Oben ohne unerwünscht
Das Berner Hammam setzt strikte Vorschriften zur Bedeckung der weiblichen Brust durch. Andere Berner Spa- und Badebetriebe zeigen sich offener.
Sie suchten Entspannung und fanden Frust: Ein Besuch im Berner Hammam endete für ein Berner Paar in Enttäuschung und Unverständnis.
Elia und Lou sind 30 und 24 Jahre alt, kunstschaffend und Medizin studierend und nonbinär. Ihre richtigen Namen möchten sie lieber nicht öffentlich bekanntgeben. Ihr besagter Besuch im Hammam fand bereits im März statt. Jetzt haben sie sich entschieden, den Vorfall öffentlich zu machen.
Im Bistro des «Hammam & Spa Oktogon Bern» hielten sich die beiden mit nacktem Oberkörper auf. Das Pestemal – ein Tuch, das Besuchenden ausgehändigt wird – hatten sie sich um die Hüfte gebunden. Lou hat eine weiblich gelesene Brust, Elia nicht. Eine Mitarbeiterin wies Lou darauf hin, die Brust mit dem Tuch zu bedecken. So sehe es die Hausordnung vor.
Die beiden fragten nach den Gründen für die Regel. Die Mitarbeiterin habe sie an ihre Chefin verwiesen. Diese wies auf ein Schild im Eingangsbereich hin. Auf dem Schild steht: «Werte Damen, unser Betrieb entspricht einem traditionellen, marokkanischen Hammam und wir bitten Sie, diese Kultur zu respektieren und deshalb das Pestemal oberhalb der Brust zu tragen. Im Weiteren haben wir immer wieder Gäste aus diesem Kulturkreis, die sich durch Nacktheit unwohl fühlen.»
Wenn Lou und Elia mit der Hausordnung nicht einverstanden seien, sagte die Chefin, sollten sie eine Mail schreiben.
Das Paar wandte sich in einer ausführlichen Nachricht an die Hammam-Geschäftsleitung. Der E-Mail-Verkehr liegt der «Hauptstadt» vor. Die weiblich gelesene Brust sei weder unsittlich noch Teil des Intimbereichs, schrieben die beiden. Die Regel sei sexistisch und diskriminierend, weil sie die Geschlechter ungleich behandle.
Für nonbinäre Personen, die sich weder als Frau noch als Mann definierten, sei die Regel zudem verletzend, weil sie dadurch ungewollt einem Geschlecht zugeordnet würden.
Der Geschäftsführer des Hammam antwortete in einer kurz angebundenen E-Mail: «Grundsätzlich führen wir keine Gender-Diskussionen.» Für Gäste, die mit den Hausregeln nicht einverstanden seien, sei das Hammam «eventuell nicht der richtige Ort».
Marokkanische Kultur oder Intoleranz?
«Vor allem die mangelnde Empathie hat uns verletzt», sagt Elia gegenüber der «Hauptstadt». «Und die vollkommene Abwehrhaltung, bei dem Thema vielleicht mal über die Bücher zu gehen.»
Die beiden störe primär die grundsätzliche Ungleichbehandlung von Menschen mit weiblich gelesener Brust und die Stigmatisierung der Brust. «Dass wir nonbinär sind, ist nicht der Hauptgrund. Es macht den Vorfall nur zusätzlich schmerzhafter», sagt Elia. «Wir wissen, dass Menschen uns die Nonbinarität vielleicht nicht einfach ansehen können. Wir verlangen das auch nicht.» Würden alle Geschlechter gleich behandelt, wäre aber auch dieses Problem gelöst.
Für eine nonbinäre Person könne es sehr unangenehm sein, so direkt auf ihre – weiblich gelesenen – Geschlechtsmerkmale hingewiesen zu werden. «Persönlich auf den Körper angesprochen und als Frau eingeordnet zu werden, ist viel direkter als etwa geschlechtsspezifische Toilettenschilder», sagt Elia. Solche Erlebnisse, so Elia, können Geschlechtsdysphorie verstärken – die emotionale Belastung, die Personen empfinden, wenn sie eine Diskrepanz zwischen ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht und ihrer selbst wahrgenommenen Geschlechtsidentität erleben.
Elia kann die Argumentation des Hammam, es handle sich um einen traditionellen marokkanischen Betrieb, nicht nachvollziehen. In einem traditionellen marokkanischen Hammam seien die Geschlechter komplett getrennt. Man sei dort jedoch überall nackt. «Im Berner Hammam gibt es aber ohnehin gemischte Bereiche, wo alle Besuchenden ganz nackt sind», sagt Elia. Die strikte Regel im Bistro sei deshalb willkürlich und sexistisch. «Ich finde es wichtig, kulturelle Bedürfnisse zu respektieren. Aber in diesem Fall glaube ich, der Betrieb möchte sich mit dem Argument aus der Verantwortung ziehen.»
Wie stellt sich das Hammam zu dieser Diskussion? Die «Hauptstadt» hat sich mit einem längeren Fragenkatalog an den Betrieb gewandt. Das Hammam wird von der Aqua-Spa-Resorts AG betrieben. Die Firma führt fünf weitere Spa-Betriebe in der Schweiz und bezeichnet sich als «schweizweit führender Anbieter im Wellness-Bereich».
