Enorme Gewinnmarge im Dienste des Kantons
Trotz Wirtschaftsturbulenzen geht es der Berner Kantonalbank glänzend. Doch von der positiven Geschäftsentwicklung profitieren nicht die Kund*innen, sondern vorwiegend die Aktionär*innen und damit der Kanton.
Die Berner Kantonalbank (BEKB) zählt laut eigenen Angaben 500’000 Kund*innen. Im Kanton Bern haben laut Angaben der Bank 36 Prozent der Privatpersonen und 33 Prozent der KMU und eine Bankverbindung mit der BEKB. Die Kundschaft bleibt der Bank treu, auch wenn sie keinen Zins auf Sparguthaben bekommt. Wie in den vergangenen Jahren.
Jetzt, da die Nationalbank die Zinsen wieder angehoben hat, stellt die BEKB ab Mitte Oktober einen Zins in Aussicht – allerdings nur auf ausgewählten Konten, wie auf Spar-, Kinder- und Jugendkonten. Das Kontokorrent bleibt bis auf weiteres unverzinst. Schneller reagiert hat die BEKB bei den Zinsen für Hypotheken, die sie rasch nach oben korrigierte. Mit diesem Zinsdifferenzgeschäft erzielt die Bank rund zwei Drittel ihrer Erträge.
Wer mit den steigenden Zinsen auf eine Reduktion der Gebühren gehofft hat, wird enttäuscht. Die Führung des Privatkontos kostet weiterhin 30 Franken pro Jahr. Eine einfache Debit-Mastercard gibt es für 50 Franken. Viele Banken haben während der langen Negativzins-Phase Bankgebühren eingeführt oder erhöht, um die gesunkenen Zinsmargen zu kompensieren. Die BEKB hat das nach eigenem Bekunden nicht gemacht. Aber sie hat als Antwort auf die Negativzinsen teure Kombi-Pakete mit Debit- und Kreditkarten ins Angebot aufgenommen.
Gewinn klettert auf Rekordniveau
Letztes Jahr steigerte die BEKB den Gewinn auf 154,9 Millionen Franken. Im ersten Halbjahr 2022 erzielte sie sogar einen Gewinnrekord. Jetzt kann man sich fragen: Sind 154,9 Millionen viel oder wenig für ein Unternehmen dieser Grösse? Ein erster Indikator ist die Zahl der Beschäftigten von insgesamt 1200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das bedeutet, dass jede Vollzeitstelle 185’000 Franken zum Gewinn beisteuert. Man muss lange nach einem Unternehmen suchen, das über eine ähnlich hohe Wertschöpfung verfügt.
Eine zweiter Indikator ist das Kosten-Ertrags-Verhältnis. Diese Kennzahl haben die Banken erfunden, um die Profitabilität genau zu messen. Je tiefer dieser Wert ist, desto besser ist das für die Bank. Bei der BEKB liegt dieses Verhältnis bei 51,5 Prozent. Im Vergleich zu den Gross- oder Privatbanken ist das ein sensationeller Wert. Im Vergleich zu anderen Kantonalbanken liegt die BEKB damit etwa im Mittelfeld.
Doch was sagt das Kosten-Ertrags-Verhältnis überhaupt aus? Wer nicht vom Bankfach ist, kann sich darunter nichts vorstellen. In den Unternehmen der Realwirtschaft spricht man von der Gewinnmarge – worunter sich mehr Menschen etwas vorstellen können. Das Kosten-Ertrags-Verhältnis ist eigentlich das Gleiche wie die Gewinnmarge. Nur wird sie umgekehrt berechnet: Wenn die BEKB ein Kosten-Ertrags-Verhältnis von 51,5 Prozent ausweist, bedeutet das, dass ihre Gewinnmarge 48,5 Prozent beträgt. Für Spezialisten: Mann nimmt bei der Berechnung nicht den Reingewinn, sondern den sogenannten EBIT, also den Gewinn vor Steuern.
Eine Gewinnmarge von 48,5 Prozent ist enorm. Von jedem eingenommenen Franken bleiben 48,5 Rappen (vor Steuern) in der Kasse zurück. Mit einer Gewinnmarge von 48,5 Prozent sieht die BEKB im Vergleich zu Unternehmen aus anderen Branchen glänzend aus. Die Swisscom zum Beispiel kommt auf einen Umsatz von 11 Milliarden Franken, der EBIT liegt bei 2 Milliarden. Das ergibt eine EBIT-Marge von 18 Prozent. Bei der Post liegt die EBIT-Marge bei 7,7 Prozent, bei der SBB unter fünf Prozent. Auch bei der Ascom liegt die Marge unter 5 Prozent. Selbst die grossen Pharmakonzerne kommen nicht annähernd auf eine so hohe Marge wie die BEKB. Roche beispielsweise schafft 28 Prozent.
Es ist also fair zu sagen, dass die BEKB ein sehr, sehr profitables Unternehmen ist.
Doch warum sind die Margen im Banking so hoch, beziehungsweise bei Unternehmen wie Swisscom, Post, SBB, Ascom und auch der hoch profitablen Roche so viel tiefer? Zum einen, weil sie im harten nationalen und internationalen Wettbewerb (Swisscom, Ascom) stehen. Oder weil sie als Monopolbetriebe bei der Festsetzung der Preise nicht frei sind. Der Preisüberwacher redet sowohl bei der Post als auch bei den SBB bei der Festlegung der Tarife mit.
