Der Musterschüler
«Hauptstadt»-Wahl-Check: GLP-Regierungsratskandidat Tobias Vögeli (30) bringt vieles mit, was ein Regierungsrat braucht: Seine geringe Bekanntheit und die im Wahlkampf allein agierende GLP erschweren ihm einen Erfolg.
Tobias Vögeli weiss ziemlich genau, für was für ein Amt er sich bewirbt. Seine kaufmännische Lehre absolvierte er einst in der Polizei- und Militärdirektion, die damals von Hans-Jürg Käser (FDP) geleitet wurde. In seinem letzten Ausbildungsjahr arbeitete Vögeli sogar als dessen Assistent. Nun möchte er wieder ins Regierungsgebäude – allerdings diesmal auf den Chefposten.
Vögeli bringt vieles mit und tut auch einiges, um als perfekter Regierungsratskandidat zu erscheinen. So absolvierte er kürzlich extra einen zweimonatigen Sprachaufenthalt in Montpellier, um sein Französisch aufzupolieren. Der Jurist wirkt bei seinen Auftritten rund um die Regierungsratswahl meist gut vorbereitet, sattelfest und wortgewandt.
Partei: GLP
Alter: 30
Wohnort: Stadt Bern
Zivilstand: ledig
Interessenbindungen: Vorstand Kornhausforum, Vorstand Interessengemeinschaft Sozialpsychiatrie (igs), Bern
Sich mit Worten durchzusetzen, hat der 30-Jährige früh gelernt: Er ist in Frauenkappelen als Jüngster von neun Geschwistern aufgewachsen. Während seine Mutter noch Mitglied der konservativ-christlichen EDU war, fand er über Smartvote seinen Weg zu den Grünliberalen – die Auswertung empfahl ihm den Eintritt in diese Partei.
Danach folgte ein musterhafter politischer Aufstieg: Von 2018 bis 2023 war er Gemeinderat in Frauenkappelen, mehrere Jahre präsidierte er die Jungpartei der Grünliberalen, und seit 2022 sitzt er im Grossen Rat. Nun möchte er am 29. März in den Regierungsrat gewählt werden, was für ihn ein schwieriges Unterfangen ist.
Sein Manko ist seine Partei. Die GLP tritt ohne Partnerinnen bei den Regierungsratswahlen an; die zwei grossen Blöcke – Bürgerliche und Rot-Grün – haben gemeinsame Tickets gebildet, die GLP hingegen bleibt aussen vor. Die Partei hatte vergeblich versucht, mit der Mitte ein Bündnis einzugehen. Bei den Nationalratswahlen 2023 kam die GLP im Kanton auf einen Wähler*innenanteil von 10,5 Prozent. Die Grösse der GLP reicht nicht, um ohne Bündnispartner einen Sitz in der Regierung zu holen.
Darum hofft man nun parteiintern, Vögeli werde von Wähler*innen beider Lagern auf die verbleibenden freien Listenplätze gesetzt. Doch das ist eher Wunschdenken. Vor vier Jahren blieb GLP-Regierungsratskandidat Casimir von Arx sogar hinter der EVP-Kandidatin Christine Grogg zurück.
Was muss eine Person können, um gut zu regieren? Die «Hauptstadt» hat anlässlich der Regierungsratswahlen zehn Schlüsselkompetenzen definiert. Diese Anforderungen würden in einem Job-Inserat aufgeführt, wenn es denn eine Stellenausschreibung für dieses Amt gäbe. Die genaue Definition und Erklärung zu diesen Kompetenzen kannst du hier nachlesen.
Was davon erfüllt GLP-Kandidat Tobias Vögeli?
Bringt mit: Nähe zum Parlament, Belastbarkeit, schnelle Auffassungsgabe, Geselligkeit, Sprachen, Wille zur Veränderung
Daran haperts: Ausstrahlung
Unklar: Gutes Gefühl für Menschen,Taktisches Geschick, Bereitschaft, hinzustehen
Gegner*innen werfen Vögeli sein junges Alter und seine geringe Bekanntheit im ländlichen Raum vor. Der GLP-Kandidat hält da jeweils entgegen, dass auch Emmanuel Macron unter 40 zum französischen Minister gewählt wurde und Sebastian Kurz mit 27 Jahren Aussenminister Österreichs war. Und dass durchmischte Teams besser arbeiten würden.
Drei Themen liegen dem heute in der Stadt Bern wohnhaften Kandidaten besonders am Herzen: die Gesundheits-, die Wirtschafts- und die Klimapolitik. So setzte er sich in Vorstössen für die Erhöhung der Studienplätze im Medizinstudium ein und sorgte sich um radioaktive Abfälle im Kanton.
Ideologisch festlegen lässt er sich selten. So hat er etwa im Grossen Rat 2024 einen Vorstoss zur Einführung einer Erbschafts- und Schenkungssteuer eingereicht, ein typisch linkes Anliegen. Vögeli fand jedoch auch Parlamentarierinnen aus der FDP und Mitte, die seinen Vorstoss mitunterzeichneten. Weil Mitte und FDP im Rat bei der Abstimmung die Steuer mehrheitlich ablehnten, fand der Vorstoss keine Mehrheit.
Dass er nun einen Vorstoss mitunterzeichnete, der die Abschaffung eben jener Steuer für Konkubinatspaare fordert, klingt widersprüchlich. Vögeli sieht das anders: In beiden Fällen gehe es ihm um Ungerechtigkeiten, die er abschaffen will.
Am 29. März wählen die Stimmberechtigten des Kantons Bern den siebenköpfigen Regierungsrat und den 160-köpfigen Grossen Rat für die nächste vierjährige Legislatur. Für die Regierung kandidieren 16 Personen, ernsthafte Chancen auf eine Wahl haben die zehn Personen aus den grössten Parteien. Das sind die Bisherigen Pierre Alain Schnegg (SVP), Philippe Müller (FDP), Astrid Bärtschi (Mitte) und Evi Allemann (SP) sowie die neu kandidierenden Daniel Bichsel (SVP), Raphael Lanz (SVP), Aline Trede (Grüne), Reto Müller (SP), Hervé Gullotti (SP) sowie Tobias Vögeli (GLP).
Die «Hauptstadt» schätzt in den kommenden Wochen jede*n dieser Kandidat*innen aufgrund des von der «Hauptstadt»-Redaktion recherchierten Stellenprofils ein. Bereits erschienen ist das Porträt von Pierre Alain Schnegg.
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