Wie geht es den Berner Lebensmittelläden?
Seit der Pandemie kämpfen die kleinen Lebensmittelläden mit weniger Umsatz, auch die Gemüseabos haben weniger Kundschaft. Woran liegt das?
«Mit der Pandemie kam der grosse Einbruch, von dem wir uns seither nicht mehr erholt haben», sagt Franziska Güder vom Gmüesgarte. Sie bringt auf den Punkt, wie es auch vielen anderen kleinen Lebensmittelläden in Bern geht.
Der Matte-Laden Itume Idele, der Hallerladen in der Länggasse, der Wylereggladen im Wyler, die Metzgerei La Boulotte im Breitenrain, der Unverpackt-Laden Palette in der Münstergasse, der Q-Lade in der Lorraine, der Märitladen in Wabern – sie alle kämpfen mit einem Umsatzrückgang seit dem Ende der Pandemiemassnahmen. Die Bio-Ladenkette Reformhaus Müller musste Anfang 2023 ihre Standorte schliessen. Und auch die Gemüseabos direkt vom Bauernhof werden nicht mehr so überrannt wie vor wenigen Jahren, wie eine Umfrage der «Hauptstadt» ergeben hat.
Ist dafür einzig die Pandemie verantwortlich? Oder gibt es andere Gründe, zum Beispiel die auch hierzulande moderat steigende Inflation? Um das zu ergründen, hat die «Hauptstadt» eine Umfrage bei diversen Bio-Abos und kleinen Läden in der Stadt Bern gemacht und mit einem Konsumforscher des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI) gesprochen.
Die «Hauptstadt» hat eine Umfrage bei den Quartierläden und den Gemüse-Abos gemacht. Daran teilgenommen haben die Quartierläden Matte-Lade, Hallerladen, Wylereggladen, La Boulotte, Palette, Märitladen, Gmüesgarte sowie die Gemüse-Abos Radiesli, Soliterre, Ta Patate, Viva con Terra und Bioabi. Wir wollten von ihnen wissen, wie das Geschäft laufe und ob sich das Konsum- und Kaufverhalten seit Corona verändert habe.
Alle Quartierläden bemerken einen Umsatzrückgang. Wobei der Hallerladen und der Wylereggladen weniger stark betroffen sind. Durch die Schliessung der Ladenkette Reformhaus Müller Anfang Jahr habe der Hallerladen sogar neue Kund*innen, die den Rückgang etwas ausgleichen, schreibt Irene Hofmann, zuständig für die Finanzen beim Hallerladen. Anders sieht es bei den anderen aus. Sie merkten schon während der Pandemie-Massnahmen einen Umsatzrückgang. Dieser sei danach nicht mehr auf die «Vor-Corona-Zeit» gestiegen.
Dieselbe Umfrage bei den Bio-Gemüse-Abos Radiesli, Soliterre, Ta Patate, Viva con Terra und Bioabi hat ergeben, dass «nur» Soliterre mit einem starken Rückgang zu kämpfen hat. Bei den anderen hat sich nach einem grösseren Kund*innenansturm während der Pandemie die Nachfrage jetzt wieder auf dem vorherigen Niveau eingependelt.
Quartierladen und Selbstbedienung
Franziska Güder steht in ihrem Ladenlokal in einer Garage im Monbijouquartier. Es ist Freitagnachmittag, im Laden sind keine Kund*innen. Im Gmüesgarte sind Gemüse, Früchte, Eier und Käse zu finden. Sie alle waren zu klein, zu gross, zu krumm für die Grossverteiler. Aber es gibt auch Salat Bowls aus nicht perfekt aussehenden Produkten.
Sie hat den Gmüesgarte 2017 gemeinsam mit Geo Taglioni, Jan Henseleit und Simon Weidmann in einem Kellerlokal in der Innenstadt ins Leben gerufen. Vor gut einem Jahr entschieden sich die Vier, einen zweiten Laden an der Kapellenstrasse im Monbijouquartier zu eröffnen, um näher bei potenziellen Kund*innen zu sein. Denn sie nehmen an, dass viele Menschen seit der Pandemie vermehrt im Quartier einkaufen.
Die beiden Läden funktionieren als Selbstbedienungsläden: Gemüse wiegen, selber den Betrag ausrechnen und per Twint oder Bar bezahlen. So kann der Gmüesgarte Personalkosten sparen.