«In unserem Hammam gelten spezifische Bekleidungsregeln, um den traditionellen marokkanischen Ursprung unserer Einrichtung zu ehren», schreibt die Firma. In den nassen Bereichen, etwa Dampfbädern, sei Nacktheit erlaubt, in den trockenen Bereichen nicht. Dort sind die «werten Damen» gemäss Schild gebeten, ihre Brust mit dem Tuch zu bedecken.
Es wird aus der Antwort des Betriebs nicht klar, ob spezifisch Besucher*innen aus dem marokkanischen Kulturkreis sich zu den Regeln geäussert haben. Er schreibt lediglich: «Wir haben positives Feedback von Gästen erhalten, die diese kulturellen Aspekte schätzen.»
Und wie geht der Betrieb mit Besuchenden um, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen?
«Wir sind bestrebt, eine inklusive und respektvolle Umgebung für alle Gäste zu schaffen», so der Kommunikations-Verantwortliche. «Daher versuchen wir, individuelle Bedürfnisse und Anliegen bestmöglich zu berücksichtigen. In diesem konkreten Fall wurde die Person gebeten, sich an die allgemeinen Bekleidungsregeln zu halten, die für alle Gäste gleichermassen gelten.»
Zu dem Vorfall schreibt der Betrieb, er nehme jede Rückmeldung der Gäste ernst und sei bemüht, eine respektvolle und lösungsorientierte Kommunikation zu führen. «Es tut uns leid, wenn die betroffenen Personen sich in diesem Fall nicht angemessen behandelt fühlten.» Ziel sei es, für alle Gäste ein angenehmes und inklusives Umfeld zu schaffen – «unter der Berücksichtigung der anderen Gäste und der Hausregeln.»
In der Vergangenheit habe das Hammam vereinzelt weitere Rückmeldungen von Gästen erhalten, die sich durch die Hausordnung ungerecht behandelt fühlten.
Will das Hammam seine Regeln überdenken? «Wir sind uns der sich verändernden gesellschaftlichen Diskussionen bewusst. Wir prüfen unsere Hausregeln regelmässig und sind offen für Anpassungen, die der Diversität unserer Gesellschaft Rechnung tragen. Dabei berücksichtigen wir sowohl kulturelle Traditionen als auch die Bedürfnisse unserer Gäste», schreibt der Betrieb. Was das bedeutet, konkretisiert er nicht.
Städtische Bäder und Bernaqua: «oben ohne» ist okay
Wer sich wo wie nackt aufhalten darf, muss nicht nur das Hammam definieren. Die Frage führt immer wieder zu Diskussionen – und muss vielleicht auch immer wieder neu verhandelt werden.
Bereits 1978 entschied das Berner Obergericht, das «Entblössen der weiblichen Brüste» in Freibädern fortan nicht mehr zwingend als «schwere Missachtung des Sittlichkeitsgefühls» zu verfolgen. Frauen, die sich in Berner Badis «oben ohne» aufhielten, sollten nicht mehr gebüsst werden.
In der Deutschen Stadt Göttingen erhielt eine nonbinäre Person 2021 in einem Hallenbad Hausverbot, weil sie mit nacktem Oberkörper gebadet hatte. Das löste eine kontroverse Debatte aus. Im Jahr darauf beschloss die Stadt, das «oben ohne»-Baden für alle Geschlechter in ihren Schwimmbädern zu erlauben – jedoch nur an Wochenenden.
Und in Zürich musste letzten Sommer die Stadtregierung nach einer Anfrage aus dem Stadtparlament offiziell klarstellen, ob in Zürcher Hallen- und Freibädern das «oben ohne»-Schwimmen erlaubt sei. Die Antwort: Ja.
Auch in Bern kennen die städtischen Frei- und Hallenbäder keine geschlechtsspezifischen Kleidungsvorschriften. Dazu gehören etwa die Schwimmhallen Neufeld und Weyermannshaus sowie die Freibäder Marzili oder Lorraine. Das «oben ohne»-Schwimmen ist dort für alle Geschlechter erlaubt – verboten ist nur das Schwimmen in Unterwäsche, wie das Sportamt der Stadt auf Anfrage mitteilt. Ganz nackt sein darf man jedoch nur mit ausdrücklicher Erlaubnis, etwa in definierten Zonen oder zu bestimmten Zeiten.
Auch im Wellness- und Badebetrieb Bernaqua im Berner Westside sind nackte Brüste nicht explizit verboten. In den Bädern ist Badekleidung vorgeschrieben, ganz nackt sein darf man nicht. Die Sauna ist aber ein Nacktbereich. Dort sei «der Intimbereich mit einem Handtuch abzudecken», teilt der Betrieb auf Anfrage mit – zum Intimbereich zähle aber nicht die weibliche Brust. Bernaqua habe bisher nie Rückmeldungen aus der Kundschaft bezüglich Bekleidungsvorschriften erhalten.
Elia und Lou sind enttäuscht über die fehlende Diskussionsbereitschaft, die sie im Hammam erlebt haben. «Vielleicht gäbe es auch kreative Lösungen. Zum Beispiel Tage einführen, an denen alle Besucher*innen das Tuch über der Brust tragen müssen?», sagt Elia. Damit wäre der Entstigmatisierung der Brust zwar nicht gedient. «Aber ich wünsche mir grundsätzlich mehr Aufgeschlossenheit im Umgang mit dem Thema.»