«Mit einer Galerie verdient man bestenfalls ein Trinkgeld»

Wie sieht der Alltag einer Galeristin aus? Barbara Marbot aus der Galerie da Mihi gibt einen Einblick, kurz bevor die Galerie umziehen muss. Denn das Gebäude in der unteren Altstadt wird saniert.

Barbara Marbot in der Galerie Da Mihi fotografiert am Donnerstag, 9. Januar 2025 in Bern. (VOLLTOLL / Jana Leu)
Barbara Marbot in den Kellerräumen der Galerie, die es seit 55 Jahren gibt. (Bild: Jana Leu)

Barbara Marbot trägt Thermounterwäsche unter ihrer Kleidung. «Im Winter frierst du sonst mit der Zeit», sagt die Galeristin. Sie empfängt in den hell ausgeleuchteten Kellerräumen an der Gerechtigkeitsgasse in der unteren Altstadt, wo sich seit 1970 eine Galerie befindet, seit 2017 unter dem vieldeutigen Fantasienamen da Mihi. Die Galerie ist eine Institution, hier stellen auch zahlreiche bekannte Künstler*innen wie Martin Ziegelmüller, Salomé Bäumlin oder Charlotte Hug aus.

Insgesamt fünf Räume sind es, die rohen Steinwände weiss gestrichen. Es gibt keine Heizung und kein fliessendes Wasser – ausser wenn es stark regnet, dann tropft es an manchen Stellen von der Decke. Die Kellergalerie hat viel Charme – und einen unschlagbar tiefen Mietzins, sagt Barbara Marbot, will aber den genauen Betrag nicht verraten.

Im kommenden Sommer saniert die Burgergemeinde, der das Haus gehört, die gesamte Liegenschaft, wie die «Hauptstadt» berichtete. Auch die Galerie da Mihi muss für mindestens zweieinhalb Jahre ausziehen. Danach hat sie ein Vormietrecht.

«Einmalige Chance»

Barbara Marbot betreibt die Galerie seit 2017 gemeinsam mit ihrem Mann Hans Ryser. Die beiden haben sie damals Hals über Kopf von der Gründerin Dorothe Freiburghaus übernommen, die aus Altersgründen aufhörte. «Es war eine einmalige Chance», sagt Marbot. Sieben Künstler*innen blieben bei ihnen, darunter etwa Martin Ziegelmüller, dessen impressionistisch anmutende Landschaftsbilder auch schon im Kunstmuseum Bern ausgestellt wurden.

In den letzten Jahren entstandene abstraktere Landschaftsbilder von Ziegelmüller hängen nun im ersten Raum der Galerie. Die aktuelle Gruppenausstellung heisst «TaPaS» und vereint 12 Lieblingskünstler*innen des Betreiberpaars. Für Ziegelmüller ist es die letzte Ausstellung, im April wird er 90 Jahre alt. Gleichzeitig handelt es sich um die letzte Ausstellung vor dem Umbau.

Galerie Da Mihi fotografiert am Donnerstag, 9. Januar 2025 in Bern. (VOLLTOLL / Jana Leu)
Im ersten Raum (vorne) sind aktuell Bilder von Martin Ziegelmüller ausgestellt. Es ist seine letzte Ausstellung. (Bild: Jana Leu)

Während Barbara Marbot durch die Ausstellung führt, verliert sie zu allen Künstler*innen ein paar Worte, die beiläufig klar machen, wie gut sie sie kennt. So erzählt sie, wie die Skulpturen von Aurélie Jossen aus im Wald gefundenen Ästen entstehen. Oder wie Frantiček Klossner letztes Jahr bei einer Operation beinahe gestorben wäre. Dieses Erlebnis hat nun sein neues Werk – Selbstporträts aufgrund von Magnetresonanztomografien – beeinflusst.

Barbara Marbot weiss nicht, wie die Räume nach der Sanierung aussehen werden. «Natürlich haben wir unsere Wünsche eingegeben, aber jetzt liegt es nicht mehr in unseren Händen», sagt sie. Das Haus ist denkmalgeschützt, deshalb sei es gut möglich, dass die weiss gestrichenen Wände den natürlichen Steinmauern weichen müssen. «Für die Werke wird es dann schwierig, sich in Szene setzen zu können», gibt sie zu bedenken.

Ganz offen sagt Barbara Marbot: «Ich bin wehmütig». Die Kellergalerie sei für sie emotional gar nicht vergleichbar mit einer anderen Galerie. «Es ist ein geschichtsträchtiger Ort, wo schon so viel passiert ist – und ich bin nur die Fackelträgerin.»

Als 22-Jährige erstes Werk gekauft

Die Galerie kannte sie zuerst als Besucherin. Marbot ist seit langem eine leidenschaftliche Kunstsammlerin. Als 22-Jährige kaufte sie ihr erstes Kunstwerk in einer Zürcher Galerie. Es war die Radierung eines weiblichen Torsos von einer österreichischen Künstlerin. «Das Werk habe ich immer noch, aber ihren Namen weiss ich nicht mehr, sie ist später nicht berühmt geworden.»

