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Männer fehlen definitiv nicht

Der Berner Rapper Jule X hat ein Konzert im Dachstock veranstaltet, zu dem Männer keinen Zutritt hatten. Warum ist das nötig? Und was macht das mit der Atmosphäre im Publikum?

TINFA Konzert von Jule X im Dachstock fotografiert am Samstag, 21. Februar 2026 in Bern. (liveit.ch / Jana Leu)
Vier Männer auf der Bühne – Hunderte Tinfa*-Personen im Publikum und eine Überraschung: Rapper Jule X spendet alle Einnahmen. (Bild: Jana Leu)

Es ist Samstagabend, 21.45 Uhr. Eine lange Schlange hat sich vor der Reitschule gebildet. Erst auf den zweiten Blick fällt auf: Ausschliesslich Frauen, meist um die 20 Jahre alt, stehen an – oder korrekter: Tinfa*-Personen. Tinfa* steht für trans, inter, non-binär, Frauen und agender Personen. 

Das Dachstock-Team verteilt laminierte Blätter, die informieren, dass die Veranstaltung ausschliesslich für Tinfa*-Personen ist, und erklären, warum: Im Ausgang begegnen Tinfa*-Personen oft patriarchaler Gewalt. «Exklusive Anlässe sind eine Möglichkeit, sich kollektiv vor dieser Gewalt zu schützen.»

Das Konzert des Berner Rappers Jule X ist ein solch exklusiver Anlass. Im Dachstock spielt er drei Konzerte in Folge, das erste davon ist eine Tinfa*-Show. Das Männerverbot gilt für das Publikum – auf der Bühne stehen wie üblich er, die Rapper Anru und Astro Burger sowie DJ Areem. Am kommenden Freitag und Samstag folgen zwei ausverkaufte Shows, an denen alle teilnehmen können.

Der 24-jährige Oberbottiger Jule X hat mit seiner Musik einen Senkrechtstart hingelegt. Vor drei, vier Jahren kannte man ihn, der eigentlich Luc Peyer heisst und zur Zeit seinen Zivildienst absolviert, noch nicht. Er erreichte Bekanntheit mit den Liedern «Dr DJ isch» und «Zistig».

Inoffizieller Soli-Event

Nicht nur im Publikum, auch beim Einlass, hinter der Bar, an der Garderobe und im Sicherheits-Team sind hauptsächlich Tinfa*-Personen. Alle Männer, die an diesem Abend arbeiten – jene auf und hinter der Bühne – verdienen jedoch nichts. 

Das wird erst am Konzert selbst bekannt. Nach dem zweiten Lied, das Jule X spielt, verkündet er, dass er die Einnahmen aus den Ticketverkäufen, die nicht als Lohn für die arbeitenden Tinfa*-Personen ausbezahlt werden, spendet. 

Booker und Co-Manager Ivan Schneebeli rechnet gegenüber der «Hauptstadt» mit rund 10’000 Franken, die dem Trans Safety Emergency Fund, vier Frauenhäusern in den Regionen Bern, Aargau/Solothurn, Biel, Berner Oberland und dem Zürcher Mädchenhaus zu Gute kommen sollen. 

TINFA Konzert von Jule X im Dachstock fotografiert am Samstag, 21. Februar 2026 in Bern. (liveit.ch / Jana Leu)
«Dr DJ isch e Hueresohn», damit wurde der Rapper 2021 bekannt. (Bild: Jana Leu)

Man habe bewusst darauf verzichtet, dies zu kommunizieren, bevor das Konzert ausverkauft sei, sagt Ivan Schneebeli. Dass es ein Soli-Anlass ist, bei dem die Musiker keine Gage erhalten, hätte sonst als Verkaufsargument wahrgenommen werden können, was nicht das Ziel sei. «Wir möchten, dass Tinfa* Personen ein Ticket kaufen, weil sie das Konzert besuchen und nicht, weil sie für einen guten Zweck spenden wollen», sagt Jule X am Nachmittag vor dem Konzert. Er sitzt mit seiner Rapcrew sowie Booker und Co-Manager Schneebeli am Tisch in einem Berner Café.

Dass an diesem Abend Männer für Nicht-Männer arbeiten, sei vom feministischen Streiktag inspiriert, sagt Booker Schneebeli. Die Crew will mit dieser Aktion ihren Tinfa*-Fans etwas zurückgeben. 

Wilde Konzerte

Jule X polarisiert. Und er provoziert immer wieder. Letztens mit einem Plakat im SVP-Stil, mit dem er für die Swiss Music Awards Werbung machte.

