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Was kann Plix? Erstmal nix

Ein Roboter, der Säcke schleppt und Kanäle schrubbt: Das ambitionierte Projekt eines Berner KMU trifft im Alltag auf grosse Hürden.

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David Weder
Roboter Plix
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© Danielle Liniger
Wo können humanoide Roboter Hilfe leisten und wo sind sie überfordert? Diese Frage wird sich auch in Zukunft stellen. (Bild: Danielle Liniger)

Benjamin Lüthi ist ein beschäftigter Mann. Er leitet die Ingenieurfirma Hunziker Betatech, die unter anderem Kläranlagen baut und die Siedlungsentwässerung plant. Er ist für 220 Mitarbeitende an zehn Standorten verantwortlich – einer davon befindet sich in Bern. 

Als wäre das nicht genug, hat Lüthi sich Anfang Jahr einen Mitarbeiter der schwierigeren Sorte ins Team geholt. Dieser ist 1,30 Meter gross, 40 Kilo schwer und konnte bei Stellenantritt: nichts. Zudem musste Lüthi reichlich Geld auf den Tisch legen, damit der neue Kollege überhaupt einen Fuss ins Büro setzte. Nun könnte man fragen, ob der Geschäftsführer noch ganz bei Trost ist. 

Doch Benjamin Lüthi denkt an die Zukunft: Der neue Mitarbeiter ist ein Roboter und hört auf den Namen Plix. Für das Unternehmen sei Plix eine Art Testballon, erklärt Lüthi bei einem Gespräch im Berner Kirchenfeld. «Alle haben von Robotik und künstlicher Intelligenz gesprochen. Wir wollten herausfinden, ob und wenn ja, wann sich das konkret in unserer Branche anwenden lässt», beschreibt Lüthi seine Neugier. Könnte ein menschenähnlicher Roboter einst auf der Baustelle Säcke schleppen oder Kanäle reinigen?

Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Bevor es daran ging, solche Fragen zu klären, musste Lüthi aber überhaupt erstmal einem solchen humanoiden Roboter habhaft werden. 

Wie manch anderer hatte Lüthi im Internet Videos von extrem geschickten Robotern gesehen – tanzend, Fussball spielend; neue Fertigkeiten kamen praktisch im Monatsrhythmus hinzu. Doch die Sache hatte einen Haken. Diese Roboter erblickten in Entwicklungsabteilungen von grossen Forschungseinrichtungen das Licht der Welt. «Sie sind noch nicht kommerzialisiert», weiss Lüthi. Eine Eigenentwicklung wäre für das KMU zu komplex und kostspielig gewesen.

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Plix war zunächst ein ferngesteuerter Roboter... (Bild: Danielle Liniger)

Hunziker Betatech spannte dann mit dem Swiss Robotics Competence Center (S3C) in Biel zusammen. Gemeinsam wurde man in China fündig: Beim Hersteller Unitree legten sie für rund 55’000 Franken einen humanoiden Roboter in den digitalen Warenkorb. Ein paar Wochen später kam eine schwarze Kiste im Unternehmen an. Darin schlummerte Plix. Eine Kreatur aus Metall, Karbon und Kunststoff. 

«Er hat wahnsinnig viel Elektronik verbaut: Zwei Computer arbeiten in seinem Inneren, 43 Motoren steuern seine Gelenke an und mehrere Kameras und Sensoren erkennen die Umgebung», erklärt Lüthi.

Ein Roboter im Säuglingsalter

Schnell wird klar: Plix kommt als unbeschriebenes Blatt daher. Alles, was er können soll, muss man ihm beibringen. Dafür kam erneut das Swiss Robotics Competence Center in Biel in Spiel. Mitarbeiter*innen um CEO David Weder hauchten Plix mit den richtigen Programmiercodes Leben ein. 

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... erst nach und nach entwickelte David Weder vom S3C die autonome Anwendung. (Bild: Danielle Liniger)

«Die ersten Schritte waren schon spannend, aber nicht spektakulär», erinnert sich Lüthi.

Nur schon einem Hindernis auszuweichen, sei eine Herausforderung gewesen. Geschweige denn, bei einer Unebenheit wieder das Gleichgewicht zu finden.

Mittlerweile beherrscht Plix diese Bewegungen ganz passabel. Bei einem Einsatz in der ARA Worblental stapfte er Ende November über eine Kiesfläche

Ausserdem könne er eine Person erkennen und dieser folgen, so Lüthi. Er sei auch in der Lage, einfache Sachen auf Englisch zu kommunizieren. Lüthi spricht über diese Lernfortschritte nicht mit dem Duktus eines nüchternen Ingenieurs, sondern eher mit väterlichem Stolz.

Und doch muss er anerkennen: Eine grosse Hilfe ist der Roboter immer noch nicht. Einst hatte er die Hoffnung, Plix könne mit einem Hochdruckreiniger Becken und Kanäle reinigen. Eine monotone und kraftraubende Arbeit für den Menschen. 

Doch davon ist man immer noch weit entfernt. Allein den Rückstoss eines solchen Reinigungsgeräts je nach Position neu einzuschätzen, ist komplexer als angenommen. Plix’ Schrammen und Kratzer zeugen von den Versuchen. Ausserdem ist der neue Kollege nicht wasserfest – für ein Unternehmen, das «eigentlich alles macht, was mit Wasser zu tun hat», ein augenscheinlicher Nachteil. 

Der Nachfolger steht schon parat

Ist also alles für die Katz’? Nein, sagt Lüthi, denn neben dem Lerneffekt sei der Spass ein nicht zu unterschätzender Faktor: «Uns hat es gut getan, über den Tellerrand zu blicken.»

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Damit der Plix selbstständig agieren kann, vernetzte Weder Kamera, Lautsprecher, Mikrofon und Roboterhände. (Bild: Danielle Liniger)

Und er schiebt nach: «Wir haben heute ein grösseres Verständnis, wohin sich die Welt in diesem Bereich entwickeln wird». Er sei überzeugt, dass in den nächsten Jahren einiges passieren werde. «Aber für Unternehmen wie uns, nicht so schnell, wie wir es uns wünschen würden.»

Zumindest der finanzielle Aufwand war für das Unternehmen bislang überschaubar. Das Projekt Plix hat nur einen Teil des Forschungs- und Entwicklungsbudgets ausgemacht. Das Training des Roboters wurde sowohl von der Hunziker Betatech als auch durch das Swiss Robotics Competence Center in Biel finanziert. 

Wenn es darum ginge, Plix nun wirklich produktiv im Alltag einzusetzen, bräuchte es mehr Mittel – zum Beispiel über eine Forschungspartnerschaft. Bis eine solche zustande kommt, gehört Plix aber vermutlich bereits zum alten Eisen. Die Entwicklung schreitet rasch voran. Der chinesische Hersteller hat bereits einen Nachfolger von Plix im Programm.

Ob dieser dereinst einen Hochdruckreiniger bedienen kann?

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