; Stadtrat; Drogen; Belpmoos; YB-FC Breitenrain; Velostation. Kopf der Woche: Nicolas Dussex.
Vorgestern machte ich einen Ausflug in die Welt der Superlative. Hier in Bern. Ich nahm an einem Rundgang zur Eröffnung des neuen Anna-Seiler-Hauses im Inselspital teil, das in einem Monat von Ärzt*innen, Pflegepersonal und Patient*innen bezogen wird. Heute und morgen finden zwei komplett ausgebuchte Tage der offenen Tür statt, 7000 Menschen lassen sich durch den Neubau führen.
Alles an diesem Haus ist krass. 10 Jahre lang wurde geplant und gebaut – für 670 Millionen Franken. Der 18-stöckige Neubau hat 3250 Räume, davon 300 Patient*innenzimmer mit 530 stationären Betten für Menschen, die in 11 Operationssälen behandelt werden. Wobei bei Bedarf drei weitere OPs dazu kommen können.
Es gibt viel Tageslicht, neuerdings sogar in Operationssälen, in denen bisher quasi unter Tag gearbeitet wurde. Das neue Hochhaus erfüllt den Minergie-Standard, aber mit den Zertifizierer*innen sei vereinbart worden, dass trotzdem in jedem Patient*innenzimmer ein Fenster gekippt werden darf, sagte Gesamtprojektleiter Bruno Jung.
50 Jahre beträgt die geschätzte Lebensdauer des neuen Spitalbaus. Wie wird man dann gepflegt, wenn man krank ist? Niemand weiss es. Uwe E. Jocham, Direktionspräsident der Insel Gruppe, brachte den Geist pointiert auf den Punkt, der durch das neue Anna-Seiler-Haus weht. Es sei, sagte er sinngemäss, für eine Gesellschaft konzipiert, in der immer mehr alte Menschen leben, die aber gleichzeitig mit einem sich zuspitzenden Fachkräftemangel konfrontiert sei.
Anders gesagt: Alles ist darauf ausgerichtet, Prozesse zu optimieren, die Effizienz zu steigern, damit den Pflegenden Zeit für die Patient*innen bleibt. An unglaublich vielen Details wurde gefeilt, die Insel will neue Massstäbe setzen.
Die Bettwäsche bleibt weiss. Der eigentlich erwünschte Wechsel auf farbige hatte im Budget nicht Platz, er ist ein Projekt für die Zukunft.
Und das möchte ich dir ins Wochenende mitgeben:
Wabern: Die «Hauptstadt»-Redaktion zieht am Montag für eine Woche in die Villa Bernau nach Wabern. Wir freuen uns auf diesen dynamischen Teil der Gemeinde Köniz, der sich rasant wandelt. Die Bezeichnung Boomtown finde ich zutreffend, besonders, wenn man bedenkt, dass der grösste Wachstumsschub Wabern erst noch bevorsteht. Ehrlich gesagt freuen wir uns auch auf den kühlen Bernau-Park und die noch kühlere Aare. Falls dir danach ist: Komm am Mittwoch ab 18 Uhr an den «Hauptstadt»-Apéro in den Park der Villa Bernau. Slam-Poetin Moët Liechti erfrischt den Geist – und das Eichholz ist nah.
Politik: Am Donnerstag trifft sich das Berner Stadtparlament zu seiner ersten Sitzung nach der Sommerpause. Meine Kollegin Flavia von Gunten hat in einer Umfrage die Frage aufgeworfen, ob Stadträt*innen Hassbotschaften oder Beleidigungen ausgesetzt sind. Knapp drei Viertel der 80 Stadträt*innen nahmen teil. Das Ergebnis: Über die Hälfte der Antwortenden hat Erfahrungen mit Reaktionen, von denen sie sich beleidigt, belästigt oder bedroht gefühlt haben.
Drogen: Die Anlaufstelle für Drogenabhängige vis-à-vis der Schützenmatte ist normalerweise für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Heute Samstag zwischen 10 und 15 Uhr führt die Stiftung Contact, die Betreiberin der Anlaufstelle, zum zweiten Mal nach 2019 einen Tag der offenen Tür durch. Hier können Abhängige geschützt ihren Stoff konsumieren, Drogen werden weder abgegeben noch verkauft. Als Bern 1986 als erste Stadt überhaupt ein «Fixerstübli» eröffnete, machte das weltweit Schlagzeilen.
