«Welches Essen liegt heute im Budget?»

André Hebeisen ernährt sich von zehn Franken pro Tag. Er hilft Berner Forscher*innen zu verstehen, wie sich armutsbetroffene Menschen trotz Geldknappheit möglichst gesund und nachhaltig ernähren können.

André Hebeisen im Interview mit dem Online-Medium Hauptsadt, in Bern am 02.08.23
Auf den Tisch von André Hebeisen kommt, was «ume» ist. (Bild: Daniel Bürgin)

Sein schwarzes T-Shirt weist André Hebeisen als Helfer des diesjährigen Gurtenfestivals aus. Fünf Tage lang stand er im Bühnengraben und sorgte für die Sicherheit des Publikums. Fünf Tage, an denen er sich an einem reichhaltigen Essensbuffet bedienen durfte, ohne Geld auszugeben. Ende August wird er beim Seaside Festival in Spiez mitarbeiten – und sich erneut eine Pause gönnen können von der Frage, die ihn sonst stets begleitet: «Welches Essen liegt heute im Budget?»

Zwischen zehn und fünfzehn Franken gibt der 54-jährige Berner pro Tag fürs Essen aus. «Beim Essen spare ich am wenigsten. Es ist, was mich am Leben erhält.» Auf den Tisch komme, was «ume» sei. Das heisst: Heruntergeschrieben oder in Aktion. Selten liege auch mal eine Pizza oder ein Kebab von einem günstigen Stand drin.

André Hebeisen verkauft das Strassenmagazin Surprise und leitet Surprise-Stadtrundgänge. Manchmal erhält er von Kund*innen Sandwiches geschenkt. Samstags kocht die Mutter, und wenn er Glück hat, kriegt er Reste aus der Küche in seinem Zuhause, einem betreuten Wohnangebot.

«Ernährungsarmut ist zu wenig erforscht»

André Hebeisen ist Teil eines Forschungsprojekts, das Evelyn Markoni und Lukas Aeschlimann von der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften BFH-HAFL leiten. Es geht darum, wie ein nachhaltiges und sozial gerechtes Ernährungssystem in der Stadt Bern aussehen könnte. «Beim Begriff der Nachhaltigkeit denken die meisten Leute an Ökologie», sagt Soziologin Markoni. «Doch die Nachhaltigkeit hat auch eine soziale Dimension. Die Ernährungsarmut und die damit verbundene Einschränkung der sozialen Teilhabe ist in der Schweiz wenig erforscht.» Ein Ernährungssystem sei nur dann nachhaltig, wenn alle Menschen – auch armutsbetroffene – Zugang zu gesunden, ökologisch produzierten Nahrungsmitteln haben.

André Hebeisen im Interview mit dem Online-Medium Hauptsadt, in Bern am 02.08.23
André Hebeisen kennt beide Welten: Ein voller, sowie ein leerer Kühlschrank. (Bild: Daniel Bürgin)

Beim BFH-Projekt soll die Armut nicht vergessen gehen. «Wir führen Interviews und Workshops mit armutsbetroffenen Menschen durch. Wir wollen in ihre Lebensrealitäten eintauchen und herausfinden, welchen Stellenwert die Ernährung für sie hat. Gemeinsam mit ihnen erarbeiten wir Lösungsansätze, wie gesunde, nachhaltige und für sie bezahlbare Nahrungsmittel zugänglich werden können», erzählt Lukas Aeschlimann. Die armutsbetroffenen Menschen einzubeziehen sei wichtig, damit die Lösungsvorschläge nicht an der Praxis vorbei zielten. Ausserdem gebe es kaum wissenschaftliche Literatur zum Thema Ernährungsarmut. Was angesichts der Zahlen erstaune: In der Schweiz gelten 745’000 Menschen als arm und 1,2 Millionen als armutsgefährdet.

Er kauft nur ein, was er an einem Tag essen kann

Jahrelang war der Kühlschrank von André Hebeisen stets gefüllt. «Ich kaufte, worauf ich Lust hatte, ohne auf den Preis zu schauen.» Zum Zmittag gab es das Menü in einer Beiz, zum Znacht Café Complet mit Brot aus der Bäckerei. Damals arbeitete er als Disponent bei einer Baufirma, zuletzt als Abteilungsleiter. Der Stress nahm zu, Hebeisen griff zum Alkohol, 2010 dann das Burnout. Er verliert seinen Job und pendelt zwischen Kliniken und Arbeitsintegrationsprogrammen.

Heute lagert Hebeisen keine Lebensmittel im Kühlschrank, weil sie «Beine kriegen» würden – Mitbewohner*innen im betreuten Wohnen würden sie seiner Erfahrung nach wegessen. Darum kauft André Hebeisen nur ein, was er an einem Tag verspeisen mag. Er gibt aber zu, dass er auch nicht selbst kochen würde, wenn er Vorräte anlegen könnte.

