Neue Notschlafstelle für FINTA-Personen
Frauen können künftig in Bern in einer neuen Notschlafstelle Unterschlupf finden. Die Stadt führt während vorerst einem Jahr ein Pilotprojekt durch.
Von aussen ist es ein unscheinbares, älteres Gebäude. Innendrin zweckmässig und schlicht eingerichtet. Es gibt Vogelgezwitscher, den Blick ins Grüne - und mehrere Einzelzimmer mit Bett und Nachttisch.
Im Berner Nordquartier eröffnet eine FINTA-Notschlafstelle. Sie richtet sich konkret an Frauen, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans und agender Personen. An dieser ruhigen Lage sollen auch die Zuflucht-Suchenden zur Ruhe kommen können.
Die Räumlichkeiten bieten Platz für 18 Personen und wurden am Dienstag im Rahmen einer Medienveranstaltung vorgestellt. Ab nächstem Montag wird der Betrieb an der Kursaalstrasse aufgenommen. «Damit können wir für diese besonders vulnerable Gruppe ein spezifisches Angebot schaffen», sagt die zuständige Gemeinderätin Ursina Anderegg (GB), Direktorin für Bildung, Soziales und Sport. Über den Lastenausgleich wird das Angebot nicht nur von der Stadt, sondern auch vom Kanton mitfinanziert.
Bedarf steigt
In den letzten Jahren ist die Zahl der obdachlosen Menschen gestiegen. Im vergangenen Winter mussten durchschnittlich 40 bis 60 Personen ungewollt draussen übernachten, weil das bestehende Angebot nicht ausreichte. Und dies, obwohl die Stadt für die kalte Jahreszeit eine zusätzliche Unterkunft im Tiefenau schuf.
Weshalb immer mehr Personen Notunterkünfte benötigen, sei nicht restlos klar, sagt Anderegg. Es hänge aber vermutlich zusammen mit der Überlastung psychiatrischer Kliniken und der Teuerung.
Was jedoch klar ist: Besonders für FINTA-Personen war die bisherige Lage schwierig. Ursina Anderegg erzählt, dass sich besonders diese Personengruppe in gemischtgeschlechtlichen Notschlafstellen unsicher fühle und diese Orte deshalb meide.
Die Notschlafstelle befindet sich in der Kursaalstrasse 6, 3013 Bern und wird am 23. Juni 2025 in Betrieb genommen. Die Adresse ist als Zwischennutzung konzipiert und bleibt vorerst bis Ende April 2026 bestehen. Während dieser Pilotphase sollen Erkenntnisse für dieses neue Format gewonnen und das Angebot wo nötig angepasst und weiterentwickelt werden. Das Haus bleibt durchgehend geöffnet. FINTA-Personen können sich hier bis zu 3 Monate aufhalten.
Ähnlich wie bei Pluto, dem Angebot für junge Menschen wird nun mit der FINTA-Notschlafstelle ein Ort geschaffen, der sich spezifisch an die betroffene Zielgruppe anpasst.
Eigener Rückzugsraum
Obdachlose FINTA-Personen erfahren häufiger psychische, physische und sexuelle Gewalt, sagt Anderegg. Umso wichtiger ist es, dass sie sich zurückziehen können. Deswegen gibt es in der neuen Notunterkunft abschliessbare Einzelzimmer. Küche und Bad teilt man sich auf jedem Stockwerk mit ungefähr 5 Personen. Zudem gibt es Betreuungspersonal (FINTA-Fachpersonen zu insgesamt 690 Stellenprozenten), ein Frühstücksangebot sowie einen Waschraum.
Ein wichtiger Unterschied im Vergleich mit anderen Notschlafstellen: Der Ort ist rund um die Uhr geöffnet. So wird es zum Beispiel möglich sein, dass hier FINTA-Personen schlafen, die nachts arbeiten, so wie etwa Sexarbeiter*innen.
«Unser Ziel ist es, ein sicherer und niederschwelliger Rückzugsort zu sein für Menschen in prekären Situationen», sagt Manuel Breiter. Er ist Regionalleiter der Heilsarmee Schweiz, welche den Standort betreibt. So ist beispielsweise auch die Mitnahme von Haustieren nicht ausgeschlossen. Wo man genau die Grenzen zieht bei suchterkrankten Menschen, müsse sich in der Praxis zeigen.
Einjähriges Pilotprojekt
Vorerst ist der Betrieb der FINTA-Notschlafstelle bis Ende April 2026 befristet. Deswegen sei es allgemein wichtig, gemeinsam zu lernen und ein sinnvolles Angebot zu entwickeln, sagt Breiter. Man habe bereits Erfahrung aus anderen Notschlafstellen und Frauenhäusern, die man mit einfliessen lassen könne. Eine FINTA-Notschlafstelle sei in Bern aber etwas Neues.
Claudia Hänzi, Leiterin Sozialamt Stadt Bern ergänzt, dass man die nötigen Erkenntnisse für einen Regelbetrieb sammeln möchte. Zum Beispiel, wie gross die Nachfrage wirklich sei. «Sind es 15 Personen, oder 30?» Für die Weiterentwicklung sei ein breiter Dialog und der Einbezug von Fachpersonen wichtig. «Wir wollen einer verletzlichen Gruppe wirksame Hilfe bieten», sagt Hänzi.
Ob der dauerhafte Betrieb am derzeitigen Standort weitergeführt werden kann, ist noch offen. Das Anwesen steht zum Verkauf.
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