Lotti šilhá – «Hauptstadt»-Brief #95

Dienstag, 8. November – Die Themen: Matter auf Tschechisch, Protestaktionen, Berner Medien, Verkehr, Arbeitslosigkeit, Ernährungstipps, Gault Millau.

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(Bild: Marc Brunner, Buro Destruct)

Es gibt Phänomene, die man sich gar nicht vorstellen kann, bis man sie selber gehört oder gesehen hat. In diese Kategorie passt für mich der Liedermacher Jan Řepka. Der Tscheche singt Lieder von Mani Matter – auf Tschechisch. 40 Lieder unseres Nationalbarden hat er schon übersetzt, darunter unbekanntere wie Matters Frühwerk «Dr Rägewurm». Aber natürlich auch Klassiker wie «Dr Ferdinand isch gschtorbe», «Z’Lotti schilet» oder «Bim Coiffeur».

Und wenn dann plötzlich in dieser fremden Sprache Wortfetzen verständlich sind, wie «dr Löie z Nottiswil» oder «dr Herr Brändli» oder eben «Lotti šilhá» fühlen sich die Lieder doch wieder ganz vertraut an. Ausserdem singt Řepka zwischendurch eine Strophe auf Berndeutsch. Denn er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Berner Troubadour und ist mit Übersetzungen seiner Texte auch schon mehrmals durch die Schweiz getourt.

Momentan ist er wieder hier. Am Donnerstag spielt er in Biel, am nächsten Sonntag im Ono in Bern. So bleibt Mani Matters Erbe lebendig. Auch 50 Jahre nach seinem Todestag im November 1972. Und noch immer können seine Lieder alle bis zu den Jüngsten mitsingen. Vielleicht sogar in Tschechien.

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Schueuhuus. (Bild: Carmela Odoni)

Und das möchte ich dir heute mit in den Tag geben:

  • Protestaktionen: Gestern machten Aktivist*innen in Bern auf die Verknüpfung von Klima- und Migrationspolitik aufmerksam und protestierten an drei Orten. Der Zeitpunkt des Protests war nicht zufällig: Einen Tag vorher war die 27. Klimakonferenz in Ägypten gestartet. Mit den Aktionen wollte das Kollektiv auf das Missverhältnis zwischen Klimaverantwortung und Abschottungspolitik aufmerksam machen. Unser Reporter Florian Wüstholz hat sich auf die Spuren der Aktivist*innen begeben.
  • Berner Medien: Vor einem Jahr fusionierten die Redaktionen von Bund und Berner Zeitung (was letztlich auch den Ausschlag gab, dass wir die «Hauptstadt» gründeten). Seit einigen Monaten hat der Bund nun wieder eine eigene Chefredaktorin. Mein Kollege Jürg Steiner wollte von Isabelle Jacobi wissen, wie sie das Profil der Traditionszeitung schärfen wolle, was die Unterschiede zur BZ seien, und warum nun schon wieder gespart werden müsse.
  • Verkehr: Parteien und Umweltorganisationen haben gestern über 23'000 Unterschriften gegen die Umfahrungen in Aarwangen und Oberburg eingereicht. Die Stimmberechtigten des Kantons Bern werden somit voraussichtlich im nächsten März über die Vorhaben abstimmen können. Die Kritik: Die Ausbau-Projekte führten zu Mehrverkehr und lösten die Verkehrsprobleme nicht nachhaltig, sondern verlagerten sie bloss in umliegende Gemeinden. Zudem widerspreche der Ausbau dem Klimaschutz-Artikel in der Berner Verfassung. Derweil hat Regierungsrat Christoph Neuhaus (SVP) in einem Interview in BZ/Bund (Abo) bekräftigt, dass es den Ausbau der Grauholz-Autobahn auf 8 Spuren laut ihm brauche. Damit zeichnet sich eine neue Tendenz ab: Während Bund und Kanton für den Strassenausbau sind, wehren sich Zivilgesellschaft und Gemeinden dagegen.
  • Arbeitslosigkeit: Die Arbeitslosenquote im Kanton Bern lag im Oktober mit 1,4 Prozent deutlich unter dem landesweiten Durchschnitt von 1,9 Prozent. Diese stabile Lage im Oktober ist untypisch, denn meist steigt in dieser Jahreszeit die Zahl der Arbeitslosen im Bau- und Gastgewerbe. Die Quote bleibt auf dem tiefsten Stand der letzten 20 Jahre. Was einerseits den Fachkräftemangel weiter verschärft – und andererseits auch Arbeitsintegrationsprojekte wie das Buchantiquariat Bücherbergwerk unter Druck bringt.
  • Ernährungstipps: Ein aus 80 Personen bestehender Bürger*innenrat, zusammengesetzt aus zufällig ausgewählten Menschen, hat gestern 126 Empfehlungen für ein nachhaltigeres Ernährungssystem präsentiert. An der Tabelle mit den Empfehlungen haben die Mitglieder seit Juni gearbeitet, wie die «Hauptstadt» bereits früher berichtet hat. Die Empfehlungen reichen von einer besser verständlichen Etikettierung von Lebensmitteln über die Reduktion von Zuckerkonsum bis hin zu Vorschlägen für den Einbezug der Krankenkassen bei der Förderung einer gesunden Ernährung.
  • Gault Millau: Von aussen wirkt das Restaurant Huayuan im Stadtberner Fischermätteli immer noch wie die Quartierbeiz, die es früher mal war. Tatsächlich gehört das chinesische Restaurant seit gestern aber zur gehobenen Dining-Klasse: 13 Punkte verleiht «Gault Millau» Xiuhan und Liangfu Wang, die Spezialitäten aus allen Regionen Chinas servieren. Sie zählen damit zu den Neueinsteiger*innen im jährlich aktualisierten Gastroführer. Die Spitzenposition als bestbewertetes Restaurant im Kanton hat das Alpina Sommet in Gstaad erfolgreich verteidigt. Es erreicht als einziges 18 Punkte. Bestbewertetes Restaurant in der Stadt Bern (17 Punkte) ist die Steinhalle im Historischen Museum.

PS: Allen, die mal austesten wollen, wie vorurteilsfrei sie wirklich sind, sei die Ausstellung «Lüfte deine Kopfschubladen!» in der Kornhausbibliothek empfohlen. Überall in der Bibliothek trifft man auf plakative Fragen wie «Bibliothekar:innen sind langweilig?» In einem Schubladenstock werden 20 mit Vorurteilen aufgeladene Begriffe wie «alter weisser Mann» durch literarische Buchauszüge erklärt. Und schliesslich kann man an einer Wortwand spielerisch die eigenen Vorurteile ins Gegenteil verkehren.

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Diskussion

Unsere Etikette
Andreas Joss
08. November 2022 um 11:57

Die Ernährungstipps finde ich eine super Sache. Das Dokument, welches man auf der Seite runterladen kann, ist meiner Meinung nach jedoch maximal unübersichtlich. An wen gehen diese Empfehlungen und wer setzt diese um? Wäre spannend, wenn dieses Thema weiterverfolgt wird.