Eine Wohnung nach dem Frauenhaus
Anschlusslösungen nach dem Frauenhaus sind rar: Dank dem cleveren Engagement von pensionierten Frauen übernimmt der Kanton Bern neu das private Angebot «LibElle» und macht es zur Staatsaufgabe. Besuch bei den Drahtzieherinnen.
Vielleicht war ein Feueralarm ausschlaggebend, dass es geklappt hat. Stefanie Ulrich und Bruna Roncoroni, zwei der Mitgründerinnen des Projekts «LibElle», hatten vor gut zwei Jahren gerade eines der ersten Verhandlungsgespräche mit dem Kanton Bern, als das Gebäude geräumt werden musste und das Gespräch kurzerhand auf dem Schosshaldenfriedhof weitergeführt wurde. «Es wurde sofort etwas informeller, die Stimmung besser», erinnert sich Roncoroni.
Nun sind die Verhandlungen beendet. Und die beiden pensionierten Frauen und ihre Mitstreiterinnen haben auf clevere Art erreicht, dass der stets unter Spardruck stehende Kanton in die Opferhilfe investiert. Ab Mai finanziert er das bisher privat geführte Projekt «LibElle» über einen Leistungsvertrag mit der kantonalen Institution Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern, die «LibElle» unter ihrem Dach weiterführt. Vorderhand für 1,5 Jahre, danach steht eine Verlängerung in einen ordentlichen Vier-Jahres-Leistungsvertrag an.
Lücke wird geschlossen
Das heisst: Der Kanton muss kein Geld ausgeben für die oft langwierige und teure Planung und Erarbeitung eines Angebots, er kann ein funktionierendes Projekt pfannenfertig übernehmen und finanziert nur den Betrieb. Während der bisherigen Pilotphase kostete das Angebot rund 300’000 Franken im Jahr.
«LibElle» schliesst eine Lücke in der Opferhilfekette: Frauen, die wegen eines gewalttätigen Partners ins Frauenhaus flüchten müssen, dürfen dort als Soforthilfe nur 35 Tage bleiben. Bei anhaltender Gefährdung ist es zwar möglich, ein Gesuch bei der kantonalen Sozialdirektion zu stellen, damit der Aufenthalt verlängert werden kann. Doch auch bei einer Verlängerung sei die Zeit sehr kurz, sagt Silvia Rüegg, die von «LibElle» als eine von zwei Sozialarbeiterinnen angestellt ist und direkt mit den Frauen arbeitet. «Die Frauen kommen aus einer Krisensituation und brauchen oft mehr Zeit, um sich zu orientieren und eine Perspektive zu entwickeln.»
Dort setzt «LibElle» an, indem das bisher als Verein organisierte Projekt sieben Wohnungen im Kanton Bern für solche Frauen zur Verfügung stellt. Das ist als Übergangsangebot gedacht. Das Ziel ist es, dass die Frauen nach einem halben Jahr oder in manchen Fällen auch nach über einem Jahr Tritt finden und dauerhaft in eine eigene Wohnung ziehen.
Laut Istanbul-Konvention wäre es sowieso Aufgabe des Staats, solche Übergangsangebote bereitzustellen, doch bisher fehlten sie im Kanton Bern völlig. «Unser Ziel war immer, dieses Angebot dem Staat zu übergeben», sagt Roncoroni. Von Anfang an bezeichneten die Frauen das Projekt denn auch als Pilot, angelegt auf drei Jahre. Schliesslich sind es vier geworden.
Am Anfang stand ein Haus
Bruna Roncoroni (70) und Stefanie Ulrich (63) sind sichtlich gut gelaunt, als sie am Esstisch von Ulrichs Wohnung in der Berner Altstadt erzählen, wie sie es geschafft haben, die Gesundheits- und Sozialdirektion von Regierungsrat Pierre Alain Schnegg (SVP) dazu zu bringen, ein neues Angebot zu finanzieren.
Die beiden kennen sich aus dem Berufsleben: Ulrich leitete lange Jahre das Frauenhaus Thun, Roncoroni führte während dieser Zeit die Abteilung Soziales in Thun. Vor vier Jahren hatte Ulrich ein Haus in Aussicht, das sie fast umsonst hätte übernehmen können, um darin Frauen nach dem Frauenhaus eine Übergangslösung zu bieten. Darum musste alles schnell gehen, sie gründete mit Roncoroni und anderen den Verein. «Wir wollten aufzeigen, dass es dieses Angebot braucht, denn von offizieller Seite her war das immer wieder angezweifelt worden», sagt Ulrich.