Es ist immer verbreiteter, einen Quartierladen mit Selbstbedienung zu führen. Das ist nicht zuletzt der Container-Laden-Kette Rüedu zu verdanken, die früh und konsequent darauf gesetzt hat. Rüedu ist im Gegensatz zu den anderen Quartierläden nicht idealistisch geführt, sondern eine Business-Idee: In einem Container rund um die Uhr Lebensmittel anbieten. Und damit möglichst nah bei den Leuten sein, im Quartier. Was 2020 mit einem Containerladen im Wyleregg startete, ist seither selbst nach Zürich expandiert. In der Region Bern gibt es momentan 20 Einkaufscontainer, in naher Zukunft sollen es 30 bis 40 sein. Das Erfolgsrezept beschreiben die Rüedu-Macher*innen so: «Mit dem Ansatz der möglichst direkten Vermarktung und dem Self-Checkout-Prinzip können wir die Kosten optimieren. Dies bildet die Basis für ein attraktives Angebot und eine verbesserte Wertschöpfung für unsere Produzenten.»
Das Startup Rüedu expandiert, während die anderen kleinen Läden ums Überleben kämpfen. So hat der Gmüesgarte im März ein Crowdfunding gemacht, um zur Unterstützung aufzurufen. Auch der Q-Laden im Lorraine-Quartier hat im Februar mit einem Instagram Post auf seine Krise aufmerksam gemacht und ein Interview bei Radio Rabe gegeben.
Markttest und Sichtbarkeit
Das Crowdfunding des Gmüesgarte mit dem Mindestziel von 20’000 Franken sei neben der Finanzierung eines neuen Kühlschranks und Lieferautos auch ein Markttest gewesen, erklärt Ladenbetreiberin Güder. Sie wollten herausfinden, ob ihr Angebot überhaupt noch gefragt sei. Den Test haben sie bestanden. «Ideell haben wir viel Support, wir sind nicht aus der Zeit gefallen», sagt Güder, doch die fürs weitere Fortbestehen nötigen Kund*innen bleiben bisher weiterhin aus.
Auch den Unverpackt-Laden Palette besuchen an diesem Freitagnachmittag nur wenige Kund*innen. Seit letztem Herbst hat das Team zwei Schichten gekürzt, um Kosten zu sparen, sagt Mitbetreiberin Nina Hunziker.
2017 öffnete die Palette als einer der ersten Unverpackt-Läden in Bern seine Türen. Der Laden hat sich Zero Waste – dem Verkauf von verpackungsfreien und Bio-Lebensmitteln – verschrieben. Wer hier einkauft, nimmt die Behälter, in denen die Lebensmittel zu Hause aufbewahrt werden sollen, selber mit oder kauft welche im Laden.
Die Palette ist Teil des Vereins Unverpackt Schweiz und hat mit anderen Vereinsmitgliedern ein Crowdfunding lanciert, um eine Werbekampagne im Schweizer Fernsehen zu ermöglichen. Das Ziel: mehr Sichtbarkeit. Auch dieses Crowdfunding (Finanzierungsziel 48’000 Franken) war erfolgreich.
Doch ein erfolgreiches Crowdfunding bedeutet für die Läden noch lange nicht, dass sie über den Berg sind. Klar ist sowohl für die Palette wie auch den Gmüesgarte: Um mittelfristig zu rentieren, brauchen sie regelmässige Kund*innen.
Alles ist anders als vor der Pandemie
An diesen regelmässigen Kund*innen scheint es zu scheitern. Zwar haben sowohl der Gmüesgarte wie auch die Palette einige Stammkund*innen, doch um wieder auf das Umsatzniveau vor der Pandemie zu kommen, brauchen sie Neukund*innen.
Warum diese ausbleiben, weiss Güder nicht. Es macht sie ratlos. Alles sei anders als vor der Pandemie. Der Gmüesgarte macht immer wieder Food-Waste-Aktionen. Bringt zum Beispiel drei Tonnen Knoblauch, die sonst im Bio-Müll gelandet wären, an Abnehmer*innen. Durch solche Aktionen konnte der Laden vor der Pandemie immer wieder Neukund*innen gewinnen. Jetzt kommen die Aktionen immer noch gut an, doch neue Kund*innen generieren sie nicht.
Auch die Palette versucht neue Kund*innen zu erreichen. Zum Beispiel mit Werbung auf den Rucksäcken der Velokurier*innen Bern, 5 Prozent Rabatt für Neukund*innen und – trotz Zero Waste Ansatz – gedruckten Flyern.
