Elfenauhof – Neustart mit Hypothek

Bio-Landwirtschaft, selbsttragend, perfekt ins Umfeld integriert: die Anforderungen an die neuen Pächter*innen des städtischen Elfenauhofs sind hoch. Gelingt der Spagat?

© Danielle Liniger
Ein Wohnhaus und landwirtschaftliche Gebäude gehören zum Pachtareal. (Bild: © Danielle Liniger)

In Kürze wird bekannt, wer die Pacht auf dem Elfenauhof übernimmt. Es sei «keine leichte Aufgabe», sagte Gemeinderat Michael Aebersold (SP) schon bei der Vorstellung der Pachtausschreibung im vergangenen Sommer. 

Es geht um nichts weniger als eine Epochenwende: Ein Stadtbauernhof, der nachhaltig Landwirtschaft betreibt, davon leben kann, und bei der Bevölkerung das Verständnis für die Nahrungsgewinnung vertieft.

Um zu verstehen, wohin der Elfenauhof künftig steuert, lohnt sich zunächst ein Blick zurück. Sommer 2023 – in der Abendsonne recht Alfred Weber Heu zusammen. Sein Sohn Hansueli steuert nicht weit entfernt den Traktor. Die beiden prägen die Geschicke des Elfenauhofs seit über 60 Jahren. In dieser Zeit hat sich der Landwirtschaftsbetrieb stark gewandelt. In den 1960er Jahren kümmerte sich Alfred um 30 Kühe, die er von Hand melkte. Im Stall lebten zwölf Zuchtschweine. Hinzu kam der Anbau von Kartoffeln und Getreide. 

Diese Zeiten sind längst vorbei, die Kühe ausgezogen. Dort, wo sich einst Säuli suhlten, starten heute Kinder an einem «LernOrt» ins Leben. Hansueli ist dazu übergegangen, nur noch Heu und Dinkelkorn zu verkaufen. In der restlichen Zeit arbeitet er als Lastwagenchauffeur. In diesem Jahr endet seine Zeit als Pächter – er steht kurz vor dem Pensionsalter.

Mit Hansueli endet die Pächterschaft der Familie Weber. (Bild: Nicolai Morawitz)

Die Stadt Bern will als Eigentümerin des Hofs ab 2025 einen radikalen Neustart wagen. Wie sie sich diesen vorstellt, ist spätestens seit Beginn des Ausschreibungsprozesses im vergangenen Sommer klar.

Der selbsttragende Pachtbetrieb müsse hohe Nachhaltigkeitskriterien erfüllen – möglichst in Demeter- oder Bio-Knospe-Qualität. So steht es in den Ausschreibungsunterlagen der Stadt und so sind die Ziele auch den interessierten Bewerber*innen kommuniziert worden. Ausserdem müsse sich der Betrieb als «harmonischer Teil» in die Parkanlage der Elfenau einfügen, auf die Bedürfnisse der umliegenden Bevölkerung eingehen und am besten die eigene Arbeit auch noch pädagogisch ansprechend vermitteln können. Ein prall gefülltes Pflichtenheft. 

Personen, mit denen die «Hauptstadt» in den vergangenen Wochen gesprochen hat, und die im Auswahlprozess für die Hofnachfolge involviert waren, sprechen von einem «Wunschzettel», den die Stadt geschrieben habe. Und von einer «eierlegenden Wollmilchsau», die als Pächter*in gesucht werde. Ein Grossteil der Personen möchte anonym bleiben. 

Dornige Chance

Elfenau – der Name geht auf das Märchenhaft-Verwunschene zurück, das die russische Grossfürstin Anna Feodorowna vor über 200 Jahren im Landstrich erkannte. Und wo sie dann auch ihr Anwesen bezog. Märchenhaft erscheint auch das Potenzial des Bauernhofs, wenn man sich bei Menschen umhört, die sich für die Pacht beworben haben. «Das Grundstück ist der Wahnsinn», sagt einer. Es komme in der Schweiz vielleicht einmal in 50 Jahren vor, dass die Pacht eines solchen Hofs neu ausgeschrieben werde. Vor allem für junge, landwirtschaftlich geschulte Menschen, die keinen Betrieb in der Familie übernehmen können, sei der stadtnahe Elfenauhof eine grosse Chance. Noch dazu in einer linken und progressiven Stadt wie Bern und fernab von verkrusteten Strukturen. «Ich habe bei den Bewerber*innen sehr viel Enthusiasmus gespürt», sagt eine Person, die sich um die Pacht beworben hat, aber in einer späten Auswahlrunde scheiterte.

 

Elfenauhof
© Danielle Liniger
Höhenunterschiede, schattige Plätze, wilder Wuchs – was Passanten gefällt, ist nicht unbedingt gut für die Landwirtschaft. (Bild: Danielle Liniger)

Dass die Stadt lokale Agrarpolitik durch die Verpachtung des Hofs betreibe, sei grundsätzlich positiv, sagt sagt Claudia Schreiber, Rechtsanwältin in Bern und Co-Leiterin des Archivs für Agrargeschichte. Doch wie arbeite und lebe es sich auf einer solchen Projektionsfläche, fragt sie sich im Hinblick auf den umfangreichen Anforderungskatalog. Denn wer bereit ist, auf dieser Projektionsfläche zu arbeiten, muss auch finanziell ins Risiko gehen. Das bestätigen unabhängig voneinander die beteiligten Personen.