Belpmoos: Der Plan des Energieversorgers BKW und der Flughafen Belp AG, neben dem Flughafen einen 25 Hektaren grossen Solarpark zu bauen, wird bekämpft. Der neu gegründete Verein Natur-Belpmoos setzt sich für den Schutz der grossen Magerwiese auf dem Gelände ein, wie er schreibt. Man befürworte den Ausbau der Photovoltaik, aber nicht auf Kosten von Naturschutz und Biodiversität.
Fussball: Viele Fans von Fussball-Schweizermeister YB sind gleichzeitig Anhänger*innen des kultigen Quartierclubs FC Breitenrain. Gestern wurde diese Polyamorie einem kleinen Stresstest ausgesetzt: In der ersten Runde des Schweizer Cups musste Breitsch gegen YB antreten. Die Erregung blieb im Rahmen: YB wahrte die Hierarchie und gewann vor 14’000 Zuschauer*innen im Wankdorf 5:0.
Velofahren: Die Berner Gemeinderätin Marieke Kruit (SP) hat die neue städtische Velostation in der Welle 7 dem Betrieb übergeben. Einbau und Betrieb der Veloeinstellhalle kosten die Stadt 2,4 Millionen Franken. Für Benutzer*innen sind die ersten 24 Abstell-Stunden versuchsweise gratis, wie der Gemeinderat mitteilt. Ziel ist es, die Zahl parkierter Velos am Hirschengraben und auf der Schanzenbrücke stark zu reduzieren.
PS: Was ist das Erbe des im Juni verstorbenen, umstrittenen früheren italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi? Er hat auch das Aussenbild von Italien geprägt, und das beschäftigt Italiener*innen, die im Ausland leben. Zum Beispiel in Bern. Der Kulturverein Pecore Ribelli diskutiert heute Abend in der Feuerwehr Viktoria (ab 18.30 Uhr) über den Cavaliere – gerne auch mit Berner Italien-Romantiker*innen. Und zeigt die filmische Berlusconi-Satire «Loro» von Oscar-Gewinner Paolo Sorrentino.
Berner Kopf der Woche: Nicolas Dussex
Beim Stichwort Wabern denkt man ans Hochhaus, an verdichtete Siedlungenoder die überfüllte Eichholz-Wiese an einem Sommerwochenende. Aber an eine menschenleere Naturoase? «Ich erlebe praktisch auf jeder Führung erstaunte Gesichter», sagt Nicolas Dussex: «Menschen, die schon jahrelang im Eichholz schwimmen, joggen oder spazieren, sind völlig überrascht, dass es ausgerechnet hier in Stadtnähe wilde Natur gibt.»
Doch es gibt sie. In Wabern. Biologe Dussex ist Leiter des Pro Natura Zentrums Eichholz, zu dem ein in verschiedener Hinsicht aussergewöhnlicher Naturraum gehört. Es handelt sich um eine Auenlandschaft, die direkt an die grosse Eichholzwiese anschliesst. «Die Besonderheit ist, dass der Natur hier die Rückeroberung gelang», sagt Dussex.
Nach der Begradigung der Aare Mitte des 19. Jahrhunderts verlor das Eichholz seinen natürlichen Auen-Charakter. Mittels Aufschüttungen schuf man auf dem Areal des heutigen Reservats einen Sportplatz, auf dem YB trainierte und 1923 die Leichtathletik-Schweizermeisterschaften stattfanden. Später betrieb der Kanton am gleichen Ort eine Fischzuchtanlage. 1989 nahm das Stimmvolk einen Uferschutzschutzplan an, der die inzwischen stillgelegte Fischzucht als Naturreservat ausschied. Es war das Zeichen zur Rückeroberung.
Nicolas Dussex war 2011 dabei, als der Naturraum auf Initiative eines Vereins von Freiwilligen mit einem Infozentrum für Besucher*innen aufgewertet wurde. Seit 2021 wird es von Pro Natura Bern betrieben. Das Beispiel des Eichholz-Reservats zeige, sagt Zentrumsleiter Dussex, «dass sich selbst unmittelbar neben intensiver Freizeitnutzung eine eindrückliche Vielfalt entwickeln kann, wenn man der Natur Zeit und Raum lässt». Im Eichholz haben sich zum Beispiel 200 Pflanzen- und 50 Vogelarten angesiedelt, zudem Tiere wie Iltis, Biber und sogar Fischotter. Die Message, die Dussex den Menschen auf Führungen und mittels Ausstellungen mitgibt, ergibt sich im Angesicht der Waberer Naturoase fast von selber: Wie wichtig der Schutz naturnaher Flächen für die Biodiversität ist. Öffnungszeiten: Mi und Sa, 13.30 bis 17.30 Uhr; So und Feiertage: 10 bis 17 Uhr.