Gesucht: Stapi (m/w/any), 100%, befristet
Was muss man können, wenn man in Bern Stadtpräsident*in werden will? Die «Hauptstadt» entwirft ein Job-Profil für das Präsidium der Hauptstadt.
Was für eine Spannung in der Stadtberner Politik! Der amtierende Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) wird herausgefordert, ernsthaft und nicht bloss für die Galerie. Das gab es in Bern seit Jahrzehnten nicht mehr. Marieke Kruit (SP) gehört zwar mit von Graffenried zum Team Rot-Grün-Mitte im Gemeinderatswahlkampf, aber als Stadtpräsidentin möchte sie ihn dann verdrängen. Ihre Wahlchancen sind real, denn sie ist Kandidatin der mit Abstand grössten Partei.
Es wird fast mit Sicherheit zu einem zweiten Wahlgang kommen, weil angesichts von vier Kandidierenden niemand das nötige Mehr erreicht. Je nach Konstellation hat dort GLP-Nationalrätin Melanie Mettler von der Mitte-Rechts-Liste Aussenseiter*innenchancen. Eine Stadtpräsidentin aus der bürgerlichen Mitte in einem mehrheitlich linken Gemeinderat wäre ein wohl spannungsreiches Novum in der Bundesstadt. SVP-Stadtrat Janosch Weyermann hingegen muss auf einen lucky punch hoffen, wenn er ab 2025 im Regierungspalais Erlacherhof an der Junkerngasse arbeiten will.
Aus Sicht der Wählenden ist die Situation ausgesprochen erfreulich. Es gibt eine echte Auswahl. Umso mehr stellt sich die Frage, was eine*n gute*n Stapi ausmacht. Was ist das überhaupt für ein Job? Was muss man dafür können? Und welche Eigenschaften sind eher hinderlich?
Am kommenden Dienstagabend (10. September, 19.30 Uhr, Eintritt frei, Kollekte) lädt die «Hauptstadt» in Zusammenarbeit mit dem Kulturzentrum Progr zum Stapi-Talk. Bei den städtischen Wahlen am 24. November geht es nicht nur um die personelle und parteipolitische Zusammensetzung der fünfköpfigen Stadtregierung, sondern auch um die Frage: Wer wird Stapi der Hauptstadt?
Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL), der an seine zwei bisherigen Amtszeiten eine dritte anhängen möchte, muss sich einer Kampfwahl stellen. Vier Kandidierende bewerben sich für das Schlüsselamt.
Alec von Graffenried (GFL), amtierender Stadtpräsident
Marieke Kruit (SP), Gemeinderätin, Stapi-Kandidatin
Melanie Mettler (GLP), Nationalrätin, kandidiert als Gemeinderätin und Stadtpräsidentin
Janosch Weyermann (SVP), Stadtrat, kandidiert als Gemeinderat und Stadtpräsident
Im Hauptsachen-Talk auf der Kleinen Bühne des Progr treffen sie aufeinander. Was wollen sie in Bern anpacken? Wie ticken sie? Wie steht es um ihren Leistungsausweis? Und warum sollen die Berner Stimmberechtigten gerade sie wählen? Die «Hauptstadt»-Redaktor*innen Joël Widmer und Jana Schmid moderieren und konfrontieren die Kandidat*innen auch mit Fragen aus der «Hauptstadt»-Community.
Stapis stehen zwar prominent in der Öffentlichkeit. Aber ein grosser Teil ihrer Arbeit findet statt, wenn fast niemand zuschaut. Das Amt entzieht sich deshalb einer einfachen Beurteilung durch die Wählenden.
Die «Hauptstadt» versucht, auch die versteckten Schlüsselkompetenzen für das Stapi-Amt zu benennen. Das ist keine exakte Wissenschaft. Die Angaben dazu stammen aus jahrzehntelanger persönlicher Beobachtung der Stadtberner Politik, früheren Interviews mit Stadtpräsidenten (bisher gab es nur Männer) sowie vertraulichen Gesprächen mit Menschen, die den Betrieb im Erlacherhof von innen kennen.
Das sind die 10 Stapi-Schlüsselkompetenzen:
1. Führungswille
Mit dem Wort Stadtpräsidium ist ein Missverständnis verbunden. Der*die Stapi ist nicht CEO der Stadt und auch nicht Chef*in der Regierung. Hierarchisch ist das Stadtpräsidium den übrigen vier Mitgliedern der Stadtregierung gleichgestellt. Stadtpräsident*innen können kraft ihres Amts keinen Mehrheitsentscheid kippen. Das Problem ist aber, dass Aussenstehende den Stapi als Regierungschef wahrnehmen Der*die Stapi ist das Gesicht des Gemeinderats.