André Hebeisen im Interview mit dem Online-Medium Hauptsadt, in Bern am 02.08.23
Weil er nicht selbst kocht, kauft André Hebeisen nur von Tag zu Tag ein. (Bild: Daniel Bürgin)

Angebote, wo armutsbetroffene Menschen Lebensmittel zu reduzierten Preisen kaufen können, wie zum Beispiel im Caritas-Markt oder bei Tischlein deck dich, nimmt André Hebeisen nicht in Anspruch. Eine wichtige Erkenntnis für Evelyn Markoni: «Es gibt verschiedene Gesichter von Ernährungsarmut. Eine Familie hat zum Beispiel andere Herausforderungen und Bedürfnisse als Einzelpersonen.»

Gärten und Gastronomie

Aus den bisherigen Gesprächen mit armutsbetroffenen Menschen, dem Sozialdienst der Stadt Bern und diversen NGO haben Markoni und Aeschlimann einige Ideen abgeleitet, wie die Stadt Bern armutsbetroffenen Menschen den Zugang zu gesunden und bezahlbaren Nahrungsmitteln erleichtern könnte. Die Erkenntnisse des Forschungsprojektes fliessen in die Erarbeitung der Strategie Nachhaltige Ernährung der Stadt Bern ein.

«Die Stadt könnte zum Beispiel Räume zur Verfügung stellen, wo Menschen gemeinsam kochen, zusammen essen und Genuss auch mit kleinem Budget möglich ist», so Markoni. Lukas Aeschlimann sieht Potenzial in Gärten: «Das eigene Gemüse zu ziehen ist schön und preiswert. Es bräuchte aber mehr Flexibilität in der Nutzungsmöglichkeit von bestehenden Grünräumen wie Abstandsgrün und die Informationen zu städtischen Angeboten sollten vielsprachig und leicht verständlich zugänglich sein.» Auch in der Gastronomie sieht das Projektteam Potenzial, um den Zugang zu einer gesunden Mahlzeit und zur sozialen Teilhabe zu ermöglichen.

André Hebeisen im Interview mit dem Online-Medium Hauptsadt, in Bern am 02.08.23
Seit die Teuerung zugenommen hat, vergleicht André Hebeisen noch stärker die Preise. (Bild: Daniel Bürgin)

Den Forscher*innen ist wichtig, dass die Massnahmen nicht zu Stigmatisierung führen. Rabattkarten für den Wochenmarkt für armutsbetroffene Menschen wären daher problematisch. «Damit würden die Leute ausgestellt.», so Markoni. Es sei ein feiner Grat zwischen der Sichtbarkeit von Armut – die wichtig sei – und der möglicherweise stigmatisierenden Einteilung von Menschen in Gruppen.

Die Last der Teuerung

Mit der Teuerung sind in den letzten Monaten die Lebensmittelpreise gestiegen. Im Juni 2023 haben Nahrungsmittel und Getränke 5,1 Prozent mehr gekostet als im Juni 2022. Überdurchschnittlich die Preise erhöht haben Discounter, wie eine Recherche vom Westschweizer Konsumentenmagazin «Bon à Savoir» zeigt. Dennoch ist der Referenzwarenkorb dort immer noch günstiger als bei Migros und Coop.

Wegen des Preisanstiegs der letzten Monate investiert André Hebeisen immer mehr Zeit für seine täglichen Einkäufe. «Ich vergleiche die Preise stärker, gehe lieber noch in einen anderen Discounter schauen, ob ich dort etwas Günstigeres kriege.»

Als nächstes wollen Evelyn Markoni und Lukas Aeschlimann Interviews mit armutsbetroffenen Rentner*innen und Jugendlichen führen. Teilnehmer*innen zu finden, sei aber nicht einfach, sagt Markoni: «Viele Menschen schämen sich, über ihre Armutsbetroffenheit zu sprechen.» Um dieses Stigma abzubauen, brauche es mehr Durchmischung und Austausch auf Augenhöhe im Alltag, meint Aeschlimann: «Die Gassenküche beispielsweise ist zwar offen für alle und trotzdem zieht es eine bestimmte Kundschaft an.» Das Thema Ernährungsarmut müsse bekannter werden. Die Forscher*innen hoffen, dass ihr Projekt dazu beiträgt.

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Diskussion

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Hanspeter Zaugg
15. August 2023 um 17:41

Danke für den wichtigen Bericht Schön wäre es zu wissen obe Herr Hebeisen für die Mitarbeit bei der Studie bezahlt wird.? Falls nicht ist dass nicht vertretbar.

Claudia Hilber
15. August 2023 um 16:59

Es ist sehr gut wenn man dazu forscht und eine stärkere Durchmischung anstrebt. Meiner Meinung nach wird die Stigmatisierung aber nicht verschwinden solange es kein bedingungsloses Grundeinkommen gibt. Dieses müsste finanziert werden indem man die Superreichen endlich entsprechend besteuert.