Sesselrücken – Stadtrat-Brief #1/26
Sitzung vom 15. Januar 2025 – die Themen: Wahlen, Reden, Quartierküche Tiefenau, Historisches Museum. Ratsmitglied der Woche: Chantal Perriard (FDP).
Die erste Parlamentssitzung des Jahres ist geprägt von vielen Ritualen, von grossen Emotionen und einer beeindruckenden Anzahl Reden: Schliesslich übernimmt eine neue Person das Präsidium des Stadtrats. Diesmal die 33-jährige Jelena Filipovic (Grünes Bündnis), die unter Traktandum 2 einstimmig gewählt wurde.
Der Abend begann also mit einem grossen Sesselrücken. So nahm der scheidende Stadtratspräsident Tom Berger (FDP) in der ersten halben Stunde der Sitzung auf drei verschiedenen Stühlen Platz. Vom Präsidiumsstuhl, auf dem er die Sitzung startete, über den Platz daneben, bis zum angestammten Stuhl inmitten seiner Fraktion im Rathaus.
Mit Wahlen ging es weiter: Béatrice Wertli (Mitte) wurde zur ersten Vizepräsidentin des Rats erkoren und ist damit designierte Stadtratspräsidentin 2027. Barbara Keller (SP) ist neu zweite Vizepräsidentin des Parlaments. Der Berner Stadtrat wird damit voraussichtlich für die kommenden drei Jahre von Frauen präsidiert.
Das muss ganz im Sinn der Feministin Jelena Filipovic sein, die ihr Präsidialjahr unter das Motto «Caring Cities» stellt. «Es braucht mehr Care», sagte sie in ihrer Antrittsrede, «ich will in einer Stadt leben, in der sich die Menschen umeinander und um das Klima kümmern.» Mehr als einmal rückte sie dabei das Bild einer «Wohlfühloase», die ihr für Bern vorschwebe, ins Zentrum.
Normalerweise dauert eine Stadtratsitzung vier Stunden. Die erste und letzte Sitzung des Jahres sind aber nur halb so lang, weil danach die Stadtratspräsidentin gefeiert wird. Jelena Filipovic lud dazu in den Westen von Bern. Im Sternensaal in Bümpliz wurde mit Injera äthiopische Kost serviert, gefolgt von einem orientalischen Dessert. Dazwischen gab es Reden und Spiele. So mussten sich etwa jene der weit über 100 Menschen im Saal – sehr viele von ihnen gewählte Parlamentarier*innen – erheben, die wie Jelena Filipovic im Berner Westen wohnen. Es waren erschreckend wenige – höchstens ein Dutzend.
Einer davon ist Janosch Weyermann (SVP). Der Ratskollege von Filipovic tickt politisch völlig anders. Oder wie er es formulierte: «Ich habe auf Smartvote nachgeschaut, wir haben in politischen Fragen nur 20 Prozent Übereinstimmung.» Er hielt eine durchdachte und warmherzige Rede auf Filipovic. Insbesondere beeindrucke ihn, wie hartnäckig sie in der SRF-Sendung «Arena» zum Autobahnausbau seinem Parteikollegen, Bundesrat Albert Rösti (SVP), die Stirn geboten habe. Sie sei beharrlich, hartnäckig und dossierfest. Dabei sei stets eine grosse Wertschätzung und Menschlichkeit zu spüren.
Später am Abend liess sich Jelena Filipovic die Notizen von Weyermann geben, um sie aufzubewahren. Respekt auch politischen Gegner*innen gegenüber. Das kann kein schlechter Start ins Präsidialjahr sein.
Chantal Perriard (58) sitzt seit Januar 2025 für die FDP im Stadtrat. Sie war Vizepräsidentin der städtischen Sozialhilfekommission und ist Präsidentin der FDP-Sektion Obstberg/Untere Altstadt. Sie arbeitet als Juristin beim Staatssekretariat für Migration (SEM).
Warum sind Sie im Stadtrat?
Weil mir Bern am Herzen liegt. Politik ist für mich ein Werkzeug, mit dem wir ganz konkret Gutes bewirken können: bezahlbaren Wohnraum, eine lebendige Kultur, eine starke lokale Wirtschaft, sichere Verkehrswege und eine gute Infrastruktur. Gleichzeitig will ich verhindern, dass die Schulden weiterwachsen und künftige Generationen damit belastet werden. Mein Ziel ist klar: Bern soll vielseitig und lebenswert bleiben, für uns und für die nächsten Generationen.
Wofür kennt man Sie im Rat – auch ausserhalb Ihrer Partei?
Viele kennen mich als jemanden, der zuhört und versucht, Brücken zu bauen, statt Gräben zu vertiefen. Nicht, weil ich Konflikte scheue, sondern weil gute Lösungen meist im Dialog entstehen. Und viele verbinden mich mit meinem Einsatz für Kultur. Kultur belebt und verbindet; sie ist mir sehr wichtig.
Was erstaunt Sie am meisten, wenn Sie im Rat sitzen?
Mich erstaunt die Vielfalt der Themen und Perspektiven im Rat. Kompromisse sind nicht selbstverständlich und benötigen Geduld sowie Überzeugungskraft. Ich bin auch immer wieder verblüfft, dass die finanziellen Auswirkungen vieler Geschäfte zu wenig berücksichtigt werden. Angesichts der finanziellen Situation der Stadt Bern ist das für mich schwer nachvollziehbar.