«I mues mau mit em Alec rede», ist ein Satz, den man in Bern von Politiker*innen, Lobbyist*innen oder Unternehmer*innen häufig hört. Heisst: Ich muss mal mit dem Boss von Graffenried reden, dann geht etwas – was faktisch oft gar nicht möglich ist. Diese Differenz zwischen vermeintlicher und tatsächlicher Macht fordert dem Stadtpräsidium sehr subtile Techniken ab, Führungswille zu zeigen. Das passiert oft unter Ausschluss der Öffentlichkeit: an den Sitzungen der Regierung.
2. Empathie
Die Leitung der wöchentlichen Gemeinderatssitzungen obliegt dem Stadtpräsidium, und dieses rotiert nicht im Jahresrhythmus, wie etwa in der Kantonsregierung oder im Bundesrat. Das Setting ist anspruchsvoll: Am Tisch sitzen fünf Menschen mit gestärktem Selbstvertrauen, weil sie vom Volk gewählt wurden und nicht a priori geneigt sind, dem Präsidium zu gefallen. In der Regel handelt es sich um gestandene Profi-Politiker*innen, die sich meist nicht gerne etwas sagen lassen.
In diesem Ambiente als Sitzungsleitung einen Teamspirit entstehen zu lassen, gleichzeitig kontroverse Diskussionen zu fördern, aber nicht eskalieren zu lassen, ist eine Herausforderung. Sie erfordert viel Empathie. Besonders bei politischen Mehrheiten, bei denen die eine Seite häufig Niederlagen einsteckt. Hier kann man als Stapi einen grossen Beitrag zur Qualität der Regierung leisten.
3. Wissenshorizont
Der*die Stadtpräsident*in steht – wie alle Gemeinderät*innen – einer Direktion vor. Die Präsidialdirektion ist eher klein, zu ihr gehören Kultur Stadt Bern (siehe Punkt 4), die Stadtplanung, die Denkmalpflege und das Wirtschaftsamt. Mehr als bei den anderen Regierungsmitgliedern besteht von aussen der Anspruch, dass der*die Stapi die Dossiers aller Direktionen kennt und der Öffentlichkeit aus dem Kopf Fakten und Haltung vermitteln kann – vom IT-Debakel über die Reitschule und den Budgetdefiziten bis zur Stadterneuerung Weyermannshaus.
Die Kapazität, viel komplexe Information rasch aufzunehmen, auf die wesentlichen Punkte zu reduzieren und korrekt wiederzugeben, wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Für das Stapi-Amt gelten an die Informationsverarbeitung im eigenen Kopf höchste Ansprüche.
4. Kulturaffinität
Der*die Stapi ist städtische*r Kulturminister*in. Weil Bern für eine Stadt dieser Grösse aussergewöhnlich viele Kulturinstitutionen hat und über eine überdurchschnittlich reiche Kulturproduktion verfügt, ist das eine Schlüsselfunktion des Stadtpräsidiums. Das Kulturbudget der Stadt Bern beträgt zurzeit 33 Millionen Franken pro Jahr. Wenn sich an Betrag oder Art der Kultursubventionierung etwas verändert, sorgt das für heftige Diskussionen – die «Hauptstadt» zeigte das kürzlich am Beispiel der neu aufgestellten Kulturkommission auf. Ein*e Stadtpräsident*in ohne gelebte Kulturaffinität: suboptimal.
5. Eloquenz
Reden können ohne Textvorlage muss man als Stapi, weil Kommunizieren zu den wichtigsten Tätigkeiten in diesem Amt gehört. An der BEA, aber auch mit internationalen Gästen. Stadtpräsident*innen sind städtische Aussenminister*innen. Bern ist die Hauptstadt, deshalb sind häufig Staatsgäste zu Besuch, und mitunter spannt das Eidgenössische Departement des Äusseren die Präsidialdirektion für einen Stadtrundgang ein. Gutes Englisch ist für das Berner Stapi-Amt mehr als nur nice.
Mindestens so wichtig ist es aber, die Kommunikation auch auf Berndeutsch situationsgerecht variieren zu können. Die Stadt Bern steht einem kritisch gestimmten, bürgerlich dominierten Kanton gegenüber. Gleichzeitig ist sie umgeben von selbstbewussten Agglomerationsgemeinden, die oft die Selbstgerechtigkeit der rot-grünen Stadt beklagen. Den richtigen Ton zu finden, damit die Verständigung im eigentlich dynamischen Wirtschaftsraum um Bern auf Augenhöhe funktioniert, gehört zu den grossen Herausforderungen des Stapi-Amts.
6. Diplomatie
Was Berns Stapi tut oder nicht tut, wird auch international beachtet – weil Bern als Schweizer Hauptstadt wahrgenommen wird. Nach dem brutalen Überfall der Hamas auf Israel vor elf Monaten musste Stapi von Graffenried diplomatisch heikle Entscheide fällen – etwa wann und ob die Farben Israels in der Stadt als offizielle Solidaritätsgeste gezeigt werden. Internationale Vernetzung im Stapi-Amt wird zwar in Bern gerne kritisiert, besonders, wenn sie mit Flugreisen verbunden ist. Aber es gehört in der Hauptstadt dazu, als Stapi der Provinzialität entgegenzutreten.
