Mein schildloses Herz
Nach Wochen eisiger Starre kommt mehr Bewegung ins Wasser. Und unsere Literatur-Kolumnistin entdeckt das Geschenk, das ihr die Aare macht.
Erst als ich die Blaumeise höre, bemerke ich, wie still es lange war am Fluss. Und dass meine Haut vergessen hat, wie ihr Licht sich anfühlt, als die Sonne auf sie trifft.
Die Äste ragen aus dem Wasser und fallen in es ein. Wo sie die Oberfläche durchbrochen haben, liegen im Wasser Kreise aus Eis. Es sind die Bewegungen entlang derer es gefror. Weiter aussen fliessen sie weiter, die Äste spiegeln sich in der aufgetauten Oberfläche, tanzen.
Das Eis hatte sich um jeden Teil des Ufers gelegt wie ein Kleid. Jetzt liegt es vor mir ausgewaschen und nackt. Sonnenstrahlen fallen schräg auf Wasser und Schlamm. Der Geruch der aufgetauten Luft erinnert an eine wärmere Zeit.
Der Winter hat mich einfach gemacht. Ich habe meiner Umgebung nichts voraus. Ohne Umstände geht sie über in mein schildloses Herz.
In der Mitte des Flusses zieht das Wasser sich zusammen. Vom Grund aus durchbricht eine neue Strömung die Oberfläche, ergiesst sich über sie. Das Wasser zieht in alle Richtungen, seine Bewegungen sind ziellos und wild.
Zum Ufer hin trägt der Fluss das Sonnenlicht in kleinen Wellen vor sich hin. Licht und Wasser handeln sich aneinander aus. Die Sonne, die sich in der Mitte des Flusses über der Wasseroberfläche entleert hatte, liegt abgesprengt in funkelnden Teilen am Ufer vom Fluss.
Ich sitze am Fluss und werde ruhig. Ein Stein steht weiss neben dem farblosen Wasser. Die Rufe der Blaumeise fallen spitz in mich ein. Dass das Wasser meinen Körper klärt, ist ein Geschenk, und ich bedanke mich.
Selma Imhof (27) lebt und schreibt in Bern. Aktuell arbeitet sie an ihrem literarischen Debut «Wasser, Taube», das von Stadt und Kanton Bern gefördert wird. Für die «Hauptstadt» schreibt sie einmal im Monat eine literarische Kolumne zur Aare.