Dass Grossverteiler wie Coop und Migros immer mehr unverpackte Lebensmittel anbieten, sei zwar ein gutes Zeichen für die Nachhaltigkeit. Denn sie hätten es in der Hand, im Grossen Veränderungen herbeizuführen, sagt Hunziker. Doch Berichte, dass die Grossverteiler Ein-Kilo-Packungen umfüllen, würden auch ein schlechtes Licht auf andere Unverpackt-Läden werfen. Eine weitere Schwierigkeit sei die fehlende Spontanität. Kund*innen können nicht spontan einkaufen kommen, weil sie Behälter brauchen.
Zeit ist Geld
Ähnliche Gründe für den Umsatzrückgang nennen auch die anderen kleinen Lebensmittelläden. Darunter: Inflation und die sinkende Bereitschaft, viel Geld für Lebensmittel auszugeben. Konkurrenz durch Grossverteiler und Online-Handel. Fehlende Lebensmittel im Sortiment und die Tendenz, dass Kund*innen öfter auswärts Essen gingen, weshalb sie weniger zu Hause kochten.
Bei den Gemüseabos gibt es zwar keinen Umsatzrückgang, aber stagnierendes Interesse. Einzig beim ältesten Vertragslandwirtschaftsprojekt Soliterre seien im Moment rückläufige Abo-Zahlen zu vermelden, wie Vereinspräsident Philipp Zaugg sagt. Bei den beiden Projekten Radiesli und Bioabi ist die Nachfrage in der Corona-Zeit stark gestiegen. Bei beiden Abos sei es aber damals nicht möglich gewesen, alle Interessent*innen aufzunehmen. Rückblickend ein Glücksfall, oder wie Flavia Wasserfallen, Präsidentin von Bioabi, sagt: «Leider war dieser Corona-Ansturm nicht nachhaltig.» Dass die Konkurrenz grösser geworden sei, bestätigen alle angefragten Initiativen. Und die meisten wollen in Zukunft vermehrt Ressourcen in die Kommunikation stecken. So plant etwa Soliterre neue Flyer – und das solidarische Landwirtschaftsprojekt TaPatate will wieder «mehr präsent sein», zum Beispiel an öffentlichen Veranstaltungen.
Einschätzung des Marktforschers
Konsumforscher Gianluca Scheidegger vom Gottlieb-Duttweiler Institut (GDI) sieht ähnliche Gründe für die schwierige Lage der kleinen Läden und Gemüseabos. Grundsätzlich nehme die Nachfrage nach Bio- und nachhaltigen Produkten zu.
Kleine Läden hätten allerdings den Nachteil, dass sie den Ruf hätten, teurer zu sein. Ob das effektiv zutreffe, spiele dabei keine Rolle. Preisbewusste Kund*innen würden dadurch eher beim Grossverteiler einkaufen. «Weil Discounter wie Aldi und Lidl vermehrt Bio-Produkte anbieten, steigt der Preisdruck», sagt Scheidegger. Bio-Produkte würden so erschwinglicher für kleinere Budgets.
Ein weiteres Problem ist die Zeit. Die Kund*innen wollen möglichst wenig Zeit mit dem Einkaufen verbringen. Durchschnittlich nehmen sie sich nur elf Minuten Zeit für einen Lebensmitteleinkauf, sagt Scheidegger. Kein grosser Wocheneinkauf mehr, sondern eher drei- bis viermal pro Woche schnell etwas besorgen. Hilfreich dabei sei, wenn alles an einem Ort zu finden sei. Doch ein Vollangebot zu führen, sei für kleine Läden schwierig bis unmöglich.
Krumm, vegan, unverpackt: Migros und Coop bieten längst an, was früher nur in kleinen Quartierläden zu finden war. «Es ist ein Erfolgsergebnis der Vorreiter, die den nachhaltigen Konsum massentauglich gemacht haben.» Doch nun haben die Vorreiter das Nachsehen.
Ideologie vs. Zahlen
Weder der Gmüesgarte noch die Palette sind auf Profit ausgelegt. Gewisse Arbeit ist ehrenamtlich, der Lohn vergleichbar mit dem Gastgewerbe. Es sei kein «Brotjob», sagt Güder. Es gehe um die Ideologie.
Sollten sich die Kund*innenzahlen nicht wesentlich verbessern, «müssen wir die Standorte des Gmüesgarte über kurz oder lang schliessen», sagt Franziska Güder wehmütig. Der Laden sei das Herzstück, ein Ort zum Hingehen, wo Gespräche zwischen Kund*innen und Mitarbeitenden stattfinden können und man das Rohprodukt sehe. «Schaut man nur die Zahlen an, hätten wir eigentlich schon vor zwei Jahren reagieren müssen.» So sei das, wenn ideologisch geprägte Menschen Unternehmer*innen würden.