7. Street Credibility
Arroganz ist das Letzte, was man sich als Stapi leisten kann – und doch ist der Vorwurf gleich um die Ecke. Im Unterschied zu anderen Ebenen der Politik – dem Bundesrat etwa, aber auch der Kantonsregierung – spielt sich das Stapi-Leben nicht in einer abgeschotteten Blase ab. Berns Stapi verantwortet zwar mit seiner Regierung einen Jahresumsatz von 1,3 Milliarden Franken, ist aber ständig dem Urteil des Volks ausgesetzt.
Bern ist klein. Man kennt Herkunft und Jugendsünden. Dem oder der Stapi begegnet man auf dem Samstagsmärit, in der Aare, am YB-Match, am Gurten-Festival, auf dem Velo. Mal nicht freundlich grüssen, und schon heisst es: Elitär! Ein abgehobener, zurückgezogener Lebensstil würde kritisiert. Gleichzeitig können unbedachte Äusserungen in einem feuchtfröhlichen Moment einen tagelangen Shitstorm auslösen. Der Grat zwischen anbiedernder Volksnähe und authentischer Street Credibility ist schmal, aber ohne letztere kommt man als Stapi nicht weit.
8. Resilienz
«Ich bin eine Zielscheibe», sagte Alexander Tschäppät (SP), der 2018 verstorbene Vorgänger von Alec von Graffenried, einst, als er heftig kritisiert wurde. «Es wäre himmeltraurig, wenn mich Kritik nicht persönlich treffen würde. An dem Tag, an dem es mir egal ist, was die Leute über mich denken, muss ich sofort abtreten.» Als Stapi der Hauptstadt ist man mehrfach exponiert, das kennt auch Alec von Graffenried: «Wenn der Père jeden Tag in der Zeitung kommt, kann das für die Familie zur Zumutung werden.»
Die normale Kritik von der politischen Gegenseite oder aus den Lokalmedien gehört zum Grundrauschen. Weil in Bern das Bundeshaus steht, kann man aber auch unversehens in heftige nationale Kritikgewitter geraten – etwa, wenn Demonstrationen aus dem Ruder laufen. Und mehr als in jedem anderen Amt ist der*die Stapi dieser Steigerungsform des Bösen ausgesetzt: Freund*in, Feind*in, Parteifreund*in. Für all das braucht es eine dicke Haut und eine gehörige Portion Gelassenheit.
9. Motivationsfähigkeit
Ein*e Stadtpräsident*in muss aber nicht nur aushalten und verwalten. Er oder sie kann auch gestalten. Wenn man als Stapi fähig ist, Regierungskolleg*innen und Menschen in Verwaltung, Wirtschaft und Partnerorganisationen für Projekte zu begeistern, kann man trotz beschränkter Machtfülle sehr viel für eine positive Stadtentwicklung bewirken.
10. Belastbarkeit
«Stadtpräsident ist kein Amt, sondern ein Leben», sagte Alec von Graffenried 2018 zwei Jahre nach seiner Wahl in einem Interview. Die frühere Direktorin des Städteverbands, Renate Amstutz, die mit vielen Stadtpräsident*innen in Kontakt war, hielt ebenfalls in einem Interview fest: «Man muss in dieser Funktion akzeptieren, eine öffentliche Person zu sein, und zwar siebenmal 24 Stunden die Woche.» Die wichtigste Kompetenz ist nicht, einfach bereit zu sein, diese Belastung auszuhalten. Sondern rechtzeitig zu erkennen, wenn es zu viel ist.
Der Lohn
Dafür, diese Kompetenzen der Stadt Bern zu Verfügung zu stellen, erhält der*die Stapi ein gutes Einkommen. 2004 entschied die Stadtberner Stimmbevölkerung, den Jahreslohn für Gemeinderatsmitglieder (inklusive Stapi) auf 200’000 Franken zu deckeln. Inzwischen ist dieser Betrag wegen der Teuerung auf 235’093 Franken gestiegen, wie die Medienstelle der Stadt bestätigt. Hinzu kommt für das Stadtpräsidium eine pauschale Spesenentschädigung von 16’000 Franken pro Jahr.
Die Anstellung im Stadtpräsidium ist befristet auf vorerst vier Jahre. Dann folgen Neuwahlen.
Welche Kandidierenden die besten Kompetenzen für das Stapi-Amt haben, entscheiden die Stimmberechtigten am 24. November. Die «Hauptstadt» will auch nach dem Stapi-Talk vom Dienstag weitere Entscheidungshilfen bieten und die Kandidat*innen im Wahlkampf beobachten.