Die Banken lässt man mit ihren Gewinnen in Ruhe
Doch wer schaut, dass bei den Banken, zumal den Kantonalbanken, die Tarife nicht aus dem Ruder laufen? Man erahnt es: niemand. Erstaunlich ist, dass bisher kaum Kritik an den rekordhohen Margen der BEKB und der anderen Kantonalbanken laut wurde. Würden Pharmaunternehmen, Krankenkassen, die Post oder die Swisscom derart hohe Renditen erwirtschaften, wäre die Aufregung bei Konsumentenschützer*innen gross. Politiker*innen von links bis rechts würden in Bern Interpellationen einreichen und die «exorbitanten Gewinne» auf dem Buckel der Konsument*innen und der KMU geisseln.
Die Banken lässt man mit ihren Gewinnen in Ruhe. National orientierte Banken leben in der besten aller Welten. Es gibt kaum Konkurrenz aus dem Ausland. Und Banken, die der BEKB in den Stammlanden Konkurrenz machen, finden sich kaum. Kantonalbanken profitieren von einer De-facto-Monopolstellung in ihren Regionen, selbst wenn sie wie die BEKB über keine Staatsgarantie mehr verfügen. Für viele KMU gehört es zu einer Art Bürgerpflicht, ein Konto bei einer Kantonalbank zu haben. Die Kantonalbanken sind die mit Abstand wichtigsten Kreditgeber für KMU.
Es gibt noch einen weiteren Vergleich, der verdeutlicht, wie unglaublich profitabel die BEKB wirtschaftet: Jede Kundin, jeder Kunde steuert im Schnitt 309 Franken pro Jahr zum Jahresgewinn bei. Davon geht direkt mehr als die Hälfte als Dividende an den Kanton, der 51,5 Prozent des Aktienkapitals besitzt. Sind Bankdienstleistungen also eine Art indirekte Steuer für Bernerinnen und Berner?
Diese Frage stellte die «Hauptstadt» Marcel Oertle. Er ist Leiter des Departements Privat-/Geschäftskunden und sitzt in der Geschäftsleitung. Oertle sagt: «Nein, eine Steuer ist das nicht. Wenn Sie bei einer Grossbank ein Konto haben, dann zahlen Sie vielleicht 500 Franken in die Kasse der Bank ein.» Dort lande das Geld bei Aktionären, die sich auf der ganzen Welt befinden. «Bei uns stammen die Aktionäre grossmehrheitlich aus dem Wirtschaftsraum Bern.»
Die Aktionäre der BEKB haben es tatsächlich gut. In den vergangenen Jahren sind die Ausschüttungen kontinuierlich gestiegen. Im Jahr 2012 zahlte die BEKB gut 5 Franken Dividende pro Aktie, dieses Jahr waren es schon über neun Franken – ein Plus von 80 Prozent. Ist es fair zu sagen, dass die Aktionäre mehr profitiert haben als die Kundinnen und Kunden? Oertle entgegnet, dass Kunden «sehr wohl profitiert haben, nicht nur die Aktionäre.» Bei der BEKB stehe nicht die «Gewinnmaximierung» im Vordergrund, sagt er. «Wir tun viel, um auch den Kunden etwas zurückgeben zu können.»
«Wir wollen nicht die günstigsten sein.»
Doch mit handfesten Zahlen lässt sich das nicht belegen. Die Bank könnte, wenn sie wollte, ihren Kundinnen und Kunden viel günstigere Konditionen anbieten. Warum macht sie das nicht? Ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis sei zentral, sagt Oertli. «Wir wollen aber nicht die günstigsten sein. Das wäre wirtschaftspolitisch ein schwieriger Auftrag.» Die BEKB macht also lieber auf Kosten von Kund*innen satte Gewinne, als sich der Kritik auszusetzen, die Bank im Staatsbesitz verfälsche den Markt.
Dass die BEKB in erster Linie die Interessen der Aktionäre bedient, war nicht immer so. «Damit sich die initiativen Leute in Handel und Gewerbe betätigen konnten, brauchte es eine Bank, welche die für die Finanzierung der Betriebe erforderlichen Mittel zur Verfügung stellte», heisst es in der Firmenchronik. Die Kantonalbank von Bern sei 1834 genau zu diesem Zweck gegründet worden. Gemäss den zuletzt im Jahr 1997 aktualisierten Statuten wird der Zweck so umschrieben: «Die Aktiengesellschaft Berner Kantonalbank bezweckt als Universalbank die Besorgung aller banküblichen Geschäfte. Sie unterstützt den Kanton und die Gemeinden in der Erfüllung ihrer Aufgaben und fördert die volkswirtschaftliche und soziale Entwicklung im Kanton.»
Steigende Dividendenerträge für den Kanton zu erwirtschaften, wurde nicht als Zweck definiert. Dass dies aber längst Wesen und Zweck der Bank ist, kann man in einer aktuellen Präsentation für Investoren nachlesen. Zu den strategischen Zielen der Bank gehöre, den Gewinn zu steigern und eine «kontinuierliche Steigerung der Dividende» zu erzielen, heisst es da.
--
Beat Schmid ist Finanzjournalist und Gründer des Wirtschafts-Onlinemediums «Tippinpoint». Er war während 17 Jahren bei Tamedia, Ringier und CH Media angestellt, wo er sich hauptsächlich mit dem Schweizer Finanzplatz beschäftigte.