Faire Gagen, weniger Konzerte?
Der Berufsverband für Musikschaffende hat 2025 erstmals Gagen-Richtlinien herausgegeben. Wie realistisch ist die Umsetzung für Berner Veranstaltungslokale und dient das den Musikschaffenden?
Das Treffen mit Musikerin Milena Krstić findet auf einem Spaziergang in der Berner Altstadt statt. Sie hat es kurzfristig vom Café ins Freie verschoben, weil sie in zwei Tagen einen Auftritt hat. «Ich kann es mir nicht leisten, den Gig abzusagen, sollte ich krank werden», erklärt die Musikerin, die unter dem Namen Milena Patagônia auftritt. Vor einem Jahr musste sie krankheitsbedingt mehrere Gigs absagen. Das sei finanziell einschneidend gewesen.
Zwar werde die Gage für den bevorstehenden Auftritt nicht «mega hoch» sein. «Aber ich bin darauf angewiesen», sagt Krstić. Die Gage entspreche den Honorarempfehlungen von Sonart, dem Berufsverband für Musikschaffende. Seit diese publiziert sind, bezieht sie sich bei Gagen-Verhandlungen darauf.
Empfohlene Mindestgagen sind mehr doppelt so hoch
Im Mai 2025 hat der Schweizer Berufsverband für Musikschaffende (Sonart) erstmals Honorarempfehlungen für selbständige professionelle Musikschaffende publiziert: Demnach sollte ein Konzert pro Kopf mit mindestens 600 Franken vergütet werden – eine faire Bezahlung wäre laut der Empfehlung 800 Franken pro Person auf der Bühne.
Eine fünfköpfige Band sollte demnach mindestens 3000 Franken für ein Konzert erhalten, fair wären 4000 Franken. In diesem Betrag sind die Sozialversicherungsbeiträge, andere Versicherungen und der Ferienanspruch eingerechnet. Er bezeichnet folglich den Brutto-Betrag, den Veranstaltende bezahlen sollten. Auf dem Konto der Musikschaffenden käme der kleinere Netto-Betrag an.
Unabhängig von der Sonart-Richtlinie verlangt die Kulturförderung der Stadt Bern seit der Einführung einer neuen Förderpraxis Anfang 2024, dass die Projektbudgets der Förderanträge mit «marktüblichen» Gagen und Sozialabgaben berechnet werden. Als marktüblich hat die Stadt Bern für einen Auftritt oder einen Tag Arbeit in der Sparte Musik eine Mindestgage von netto 500 Franken pro Person und Auftritt definiert.
Das entspricht etwa den empfohlenen Brutto-Mindestgagen von Sonart.
Die Auswirkung der Mindestgagen auf die städtische Förderpraxis: Sie ist selektiver geworden.
Seit 2024 werden weniger Projekte – dafür jeweils mit höheren Beträgen – subventioniert. «In der Musik wurde lange nach dem Giesskannenprinzip gefördert: Es sollten möglichst viele Projekte etwas bekommen, weshalb die gesprochenen Beiträge oft tiefer ausfielen als beantragt», schreibt Franziska Burkhardt, Kulturbeauftragte der Stadt Bern, auf Anfrage. Seit 2024 würden Projekte aber so unterstützt, wie es für eine professionelle Umsetzung nötig sei.
Insgesamt fördert die Stadt Bern das Kunst- und Kulturschaffen mit einem Jahresbudget von rund 33,7 Millionen Franken. Der grösste Teil davon entfällt auf mehrjährige Leistungsvereinbarungen mit Kulturinstitutionen. Für die Projekt- und Programmförderung stehen Kultur Stadt Bern seit 2025 jährlich 3,72 Millionen Franken zur Verfügung.
Da die Honorarempfehlungen von Sonart deutlich über dem liegen, was früher als branchenüblich gegolten habe, geht Kultur Stadt Bern davon aus, dass Veranstaltende in den Verhandlungen der Leistungsverträge für die nächste Finanzierungsperiode 2028-2031 einen zusätzlichen Finanzbedarf geltend machen werden.
Ob das Kulturförderungs-Budget dementsprechend erhöht werden könne, hänge aber von kulturpolitischen wie von finanzpolitischen Rahmenbedingungen ab, schreibt die städtische Kulturbeauftragte Franziska Burkhardt auf Anfrage. Es brauche auch in Zukunft das Engagement weiterer Förderpartner*innen und nachhaltige Veranstaltungskonzepte.
