Kritisierte Aktivistin, geförderte Forscherin

Der schweizerische Nationalfonds überprüfte die Arbeit von Serena Tolino, der umstrittenen Co-Leiterin des aufgelösten Nahost-Instituts an der Universität Bern. Er attestiert ihrer Forschung «wissenschaftliche Qualität und Unabhängigkeit».

Serena Tolino
© Danielle Liniger
Sie freue sich, dass der Nationalfonds seine Unterstützung für ihre Forschung bestätigt hat, sagt Serena Tolino gegenüber der «Hauptstadt». (Bild: Danielle Liniger)

Vor einem knappen Jahr erhielt die in Bern lehrende Islamforscherin Serena Tolino vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) die Zusage für eine begehrte Unterstützung: Ihr wurde ein sogenannter Starting Grant zugesprochen. Darunter versteht man eine finanzielle Unterstützung, dank der ein*e Wissenschaftler*in ein Forschungsprojekt und eine Forschungsgruppe leiten kann.

Serena Tolino wurde ein Betrag von 1,6 Millionen Franken zugesprochen für ein Projekt, das seit Anfang März 2024 läuft. Tolino und eine Nachwuchswissenschaftlerin von der Universität Oslo gehen in dem bis 2029 dauernden Vorhaben der Frage nach, wie sich das Verständnis von Arbeit in islamischen Rechtstraditionen seit dem Jahr 1000 verändert hat.

Als sie die finanzielle Unterstützung erhielt, war Tolino Co-Direktorin des Instituts für Studien zum Nahen Osten und zu muslimischen Gesellschaften der Universität Bern. Ihr Forschungsprojekt sollte «auch zu einem weniger eurozentrischen Verständnis von Arbeit beitragen», hielt Tolino im April 2023 in einem Interview mit der Medienstelle der Universität Bern fest: «Dazu werden mein Team und ich drei Forschungsbereiche zusammenbringen, die bislang wenig im Austausch standen: die Arbeitsforschung, die Genderforschung und das Rechtsstudium in islamischen Gesellschaften.»

Zu ihrem Forschungsverständnis äusserte sich Tolino später gegenüber der «Hauptstadt»: «Wir sollten besser verstehen, wie islamisches Recht das reale Leben der Menschen beeinflusst hat und bis heute beeinflusst.» Man sollte den Blick auf den Islam normalisieren. Sie sei immer eine Aktivistin gewesen, die sich für Menschenrechte sowie die Gleichstellung und -berechtigung der Geschlechter eingesetzt habe. In der Wissenschaft irritiere sie, wie wenig man über die Realität arbeitender Frauen im Nahen Osten wisse. Diese Lücke solle nun geschlossen werden.

Zerfall des Instituts

Seit diesen Aussagen ist am von Tolino geleiteten Institut der Uni Bern kein Stein auf dem anderen geblieben. Nach den Terrorattacken auf Israel am 7. Oktober 2023 setzte ein Mitarbeiter des Instituts zwei begeisterte Tweets ab, die den Hamas-Angriff verherrlichten. Beim Mitarbeiter handelte es sich um Tolinos Lebenspartner. Laut Medienberichten soll Tolino 2016, Jahre bevor sie nach Bern berufen wurde, einen Aufruf der Israel-Boykott-Bewegung BDS unterzeichnet haben.

Impressionen der Medienkonferenz der Universitaet Bern zu den Vorgaengen rund um das Institut fuer Studien zum Nahen Osten und zu muslimischen Gesellschaften (ISNO), fotografiert am Dienstag, 17. Oktober 2023 in Bern. (Hauptstadt / Manuel Lopez)
Heftige Kritik: Die Uni-Leitung gibt im Herbst 2023 die Eröffnung einer Administrativuntersuchung zum ehemaligen Nahost-Institut bekannt. (Bild: Manuel Lopez)

Die Universität Bern entliess den Mitarbeiter, strengte eine Administrativuntersuchung an und beurlaubte Tolino vorübergehend. Im Januar 2024 präsentierte die Uni-Leitung das Ergebnis: Das Institut in seiner jetzigen Form wurde unter anderem «wegen mangelnder Grenzziehung zwischen Wissenschaft und politischem Engagement» aufgelöst. Serena Tolino behält ihre Professorenstelle in Bern, wegen Führungsfehlern erhielt sie aber eine Abmahnung. Eine Entlassung wäre unverhältnismässig, erklärte Uni-Generalsekretär Christoph Pappa im Januar. An Tolinos wissenschaftlicher Arbeit sei nichts auszusetzen.

Zusätzliche Nationalfonds-Untersuchung

Tolinos Forschung wurde mittlerweile auch von einer weiteren Institution untersucht, wie Recherchen der «Hauptstadt» zeigen. Der Schweizerische Nationalfonds, von dem Tolinos Forschung finanziell massgeblich abhängt, hat die wissenschaftliche Arbeit in den letzten Monaten überprüft. 

Der SNF fördert nicht nur ihr Projekt zum Thema Arbeit, sondern auch eines über die Geschichte zur Sklaverei in islamischen Rechtsquellen (970’000 Franken, bis Juni 2026) und eines zur Religionskritik im Nahen Osten im 20. Jahrhundert (400’000 Franken, bis April 2024). In allen drei Projekten, die sich zu einem Gesamtförderbeitrag von 3 Millionen Franken aufsummieren, ist Serena Tolino die leitende Person der international vernetzten und teilweise breit aufgestellten Teams.