Er macht keinen Rap mit tiefsinnigen oder politischen Texten, sondern Musik zum Partymachen. Die Beats sind schnell, treibend und techno-lastig. Sie spornen das Publikum an sich zu bewegen. Er rappt zwar über Alkohol, Drogen und stiftet zum Klauen oder anderen Straftaten an: «Dir siit ke Fans we dir euch nid für mi strafbar machet». Das tut er auf eine humoristische und überspitzte Art. So richtig ernst kann man ihn damit nicht nehmen.

Damit will er wohl vermitteln: Ich bin einer von euch. Haben wir doch einfach eine gute Zeit.

Die Texte in seinen Songs findet er zweitrangig, das hat er schon mehrfach in Interviews gesagt. Deshalb erstaunt es, dass genau dieser Rapper ein Konzert zu einem Safer Space machen will. 

Wer ihn schon mal live erlebt hat, kann sich den Grund vorstellen: Die Konzerte von Jule X sind dafür bekannt, wild und rau zu werden. Im Sommer füllte er den Bundesplatz; auf einem Video ist zu sehen, wie die gesamte Menge im Takt hüpft. 

TINFA Konzert von Jule X im Dachstock fotografiert am Samstag, 21. Februar 2026 in Bern. (liveit.ch / Jana Leu)
Voll rein in den Moshpit? Ja, aber nur weil ausschliesslich Tinfa*-Personen da sind. (Bild: Jana Leu)

Das nennt man auch Moshpit: Die Tanzenden lassen sich zuerst auseinander treiben, bilden einen Kreis und springen dann auf Ansage des Rappers unkontrolliert aufeinander zu.

Das bringt das Publikum in Ekstase, aber nicht nur. Es kann einzelnen Personen zu viel werden und unangenehm sein.

Gratwanderung 

Ein Publikum, das abgeht wie bei Jule X, birgt auch Gefahren. An Konzerten sind während den Moshpits Gäst*innen umgefallen, der Rapper und seine Crew mussten auch schon Menschen auf die Bühne helfen, damit sie von der Menge nicht erdrückt werden. 

«Wenn gleich mehrere Personen umfallen, brechen wir ab», sagt Co-Manager und Booker Ivan Schneebeli. Er hat während der Konzerte ein Auge auf das Publikum und kann Jule X über dessen Ohrstöpsel warnen. Weil Jule X und seine Crew sich auch auf den Auftritt konzentrieren, bemerken sie nicht immer sofort, wie die Stimmung im Publikum ist. «Ivan realisiert meistens etwa 5 Sekunden vor uns, was abgeht», sagt der Rapper. Auch wenn es eng im Publikum wird oder sich Leute am Geländer halten müssen, informiert Schneebeli die Jungs auf der Bühne. 

Es ist eine Gratwanderung. «Wir wollen ja auch die Eskalation», sagt Jule X. Er selbst war früher bei Konzerten der Berner Rap-Gruppen S.O.S. und Fischermätteli Hood Gäng zuvorderst im Moshpit dabei. 

Mit dem schnellen Erfolg musste Jule X üben, die Crowd besser zu kontrollieren und die richtigen Worte zu wählen. Ist es schon zu eng an einem Konzert, sei es klar: Dann heize er das Publikum nicht noch mehr an, indem er Moshpits anfeuert. 

Stadt-Land-Graben

Bereits beim ersten Konzert haben Jule X und seine Crew bemerkt, dass rund ein Drittel des Publikums Tinfa*-Personen ausmachen. Für einen Hip-Hop-Act sei dies viel, sagt Ivan Schneebeli. 

Jule X hat deshalb damit begonnen, an den Konzerten während zwei, drei Liedern einen Tinfa*-Moshpit anzusagen. Das sei gut angekommen. Schon nach dem ersten solchen Konzert erhielt der Rapper auf Instagram wertschätzende Nachrichten. 

TINFA Konzert von Jule X im Dachstock fotografiert am Samstag, 21. Februar 2026 in Bern. (liveit.ch / Jana Leu)
«I ha mi verliebt i dis Leopardmuster», rappt Jule X. Passend dazu tragen viele an diesem Abend Leo-Print. (Bild: Jana Leu)

Das tut er nicht nur in Städten wie Bern, sondern auch bei Auftritten in ländlichen Gebieten. Dort sehen der Rapper und seine Crew klare Unterschiede. «Die männlichen Fans auf dem Land fühlen sich eher angegriffen, wenn sie während mehreren Liedern nicht beim Moshpit mitmachen können.» Machen sie es trotzdem, bricht der Rapper das Lied wieder ab, bis kein einziger Mann mehr mitmacht. «Wir mussten ein Lied auch schon sechs Mal abbrechen, bis kein Dude mehr im Moshpit war», erinnert sich der Rapper. 