Petzi, der Schweizer Dachverband der nicht gewinnorientierten Musikclubs und -festivals, und die Musikvielfalt-Initiative, eine Bewegung mit Mitgliedern aus der Musikbranche, kritisieren die Einführung von Honorarrichtlinien. Diese könnten zu existenziellen Problemen der Veranstaltenden führen, die einen erheblichen Einfluss auf Musikschaffende haben.
Welche konkreten Auswirkungen haben die Empfehlungen von Sonart und die neue Förderpraxis der Stadt auf die Berner Musik- und Veranstaltungsbranche? Die «Hauptstadt» hat mit Berner Veranstaltenden und Musikschaffenden gesprochen.
Verdoppelte Gage, verdoppelte Förderung?
«Die Veröffentlichung der Honorarrichtlinien von Sonart war ein Meilenstein in einer längst überfälligen Entwicklung zur Erhöhung der Musiker*innen-Gagen», sagt Fabio Baechtold, Programmleiter des Jazz-Veranstalters Bejazz. Dank der Empfehlung gebe es einerseits konkrete Richtlinien, andererseits würden diese zu Schwierigkeiten führen.
Das Konzertlokal im Könizer Liebefeld hat einen Leistungsvertrag mit der Gemeinde Köniz, dem Kanton Bern und der Regionalkonferenz Bern-Mittelland. Dieser läuft bis Ende 2027 und die Gagen sind bis dahin mit 330 Franken pro Kopf vertraglich festgelegt.
Ab 2028 wollen die Behörden Bejazz über den neuen Leistungsvertrag verpflichten, die von Sonart empfohlenen Mindestgagen auszuzahlen. Also fast doppelt so viel Gage pro Musiker*in wie jetzt.
«Die Verhandlungen laufen noch, aber es zeichnet sich ab, dass wir kaum doppelt so viel Fördergeld erhalten werden», sagt Baechtold.
Das stellt den Veranstalter vor Schwierigkeiten: Sollen sie die vorgegebenen Gagen zahlen, ohne dass mehr Fördergeld vorhanden sei, müssen sie die Anzahl der Konzerte reduzieren. «Das hätte weitreichende Folgen», sagt Baechtold. «Ab einer gewissen Grenze müssten wir uns fragen, ob die Miete des Büros und des Konzertsaals noch Sinn macht und ob wir weiterhin alle Angestellten beschäftigen könnten.» Jedes einzelne Konzert, das Bejazz nicht veranstalten könne, tue ihnen weh.
Je mehr Bandmitglieder desto unbezahlbarer
«Für den Club und Konzertveranstalter ISC ist die Einhaltung der empfohlenen Mindestgagen nicht realisierbar», sagt ISC-Präsidentin Jacqueline Brügger.
Der ISC hat keinen Leistungsvertrag mit der Stadt Bern. Vor der neuen Förderpraxis konnte der Club relativ niederschwellig Fördergeld für einzelne Berner Acts als Nachwuchsförderung beantragen. «Das waren 500 Franken pro Act», sagt Brügger – ein Betrag, der für einen kleinen Club wie den ISC nicht unbedeutend sei.
Mit der neuen Förderpraxis lohne sich ein solcher Antrag nicht mehr. «Dafür haben wir zu viel Aufwand», sagt Brügger, die für die SP im Stadtrat sitzt. Welche Auswirkungen das haben könnte, ist klar: «Theoretisch müssten wir uns keine Mühe mehr geben, kleinere Newcomer-Bands als Support-Acts zu buchen.» Der ISC sieht sich als Sprungbrett und möchte kleineren Acts die Chance geben, aufzutreten. Müssten sie aber einer Supportband 3000 Franken Gagen zahlen, sei dies nicht realistisch.
Brügger rechnet vor, was es für den ISC bedeuten würde, sich an die Mindestgagen zu halten: Ein Konzertabend, an dem standardmässig ein Hauptact und ein Support-Act auftreten, würde den Club insgesamt 12’000 Franken kosten. 4000 Franken, respektive 3000 Franken für die angenommenen fünfköpfigen Bands, 5000 Franken für Strom, Miete und Lohnkosten.
«So viel Geld können wir mit den aktuellen Ticketpreisen und Bareinnahmen nicht reinholen», sagt Brügger. Dazu müsste der ISC die Ticketpreise mehr als verdoppeln: Bei 150 Eintritten müsste ein Ticket 65 Franken kosten. «Wer zahlt so viel für ein Konzert im ISC? Das schliesst viele Menschen aus, die sich das nicht leisten können», findet Brügger.