Aus dem Haus wurde dann nichts, die Sanierung wäre zu teuer gewesen, doch der Verein war gegründet und die Frauen waren motiviert. «Ich war frisch pensioniert», erinnert sich Roncoroni, «und zuvor hatte ich beruflich immer propagiert, dass Pensionierte der Gesellschaft etwas zurückgeben können.» Die Gründerinnen wussten genau, was es für das Projekt brauchte: Wohnungen, Sozialarbeiterinnen, Fachwissen, Geld und Lobbying. Gezielt suchten sie nach Menschen, die diese Kompetenzen mitbrachten.
Gerade Roncoroni ist gut vernetzt und hat bereits früher Pionierprojekte mitaufgebaut, so etwa Projekte der Stiftung Terra Vecchia. Darum wusste sie: «Auch wenn du am Anfang kein Geld hast, das Wichtigste ist, dass du Fakten und Zahlen bereitstellen kannst.» Bald war der Kontakt zu einer ersten Stiftung aufgebaut, die bereit war, einen namhaften Betrag zu sprechen und gleichzeitig erste Wohnungen (im Kanton Freiburg) zur Verfügung stellte.
Seither sind sieben Wohnungen im Kanton Bern dazugekommen. In diesen konnten in den letzten gut drei Jahren insgesamt 19 Frauen und 24 Kinder untergebracht werden. Anfragen gab es in dieser Zeit aber sehr viel mehr: Insgesamt 113, wobei Barbara Eggo, die zweite Sozialarbeiterin bei «LibElle», präzisiert, dass die Nachfrage eigentlich noch grösser wäre, da sich die Frauenhäuser nur gemeldet hätten, wenn sie wussten, dass bei «LibElle» eine Wohnung frei war.
Gezielt lobbyiert
Vorbilder für «LibElle» gibt es keine. In anderen Kantonen existieren zwar ähnliche Anschlusslösungen, diese sind aber aus den Frauenhäusern heraus entstanden und waren auch von Anfang an staatlich finanziert. Im Kanton Bern spielte ein anderer Faktor mit hinein: Die neue Opferhilfestrategie ist politisch seit Jahren blockiert. In jener unsicheren Lage war es nicht denkbar, dass Frauenhäuser oder Opferhilfestellen ein neues Angebot schaffen würden.
Die Macherinnen von «LibElle» trieben ausserordentlich erfolgreich Geld ein, von Stiftungen und anderen Organisationen, aber auch von Privaten. Das Beschaffen von Geld läuft so gut, dass die Pilotphase auch hätte verlängert werden können. Doch das wollten sie nicht. «Es ist eine Staatsaufgabe», sagt Stefanie Ulrich. Sie und Roncoroni wiederholen diesen Satz im Gespräch mehrmals.
Darum fingen die ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder auch schon früh an, politisch zu lobbyieren. Sie holten Politikerinnen aus allen Lagern, Fachfrauen und Prominente mit ins Boot. Insgesamt sind elf Frauen im Matronatskomitee, so etwa Agota Lavoyer, Expertin für sexualisierte Gewalt, Alt-Nationalrätin Ursula Haller (SVP) oder Grossrätin Andrea de Meuron (Grüne). Parallel dazu verhandelten sie seit zwei Jahren mit dem Kanton.
«Wir stellten uns auf den Standpunkt: Entweder übernehmt ihr – oder wir fahren das Projekt herunter», sagt Stefanie Ulrich, die den Verein präsidiert. «Wir wollten uns nicht instrumentalisieren lassen vom Kanton. Und wir wollten keine Konkurrenz zu Frauenhäusern oder anderen Angeboten sein.»
Die Strategie ging auf. Der Kanton übernimmt – und zwar zu den Bedingungen von «LibElle»: Das Geld, das in die Übergangslösung für gewaltbetroffene Frauen fliesst, darf nicht anderswo in der Opferhilfe gespart werden.
Noch bevor die Opferhilfestrategie im Frühling erneut im Grossen Rat behandelt werden wird, ist klar: Eine Lücke im System wird vorderhand geschlossen. Und zwar dank einiger mutiger und entschlossener pensionierter Fachfrauen.
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