Die Interessengemeinschaft Elfenau ist Teil des Beurteilungsgremiums für die Verpachtung. Schon kurz nach Veröffentlichung der Ausschreibungsunterlagen letzten Sommer hiess es von Seiten der IG: Es sei «eine Illusion», dass der Hof selbsttragend betrieben werden könne. Sie schlug deshalb vor, eine Stiftung zu gründen, an die der Hof übertragen wird, und die zugleich finanziell von Dritten unterstützt werden kann. Laut der Interessensgemeinschaft wollte die Stadt auf den Vorschlag aber nicht eingehen. Diese hält in den Ausschreibungsunterlagen fest, dass eine gemeinnützige Betriebsgesellschaft zu gründen sei. Im Laufe des Auswahlprozesses kommunizierte die Stadt ausserdem, dass sie den künftigen Pächter*innen Darlehen gewähren könne – Bürgschaften gebe es allerdings keine. 

Klar ist, dass auf dem Hofareal einige Investitionen anstehen. «Dass Pächter*innen weitgehend selbst dafür aufkommen müssen, ist nicht unbedingt üblich», sagt Felix Gerber, der sich als passionierter Imker innerhalb eines Teams für die Pacht mitbeworben hat. Das fange beim Ersatz der Ölheizung im Wohngebäude an und höre beim Stallumbau auf. In den Ausschreibungsunterlagen ist dazu immerhin festgehalten, dass das benachbarte Stadtgrün Bern jährlich 1500 Kubikmeter Holzschnitzel umschlägt, weshalb sich eine gemeinsame Holznutzung anbiete. Zudem könne auf den Dächern der Hofgebäude eventuell eine Photovoltaikanlage installiert werden.

Woher kommen die Erträge?

Für die Pächter*innen werde es lange «finanziell eng» sein, ist Gerber überzeugt. Denn auch auf der Ertragsseite könnte es schwierig werden. Zwar ist der Hof grundsätzlich für Direktzahlungen berechtigt, weil innerhalb des Pächterteams ausgebildete Landwirt*innen sein müssen. Allerdings ist die Elfenau nicht nur Traumlandschaft – sondern auch ein herausforderndes Terrain. Die Böden auf dem insgesamt 25 Hektar grossen Areal seien nur beschränkt geeignet für Ackerbau, so Felix Gerber. Viele Teilflächen seien schattig oder an Hängen gelegen. Deshalb sei auch die Rinderhaltung nicht unproblematisch: Die Tiere kämen mit dem steilen Gelände zwar zurecht, aber sie verursachen mit der Zeit «Kuhtritte» – langgezogene Stufen – was vom Landschaftsschutz her unerwünscht ist. Ausserdem liege der Milchpreis für Klein- und Mittelbetriebe eher unter den Herstellungskosten. Eine Ziegen- oder Schafhaltung mit eigener Milchverarbeitung wäre allenfalls besser geeignet, schätzt Gerber.

Hinzu kommen «gartendenkmalpflegerische» Einschränkungen, wie es in der Ausschreibung heisst. Plantageähnliche Kulturen, Folientunnel oder unkonventionelle Festzäune kämen im Areal nicht in Frage. Gerade Folientunnel seien aber für den Obst- und Gemüseanbau heutzutage unabdingbar, erklärt einer der Pachtbewerber. Die Stadt stellt zumindest in Aussicht, dass das neue Pächterteam für diese Anbauformen die Gewächshäuser des angrenzenden Stadtgrüns mitnutzen kann.

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Die zu bewirtschaftende Fläche reicht bis an die Gemeindegrenze von Muri. (Bild: Manuel Lopez)

Die Elfenau ist ein grossräumiges Naherholungsgebiet und befindet sich im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz. Im Sommer ziehen Badelustige und Feiernde die Wege hinab in Richtung Aare, suchen unterwegs nach Grillstellen – und landen schnell auf landwirtschaftlichem Gebiet. Es ist die Lebensgrundlage des Bauernbetriebs und Lebensraum von Kleintieren und Insekten.

Umso wichtiger ist für das künftige Pächterteam der Rückhalt aus dem umliegenden Elfenauquartier. Doch auch hier drohen Fallstricke, weil sich das Quartier in den letzten Jahren an eine wenig spürbare Landwirtschaft gewöhnt hat. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen Pächter Alfred Weber oder sein Sohn Hansueli Gülle auf den Feldern ausfuhr. 

Die Stadt hält in Anbetracht dieser mannigfaltigen Herausforderungen fest: Es muss eine Pächterschaft gefunden werden, welche die landwirtschaftlichen Nachteile des Standorts als betriebliche Vorteile bespielt. Ansonsten seien weitere «Nutzungskonflikte» unausweichlich. Gelingt dem neuen Pächterteam die Quadratur des Kreises?

 

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Diskussion

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Ruedi Muggli
18. Mai 2024 um 08:14

Es ist zu hoffen, dass den neuen Pächtern nicht verunmöglicht wird, einen rentablen Betrieb zu führen. Dann kann nicht jeder Nachbar in den Betrieb hineinreden und seine (idealistisvhen) Wünsche ultimativ via Politik einbringen.