Die SNF-Kommunikationsabteilung schreibt auf Anfrage der «Hauptstadt», dass mit den Ereignissen nach dem 7. Oktober an der Uni Bern auch beim Nationalfonds «Fragen zu den Forschungsprojekten von Serena Tolino» aufgekommen seien. Der Nationalfonds habe deshalb ab Oktober eine eigene Abklärung zu ihrer wissenschaftlicher Arbeit durchgeführt.

Das Ergebnis: «Die Einhaltung der wissenschaftlichen Qualität und Unabhängigkeit in den geförderten Projekten ist gewährleistet», hält der Nationalfonds fest. Tolinos wissenschaftliche Arbeiten könnten daher wie bewilligt fortgeführt werden.

Für den SNF sei die Wissenschaftlichkeit der Kern der Forschungsförderung. Der Nationalfonds beurteile die politische Haltung von Forschenden nicht, führt die Kommunikationsabteilung aus. Auch wenn politische Haltungen «im Einzelfall die wissenschaftliche Qualität in Fragen stellen können», etwa durch Einseitigkeit in der Methodik oder falsche Sachverhaltsannahmen.

«Wissenschaftlich exzellent»

Der Nationalfonds beurteile die Qualität und wissenschaftliche Unabhängigkeit von Forschungsanträgen in einer Einzelfallprüfung, die von breit zusammengestellten Gremien, typischerweise in einer internationalen Peer-Review, vorgenommen werde. Grundsätzlich könne der Nationalfonds gewährte Förderbeiträge ändern oder widerrufen. Zum Beispiel, wenn wissenschaftliches Fehlverhalten vorliege.

Bei Serena Tolino kam man nicht zu diesem Schluss. Ihr Projekt, für das sie den Starting Grant erhielt, ist laut SNF «in einem hochkompetitiven Verfahren international begutachtet und für wissenschaftlich exzellent befunden worden». Zudem betont der SNF: Kontroversen zu Forschungsansätzen gehörten zur Wissenschaft, es gebe eine Vielzahl von unterschiedlichen methodischen und konzeptionellen Forschungszugängen.

Heftige Kritik

Seit dem Angriff der Hamas findet in der Wissenschaft eine hitzige Auseinandersetzung über Postkolonialismus, Aktivismus und Forschungsfreiheit statt. Hunderte von Wissenschaftler*innen, unter anderem von der Universität Bern, haben einen offenen Brief unterzeichnet, in dem sie sich über die Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit durch die politische Rechte beklagen.  

Vor wenigen Tagen hatte Reinhard Schulze, der Vorgänger von Serena Tolino als Professor für Islamforschung der Universität Bern, in einem ausführlichen Interview mit der NZZ seine Nachfolgerin und ihren wissenschaftlichen Zugang differenziert, aber heftig kritisiert. Er ist enttäuscht, dass das Institut aufgelöst wird und sieht in der Reaktion des Instituts auf die Hamas-Tweets des Mitarbeiters eine «infantile Unfähigkeit, sich für diesen menschenverachtenden Schwachsinn zu entschuldigen».

Zudem ortet Schulze in der Ausrichtung des Instituts unter Tolino eine «Inanspruchnahme der Wissenschaft für einen parteiischen, identitär ausgerichteten Diskurs». Er hoffe, so Schulze, dass unter anderem die Geschehnisse in Bern helfen, das wissenschaftliche Selbstverständnis des Fachs Islamwissenschaft von Aktivismus jeglicher Färbung zu befreien.

Serena Tolino: «Schwierige Monate»

Der Nationalfonds nimmt im Fall von Serena Tolino nun klar Stellung: Ihre Wissenschaftlichkeit hält er auch nach den Vorkommnissen der letzten Monate für unbestritten – politischer Aktivismus hin oder her.

Bis im kommenden Juni muss die philosophisch-historische Fakultät der Universität Bern einen Bericht vorlegen, wie sie nach der Auflösung des Instituts den Fachbereich Islamwissenschaft neu ausrichten will. Und ob sie ihn allenfalls in die Studiengänge Sozialanthropologie und Religionswissenschaften einbetten will.

Serena Tolino trägt diese Neuausrichtung mit und will in Bern weiterforschen. «Ich freue mich sehr, dass wir meine Forschung wieder in den Mittelpunkt stellen können und dass der Nationalfonds seine Unterstützung bestätigt hat», schreibt sie auf Anfrage der «Hauptstadt». Sie sei dankbar, dass der neuerliche, umfangreiche Evaluationsprozess des Nationalfonds «auch eine konstruktive Auseinandersetzung mit meiner bisherigen Forschung und meinem gesamten beruflichen Werdegang beinhaltete».

Die letzten Monate seien sehr schwierig gewesen, umso wichtiger seien Reflexion, Analyse und Austausch dazu. Forschung könne nur gedeihen, «wenn es Wertschätzung, Unterstützung und visionäre Offenheit gibt». Tolino sei zuversichtlich, wie sie festhält, «dass der Prozess der Neuausrichtung des Fachbereichs diese Voraussetzungen schaffen wird».

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