Die Crew will damit ein Zeichen setzen. «Die Männer sollen sich bewusst werden, wie viel Raum sie einnehmen», sagt Co-Manager Ivan Schneebeli.

Milde Eskalation

Am Tinfa*-Konzert im Dachstock freuen sich Fans auf die Moshpits und wollen «voll rein». «Aber nur weil es ein Tinfa*-Moshpit ist», betont eine Besucherin. «Es sind alle so freundlich zueinander und bedanken sich bei jeder Pausenablösung – wenn Dudes arbeiten, passiert das weniger», sagt eine Person vom Sicherheitsteam zu ihrer Kollegin. 

Als Vorband tritt Yanka, eine kleinwüchsige Rapperin aus Lyon, auf und macht Stimmung. Nicht alle Gäst*innen sind Fans des Rappers. Ein paar, mit denen die «Hauptstadt» gesprochen hat, wollten einfach mal ein Konzert ohne Männer erleben. 

Vor Beginn des Konzerts sind Jule X und seine Crew am Merch-Stand, geben Autogramme, machen Bilder mit Fans und verkaufen ihre Fanartikel. Sie werden nach dem Konzert nicht mehr dort sein, wie es sonst üblich ist. «Wir verlassen nach dem Konzert den Raum, damit ihr an der Afterparty unter euch seid», kündigt der Rapper an. 

Die Atmosphäre im Publikum ist angenehm, und alle lassen einander Platz zum Tanzen. Männer werden definitiv nicht vermisst. Wer weiter hinten steht, hat die Chance, mehr zu sehen als sonst. Die Körpergrösse des Publikums ist merklich kleiner.  

TINFA Konzert von Jule X im Dachstock fotografiert am Samstag, 21. Februar 2026 in Bern. (liveit.ch / Jana Leu)
Der Gastauftritt von Leila Šurković ist eines der Konzerthighlights. (Bild: Jana Leu)

Während des Konzerts von Jule X springen die Besucher*innen zur Musik umher und es entstehen Moshpits. Diese seien aber mild im Vergleich zu dem, was sie sonst schon erlebt habe, sagt eine Gästin. Auf der Bühne stehen neben den vier Männern auch Frauen. Es ist das Team, das nach dem Konzert die Merchandise-Artikel verkauft. Sie trinken Schaumwein und tanzen zur Musik. 

Dann kommt doch noch eine weibliche Person auf die Bühne und bildet damit ein Highlight des Konzerts. Die Berner Sängerin Leila singt mit Jule X das Lied «Schmier», das sie gemeinsam mit der Band Splendid aufgenommen haben, und einen eigenen Song. Es sei unglaublich toll, nur vor Tinfa*-Personen zu spielen, sagt sie, bevor sie wieder verschwindet. 

«Auch das Publikum sollte überlegen, welche Musik es konsumiert»

Im Dachstock ist es nicht das erste Mal, dass bei einer Veranstaltung nur Tinfa*-Personen zugelassen sind, sagt Lou Loosli vom Dachstock-Team. Die Idee eines Konzerts als Safer Space sei für das Veranstaltungslokal in der Reitschule nicht neu. Es hat in der Vergangenheit schon andere solche Formate organisiert. 

«Wenn es darum geht, Menschen Raum zu geben, die oftmals weniger Raum bekommen, entscheiden wir uns, wenn immer möglich, dafür», sagt Loosli. Das Dachstock-Team setze sich immer wieder mit der Frage auseinander, wem es eine Bühne bietet und wem nicht. «Oft heisst es, es ist falsch, jemanden spielen zu lassen. Aber es ist auch falsch, wenn wir jemanden nicht spielen lassen.» Das Team suche dann gemeinsam mit allen Beteiligten einen Rahmen, der für alle stimmt, sagt Lou Loosli. 

Auch das Publikum selbst habe Verantwortung. Es sei aufgefordert zu überlegen, welche Musik es konsumiert, findet Loosli.

Man kann Jule X vieles vorwerfen. Aber als jemand, der eine so grosse Reichweite und ein so diverses Publikum hat, nimmt er seine Verantwortung wahr und versucht, in den Köpfen der Fans etwas anzustossen. 

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