Was ein Haufen Reis mit Arbeit zu tun hat
Warum wir arbeiten, was Arbeit mit uns macht und wer für unser Wohlergehen arbeitet, zeigt die Ausstellung «Arbeit» im neuen Museum des Kapitalismus am Eigerplatz.
Arbeiten heisst auf französisch «travailler». Das Wort kommt vom altfranzösischen Wort travaillier: sich selbst Leid bereiten. Arbeit, das erfährt man gleich zu Beginn der Ausstellung «Arbeit» im temporären Museum des Kapitalismus, bedeutet in verschiedenen Sprachen meist etwas Ähnliches: Leid, Schmerz, Mühe.
Arbeit betrifft uns alle
In den Tagen vor der Museumseröffnung wird auch gearbeitet. Es hämmert durch das Gebäude der Zwischennutzung «Dazwischen», wo auch die «Hauptstadt» ihren Sitz hat. Das Kultur- und Polit-Kollektiv baut die letzten Ausstellungssockel für ihr Museum zusammen. Es steckt viel Arbeit in dieser Ausstellung ‒ unbezahlte.
«In den letzten zwei Jahren haben wir wirklich sehr viele Arbeitsstunden investiert, viel gelesen, diskutiert und geschrieben», sagt Mitkuratorin Lena Joos. Inspiriert ist die Ausstellung von einem Museum in Berlin, das ebenfalls «Museum des Kapitalismus» heisst. Bereits vor vier Jahren errichtete das Polit-Kollektiv aus Bern auf der Schützenmatte ein «Museum des Kapitalismus» und konzipierte eine Ausstellung zu Kapitalismus im Allgemeinen.
In der aktuellen Ausstellung geht es nun um Arbeit, das linke Urthema. Die Ausstellung illustriert nebst der fundamentalen Kapitalismuskritik auch Ungleichheiten innerhalb der arbeitenden Bevölkerung. Wer leistet vorwiegend unsichtbare und unbezahlte Arbeit? In welchen Ländern werden unsere Smartphones, Laptops, Jeans hergestellt? Und warum gerät das so oft in Vergessenheit?
«Wir möchten Kapitalismuskritik auf eine interaktive Weise vermitteln», sagt Joos, «und mit der Ausstellung die Besucher*innen mit dem Thema Arbeit auf neue und ungewohnte Weise in Berührung bringen». Zum Thema Arbeit hätten alle einen Bezug.
Am Eröffnungsabend sind denn auch etwa 60 Leute vor Ort, für mehr hätten die eher kleinen Räumlichkeiten auch nicht Platz geboten.
Ungleiches Vermögen, ungleiche Ausbeutung
Ein animiertes Video erklärt, weshalb Menschen so viel oder überhaupt arbeiten. Es ist die Grundlage einer kapitalistischen Gesellschaft: Menschen arbeiten, damit sie wohnen, essen, sich kleiden können – und damit andere Menschen sich an ihrer Arbeit bereichern können.
Als Verdeutlichung der unfairen Vermögensverteilung dient in der Ausstellung eine Plexiglasscheibe mit einem Vorhang davor. Daneben ein aufgeklebtes Reiskörnchen, es stellt den Wert von 100’000 US-Dollar dar. Der Reishaufen hinter dem Vorhang veranschaulicht das Vermögen von Tech-Unternehmer Elon Musk. Ein simples Bild. Aber auch wer bereits weiss, dass Musk der reichste Mensch der Welt ist, wird noch beeindruckt sein von der Grösse des Haufens.
Auch die Arbeit im globalen Süden und Formen von moderner Sklaverei werden in der Ausstellung zum Thema. Mehr Menschen seien heute versklavt als jemals zuvor, heisst es etwa.
Menschen und ihre Arbeit
Die Ausstellung löst Unbehagen aus und schafft es gleichzeitig, eine Verbindung von der eigenen Erfahrung zur Lebensrealität anderer Menschen zu schlagen. Die Vielfältigkeit der Themen führt aber dazu, dass die einzelnen Schwerpunkte etwas zu kurz kommen.
Im Museum gibt es Audio- und Videoaufnahmen, interaktive Spiele und Ausstellungsobjekte zum Anfassen, was die ansonsten textlastige Ausstellung abwechslungsreicher macht.
Auch wer kein linker Polit-Nerd ist, wird mit der Ausstellung etwas anfangen können. Sie solle Diskussionen anregen, schreiben die Kurator*innen. Und vor allem erzählt die Ausstellung Geschichten von Menschen, ohne diese zu werten. Ein bisschen weniger arbeiten wäre schön, sagt etwa eine Stimme in einer Audio-Aufnahme. Eine andere Person erzählt, sie arbeite gerne mit den Händen, das mache sie glücklicher als ein Studium.
Das sei für sie eine wichtige Erkenntnis gewesen, meint Joos: «Aus einer linken Perspektive ist der Arbeitsbegriff häufig negativ konnotiert und das auch zurecht. Für einige Menschen hat Arbeit aber auch positive Aspekte, weil sie ihnen Struktur gibt oder vielleicht auch die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung.» Die Menschen würden auch jenseits des Kapitalismus noch Tätigkeiten verrichten, die sie als notwendig oder sinnvoll erachteten, findet Joos. Im Museum werden daher auch Gedanken über eine andere Aufteilung von Arbeit gemacht. Denn zur Kritik gehört eben auch die Utopie.
Wer wissen will, wie Arbeit anders organisiert sein könnte, warum die Uber-Eats-Kurier*innen nicht wirklich selbstständig erwerbend sind und wie viele Menschen auf der Welt ohne Waschmaschinen waschen, wird im «Museum des Kapitalismus» fündig. Und wer aus all diesen Gründen findet, dass der Kapitalismus ins Museum gehört, auch.
Das Museum hat noch bis am 17.11 seine Tore geöffnet. Kommende Veranstaltungen:
Platz für Sorge schaffen: Am 2. November hält Gabriele Winker einen Vortrag im Museum des Kapitalismus zum Thema Care-Arbeit.
Am 19. November zeigt das Museum den Film Overseas: In dem Dokumentarfilm geht es um die Lebensrealität von philippinischen Frauen, die ihre Familien verlassen, um im Ausland als Hausangestellte zu arbeiten.