Wabern Spezial

Sternegucken auf dem Gurten

Auf dem Gurten steht eines der grössten Teleskope der Schweiz. Es hat eine weite Reise hinter sich und regt zu tiefen Gedanken an.

Astroabend bei der Sternwarte auf dem Gurten fotografiert in Bern am 12.08.2023. (Hauptstadt / Jana Leu)
Jeden Dienstag können Besucher*innen mit Teleskopen in den Himmel gucken. (Bild: Jana Leu)

Die Sternwarte habe sie sich grösser vorgestellt, raunt eine Besucherin. Sie ist an einem Samstag im August auf den Gurten gefahren, um durch Teleskope in den Himmel zu blicken.

Das igluförmige Hüttchen steht etwas oberhalb der Gurtenbahn und gleicht in seinen Dimensionen den Saunajurten, die im Winter jeweils im Lorrainebad stehen.

Doch wenn seine zwei Kuppelhälften auseinanderfahren und sein Inneres preisgeben, weicht die Enttäuschung einem Staunen. Da steht ein stämmiges Teleskop.

Astroabend bei der Sternwarte auf dem Gurten fotografiert in Bern am 12.08.2023. (Hauptstadt / Jana Leu)
Eine 500-fache Vergrösserung von Sternen ist möglich mit diesem Teleskop. (Bild: Jana Leu)

«Es ist ein Ritchey-Chrétien-Teleskop mit einem 60 Zentimeter grossen Hauptspiegel und 5 Metern Brennweite», präzisiert der Physiker Jos Kohn. «Eines der grössten Teleskope in der Schweiz.» Wer durch das Teleskop schaut, kann Objekte wie Planeten oder Sterne mit bis zu 500-facher Vergrösserung betrachten.

Vom Monte Generoso auf den Gurten

Seit acht Jahren organisiert Jos Kohn Sterne-Beobachtungsabende auf dem Gurten. Während seines Doktoratsstudiums suchte er Orte, die gut zugänglich sind mit dem ÖV und gleichzeitig dunkel genug, damit das menschliche Auge Sterne und Planeten erkennen kann. Der Gurten erfüllt beide Kriterien.

Anfangs schleppte Kohn einzig eigene, mobile Teleskope auf den Gurten für die Beobachtungsabende. Seit eineinhalb Jahren steht auf dem Gurten zusätzlich ein Observatorium. Zuvor stand es ein Vierteljahrhundert lang auf dem Monte Generoso oberhalb von Mendrisio. Als das Hotel dort geschlossen wurde, schwand das Interesse der Besucher*innen. Denn die letzte Talfahrt der Zahnradbahn ist vor dem Eindunkeln.

Astroabend bei der Sternwarte auf dem Gurten fotografiert in Bern am 12.08.2023. (Hauptstadt / Jana Leu)
Wenn er an den Himmel blickt, relativieren sich für Jos Kohn seine alltäglichen Probleme. (Bild: Jana Leu)

Sowohl der Gurtenpark als auch der Monte Generoso werden vom Migros Kulturprozent unterstützt. Da war es naheliegend, die Sternwarte nach Bern zu zügeln. Sie wurde in ihre Einzelteile zerlegt, mit einem Helikopter ins Tal geflogen, von dort mit Lastwagen nach Bern gefahren und auf dem Gurten neu aufgebaut.

Die Sonne hat ihr halbes Leben durch

Jeden Dienstag können Besucher*innen unter Anleitung von Jos Kohn oder seinen Mitarbeiter*innen in den Himmel gucken. Das Angebot ist beliebt: Bis Ende Jahr sind fast alle Daten ausgebucht. Bei speziellen Phänomenen finden zusätzliche, grössere Anlässe statt. So auch während des Besuchs der «Hauptstadt», der zur Zeit der Sternschnuppennächte der Perseiden stattfindet.

Rund 80 Personen nehmen an diesem Abend teil. Vor dem Eindunkeln erhalten sie eine Einführung in die Astronomie – und werden an die Endlichkeit des Lebens erinnert.

Fahne hängen - Villa Bernau - Wabern
© Danielle Liniger
Die «Hauptstadt» in Wabern

Vom 21. bis zum 25.8. arbeitet die «Hauptstadt»-Redaktion in den Räumen der Villa Bernau in Wabern. Journalistisch legen wir in dieser Woche einen Schwerpunkt auf Menschen und Entwicklungen in Wabern. Die Villa Bernau ist öffentlich zugänglich, wir freuen uns über Besuch. Wir veranstalten zudem einen Kulturevent für «Hauptstädter*innen» und solche, die es werden wollen: Am Mittwoch, 23.8., ab 18 Uhr, tritt Moët Liechti, die amtierende Schweizermeisterin in Slam Poetry, in der Villa Bernau auf. Und: Einen Apéro gibt es auch.

Sie erfahren, dass die Sonne bereits die Hälfte ihrer Lebensdauer hinter sich hat. In rund 4,5 Milliarden Jahren wird ein Grossteil des Wasserstoffvorrats der Sonne in Helium umgewandelt sein. Die Sonne bläht sich auf, verschluckt Merkur und Venus und zerstört alles Leben auf der Erde.

Auch Wissenschaftler Kohn neigt zum Philosophieren, wenn er an den Himmel blickt: «Das gibt mir ein Gefühl der Ruhe und relativiert die alltäglichen Probleme.»

«Nur ein langweiliger Stern»

Das Buffet der Himmelsphänomene auf dem Gurten ist reichhaltig: Je nach Jahreszeit und Wetterverhältnissen lassen sich Planeten, Sterne, Kugelsternhaufen, Planetarische Nebel, die Milchstrasse und Nachbargalaxien erblicken. Wobei – die Dimensionen sind so riesig, dass der Himmel von fast allen Orten der Schweiz aus gleich aussieht. Aber auf dem Gurten stimmen die Lichtverhältnisse, insbesondere Richtung Süden, der von der Stadt abgewandten Seite.

Astroabend bei der Sternwarte auf dem Gurten fotografiert in Bern am 12.08.2023. (Hauptstadt / Jana Leu)
Der Sternenhimmel über dem Gurten. Die Stadt ist weit weg. (Bild: Jana Leu)

Zu Beginn der Perseiden-Nacht verdecken Wolken den Himmel. Die Physiker*innen schrauben lange an den Teleskopen, bis sie den Besucher*innen etwas Interessantes zeigen können. Sei es «nur ein langweiliger Stern», wie die Fachleute meinen – immerhin ein weiss-bläulich leuchtender Punkt.

Gegen elf Uhr haben sich die meisten Wolken verzogen. Freie Sicht auf den Himmel. Und unzählige Sterne, die auch von blossem Auge erkennbar sind. Dann kommen sie, die Sternschnuppen. Begleitet von «Oohs» und «Aahs» der Besucher*innen. Wem der Kopf zu schwer wird, legt sich auf den Boden. Die Stadt ist weit weg.

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