Worauf sind Sie stolz bei Ihrer Ratsarbeit?
Ich bin weniger auf einzelne Vorstösse stolz, sondern auf die Momente, in denen mir Leute sagen: Danke, dass Sie das aufgenommen haben! Wichtig ist mir Politik, die im Alltag spürbar ist. Seit ich im Stadtrat bin, werde ich immer häufiger auf meine politische Arbeit angesprochen und um Unterstützung gebeten. Genau das macht für mich dieses Amt aus. Sehr gefreut haben mich die positiven Rückmeldungen zu meinem Engagement beim Vollzugskonzept Geschäftsauslagen sowie zur sichereren Verkehrsführung auf der Monbijoubrücke. Solche Rückmeldungen aus den Quartieren zeigen mir, weshalb ich in der Politik tätig bin. Das heisst nicht, dass immer alles so kommt, wie ich es mir wünsche, aber die Leute wissen, dass ich mich für ihre Anliegen einsetze.
Welches ist Ihr liebster Stadtteil und warum?
Die untere Altstadt, da sie lebendig, historisch und vielfältig ist. Dort treffen Kultur, Gewerbe und Quartierleben aufeinander. Besonders schätze ich die vielen kleinen Geschäfte, die mit ihrem unermüdlichen Engagement Farbtupfer setzen und der Altstadt ihren einmaligen Charakter verleihen.
Und das beschloss der Rat:
- Quartierküche: Im ehemaligen Areal Tiefenauspital soll bis Sommer 2027 eine Quartierküche eingebaut werden, die dereinst 8000 Mahlzeiten pro Woche für städtische Schulen produzieren wird. Das ist nötig, weil der Stadt bereits ab nächstem Schuljahr mehrere tausend Mahlzeiten pro Woche fehlen werden. Der Stadtrat hiess dazu einen Kredit von 7,8 Millionen Franken gut. Allerdings war das Geschäft umstritten. Die zuständige Kommission bemängelte, dass das Projekt zu teuer erscheine, weil dessen Laufzeit beschränkt sei. Das sei in der aktuellen Finanzlage der Stadt nicht angebracht. «Wir schauen die Geschäfte genau an. Und weisen sie sonst auch zurück», sprach Judith Schenk (SP) im Namen der Kommission unüblich deutliche Worte. Der Stein des Anstosses: Das Areal Tiefenauspital wird momentan befristet bis 2034 zwischengenutzt. Sollte die Quartierküche danach nicht weitergebraucht werden können, müssten 5,9 Millionen Franken abgeschrieben werden. Das sei eine «zu teure und unsichere Lösung», sagte Simone Richner (FDP) seitens ihrer Fraktion. Auch Mirjam Roder (GFL) betonte, dass sie angesichts der hohen Kosten leer habe schlucken müssen. «Aber es gibt keine bessere Lösung.» 15 andere Projekte seien verworfen worden. Die Befristung bis Ende 2034 sei formal so festgelegt, hielt Gemeinderätin Ursina Anderegg (GB) entgegen. Sie war für ihre kranke Regierungskollegin Melanie Mettler (GLP) eingesprungen. «Der Gemeinderat geht ganz klar davon aus, dass die Küche darüber hinaus genutzt werden soll und wird.» Schliesslich nahm der Rat die Vorlage mit 47 Ja- zu 15 Nein-Stimmen bei 4 Enthaltungen an – dagegen stimmten FDP und SVP. Allerdings wurde der Antrag der Kommission einstimmig angenommen. Der Gemeinderat soll darauf hinwirken, dass die Küche mindestens 20 Jahre lang betrieben wird. Das letzte Wort hat die Berner Stimmbevölkerung.
- Historisches Museum: Einstimmig hat der Rat einen Kredit von gut 40 Millionen Franken für den Umbau des Bernischen Historischen Museums gesprochen. Das Museum wurde 1894 gebaut und ist seither nie gesamtsaniert worden. «Das Museum steht vor einer Sanierung, die unumgänglich ist», betonte die für das Geschäft zuständige Stadtpräsidentin Marieke Kruit (SP). «Ein Aufschieben der Investitionen würde nicht nur zu höheren Folgekosten führen, sondern die Nutzung des Museums ernsthaft gefährden.» Für die Kosten von insgesamt 120 Millionen Franken kommen Stadt, Kanton und Burgergemeinde zu je gleichen Teilen auf. Die Sanierung soll Mitte 2027 beginnen und 2032 abgeschlossen sein. In jener Zeit ist das Haupthaus geschlossen, der Erweiterungsanbau soll jedoch geöffnet bleiben. Das Stimmvolk kann am 14. Juni 2026 über den Kredit abstimmen.
PS: Musik gibt es im Rathaus eher selten zu hören. Zu ihrem Amtsantritt hatte Jelena Filipovic jedoch Sängerin Milena Patagônia eingeladen. Die Bernerin mit Wurzeln im Balkan fesselte die Anwesenden mit einem Sprachmix aus Schweizerdeutsch und Serbisch, begleitet wurde sie von einem Akkordeonisten. «Es gibt nichts Balkanischeres für mich als ein Akkordeon im Ratssaal», sagte Filipovic. Ihre Familie auf der Publikumstribüne lachte herzlich.