Je grösser die Band, desto grösser das Problem
Noch schwieriger würde die Finanzierung von Bigbands, wie sie bei Bejazz regelmässig auftreten. Bigbands sind Jazzgruppen mit 18 oder mehr Musiker*innen. «Heute vereinbart man mit Bigbands einen Pauschalbetrag», sagt Fabio Baechtold.
Nach den Sonart-Richtlinien wäre das nicht mehr möglich. Diese kennen keine Obergrenze – unabhängig von der Bandgrösse. Eine 18-köpfige Bigband hätte folglich Anspruch auf mindestens 10’800 Franken. «Das ist angesichts der Einnahmen unrealistisch», sagt Baechtold.
Das Problem: Mit dem Leistungsvertrag ab 2028 dürfte sich Bejazz verpflichtend an die Honorarrichtlinien halten müssen. «Selbst wenn die Band bereit wäre, für weniger Gage pro Kopf zu spielen, werden wir das im Rahmen unseres Leistungsvertrags wahrscheinlich nicht mehr annehmen dürfen.»
Musikschaffende begrüssen Mindestgagen
Deutlich positiver beurteilen Berner Musikschaffende die neuen Richtlinien. Die Jazz-Violinistin Laura Schuler, die unter dem Namen Kate Birch auch experimentelle Popmusik produziert, findet die Honorarempfehlungen von Sonart und die neue Förderpraxis der Stadt Bern positiv. Sie sei zwar vorsichtiger geworden mit Fördereingaben – auch weil diese mehr Aufwand bedeuten – aber sie verlange grössere Beträge, um die eigene Arbeit zu bezahlen.
«Ich habe ein grösseres Selbstverständnis für meine Arbeit als Musikschaffende bekommen», sagt Schuler. Das habe ihr auch bei Gagenverhandlungen mit Veranstalter*innen geholfen.
Für Milena Krstić ist eines ebenfalls klar: Die Empfehlungen von Sonart seien essenziell für die Branche. Krstić selbst hat an der Ausarbeitung der Richtlinien mitgearbeitet. «Es ist wichtig, dass wir uns bewusst sind, welche Beträge nötig wären, um überhaupt von der Musik leben zu können», sagt sie beim Spaziergang durch die Altstadt.
Krstić war acht Jahre Mitglied der Kulturkommission der Stadt Bern, die über die Fördergesuche von Kulturschaffenden entscheidet. Ihren Fixlohn verdient sie mit einem «Brotjob». «Dadurch bin ich unabhängiger von Aufträgen und kann bei schlechter Bezahlung auch Nein sagen», sagt Krstić. Das empfiehlt sie auch Musikschaffenden in den Coachings, die sie anbietet. Sie berät diese bei der Finanzierung ihrer Projekte.
Ein Tropfen auf den heissen Stein
«Die höhere Künstler*innen-Gage ist nur ein Teil der Lösung», sagt Hannes Liechti, Präsident des Konzertveranstalters Bee-flat. Der Musikwissenschaftler vermittelt als Leiter der Musikagentur Kult an der Hochschule der Künste Bern (HKB) Studierende für Anlässe und Veranstaltungen. Dabei stellt er Verträge aus und verhandelt die Gagen mit den Kund*innen. Seit 2024 ist er Teil der Kulturkommission der Stadt Bern.
Die Veranstaltungsbranche kämpfe generell mit Kostensteigerungen, Teuerung und verminderten Bareinnahmen. Ausserdem seien die Arbeitsbedingungen in der Branche «nicht konkurrenzfähig», so Liechti. Auch Licht- und Tontechniker*innen müssten besser entlohnt werden. «Es braucht nachhaltige Strukturen statt Selbstausbeutung», sagt Liechti. «Wir müssten auch dem ganzen Personal mehr Lohn zahlen können.»
Seine Lösungsansatz: Gesellschaft und Politik müssten verstehen, dass Kultur Geld kostet – und warum.
Dazu nennt Liechti Zahlen aus seinem Betrieb. Konkret bräuchte Bee-flat rund 200’000 Franken pro Jahr mehr, um das aktuelle Programm auf dem nach wie vor hohen qualitativen Level und mit fairer Bezahlung in allen Bereichen realisieren zu können. Der Spielraum des Stadtberner Kulturbudgets sei aber aktuell nur gering.
Das zeigt: Die Honorarrichtlinien sind ein wichtiger Schritt für eine angemessene Bezahlung in der Branche. Die Diskussion über realistische Kosten und Förderung in der Kultur hat aber erst begonnen.
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