Galeristin wurde Marbot erst viel später. «Ich war immer fasziniert von diesen Orten, die Kunst an den Wänden, der Galerist, der irgendwo in der Ecke an seinem Schreibtisch sass.» Oft ging sie in der Berner Galerie Krebs vorbei. Der mittlerweile verstorbene Galerist Martin Krebs wurde zu einem Mentor. «Er sagte mir: ‹Wenn du eine Galerie eröffnen willst, musst du genug Geld für fünf Jahre gespart haben.›»

Das nahm Barbara Marbot, die ihr Alter nicht verraten möchte, sehr ernst. Die studierte Betriebsökonomin arbeitete lange in gut bezahlten Jobs, zuletzt als Projektmanagerin bei der Burgergemeinde Bern. 2011 eröffnete sie dann mit ihrem Mann Hans Ryser eine Online-Galerie. «Das lief überhaupt nicht», sagt sie und lacht. Erst als sie die Werke auch Pop-up-mässig am Bubenbergplatz zeigen konnten, fingen sie an zu verkaufen. Es war ihre erste Kunstgalerie.

Das Prinzip Galerie

Eine Galerie funktioniert so: Sie stellt in wechselnden Ausstellungen verschiedene ausgewählte Künstler*innen aus. Diese erhalten dafür nichts, auch Eintritt kostet die Ausstellung nicht. Geld kommt erst dann rein, wenn ein Kunstwerk verkauft wird. Dann wird der Betrag je zur Hälfte zwischen Galerie und Künstler*in aufgeteilt. Die meisten Galerien arbeiten fix mit etwa einem Dutzend Künstler*innen zusammen, bei da Mihi sind es zurzeit ungefähr 25 Kunstschaffende.

Barbara Marbot in der Galerie Da Mihi fotografiert am Donnerstag, 9. Januar 2025 in Bern. (VOLLTOLL / Jana Leu)
Barbara Marbot mit Werken von Aurélie Jossen (im Vordergrund Tassen von Tiziana De Silvestro). (Bild: Jana Leu)

Im Fall da Mihi geht die Rechnung auf, «weil wir wenig Miete zahlen», sagt Marbot. Und weil die Räume so gross seien, dass sie meist mehrere Künstler*innen gleichzeitig ausstellen könnten. Finanziell sei die Galerie selbsttragend. Reich werde man davon allerdings nicht. «Wir verdienen bestenfalls ein Trinkgeld.» Barbara Marbot und Hans Ryser leben vom Ersparten – und von Rysers Rente, denn der Betriebsökonom ist pensioniert. «Wir geniessen das Leben mit Kunst.»

Dafür nimmt sich Barbara Marbot, die berufsbegleitend ein Masterstudium im Kuratieren abgeschlossen hat, viel Freiheit heraus. «Wir stellen nur Kunst aus, die wir gut finden», sagt sie, «die darf auch mal sperrig sein.» Der Verkaufsaspekt stehe nicht immer im Vordergrund. «Ein Werk muss etwas in mir bewegen, es darf mich nicht gleichgültig lassen.»

Es gebe zwei, drei weitere Künstler*innen, die sie gerne ausstellen würden. «Da pickeln wir noch», sagt Marbot. Es seien jene Künstler*innen, die bisher nur bei ihr zuhause, nicht aber in der Galerie hängen.

Neue Herausforderungen

Vielleicht aber, sagt Marbot und wird nachdenklich, müsse sie ihr Konzept in den nächsten Jahren überdenken. Während des Umbaus wird die Galerie umziehen. Zuerst liebäugelten Marbot und Ryser damit, temporär eine Galerie in New York oder Berlin zu eröffnen. Doch nun haben sie in der Nachbarschaft neue Räumlichkeiten gefunden. Sie befinden sich nur zwei Türen weiter, im Ladenlokal, in dem früher die Puppenklinik zu finden war.

Galerie Da Mihi fotografiert am Donnerstag, 9. Januar 2025 in Bern. (VOLLTOLL / Jana Leu)
Die neuen Räume befinden sich in den Lauben an der Gerechtigkeitsgasse. (Bild: Jana Leu)

Die neue Galerie ist nur knapp halb so gross wie die bisherige, die Miete aber deutlich teurer. «Hier können wir nur noch Einzelausstellungen machen», sagt Marbot. Wenn weniger Werke zum Verkauf stehen, werden aber tendenziell auch weniger verkauft – und es wird schwieriger werden, überhaupt den Aufwand zu decken. Seit Januar hat das Paar das neue Lokal offiziell gemietet, im Februar werden sie dort die erste Ausstellung mit Lorenz Spring eröffnen.

Was wird, wenn die Haussanierung in etwa drei Jahren abgeschlossen ist, weiss Barbara Marbot noch nicht. Wobei sie ein Wunschszenario hat: «Es wäre natürlich toll, wenn wir beide Orte weiterbetreiben könnten.»

Einen Vorteil hat die neue Galerie im Erdgeschoss übrigens: Es gibt nicht nur ein Schaufenster, es ist auch wärmer. Thermounterwäsche braucht Barbara Marbot dort nicht.

Berner Galerienwochenende, 18. und 19.1., 11-17 Uhr, diverse Orte.

TaPas, Ausstellung bis 14. Juni, Galerie Da Mihi, Gerechtigkeitsgasse 40. 

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