Strassenkunst – «Hauptstadt»-Brief #203
Donnerstag, 10. August 2023 - die Themen: Buskers, Polizeigewalt, Schulbeginn, Marlen Reusser, Kantonalbank-Gewinn, Nationalratswahlen, Nachtleben.
«Überwältigt» waren die Schwestern Lisette und Christine Wyss Anfang August 2004. Das erste Berner Buskers-Festival endete als überraschender Publikumserfolg. Man hatte dem vermeintlich trägen Berner Publikum nicht zugetraut, sich für Kultur auf die Gasse zu begeben. Doch die Menschen liessen sich bewegen. Und die beiden Schwestern, die das dreitägige Strassenkunst-Festival mit einem Budget von 150’000 Franken organisiert hatten, fanden nun, «dass man es nächstes Jahr fast wiederholen muss».
Heute Abend um 18 Uhr startet das Festival mit Leiterin Christine Wyss zur 20-Jahr-Jubiläumsausgabe. 950’000 Franken beträgt das Budget, erwartet werden 60’000 Besucher*innen, die sich 42 Acts reinziehen können. Längst vorbei sind die Zeiten, als man sich als Besucher*in durch die Gassen treiben liess und unversehens an eine krasse Band geriet, die unter einem Laubenbogen irrwitzig performte. Heute studiert man besser das Programmheft und geht eine halbe Stunde zu früh an den Auftrittsort. So wahrt man sich die Chance, im Gedränge wenigstens einen Blick auf die Künstler*innen zu erhaschen.
Mag sein, dass der Wachstumsschub dem Buskers Charme genommen hat. Wäre man allerdings zufällig in Bern in den Ferien, würde man heimreisen in seine müde Heimatstadt und sich dieses pralle Leben auf der Strasse herbeisehnen. So wie damals, als unsereins sich die Stimmung aus dem Strassenkunstmekka Avignon nach Bern wünschte.
Ohnehin, finde ich, bemisst sich der Wert des Buskers für Bern nicht nur am Event an sich. 2004 war es in Bern ziemlich still. Die einstige Sommerferien-Kulturreihe war eingegangen, weil die Stadt so heftig sparen musste, dass nicht einmal mehr 40’000 Franken für den «Altstadtsommer» drinlagen.
Der Jammer-Stimmung stellten die Wyss-Schwestern ihren Unternehmerinnengeist entgegen. Zu einem Zeitpunkt, als noch niemand die mächtige Mediterranisierungswelle kommen sah, die heute die Bespielung des Aussenraums so weit gedeihen liess, dass mitunter Überangebote und Überbeschallung beklagt werden.
Wenn ich 20 Jahre zurückblicke, ist es mir lieber, Bern diskutiert über zu viel Leben als über zu wenig. Was man gerne vergisst: Dafür, dass sich eine Stadt bewegt, braucht es immer Menschen, die als Erste etwas wagen.
Und das möchte ich dir in den Tag mitgeben:
Polizeieinsatz: Kurz vor Weihnachten 2022 machte die «Hauptstadt» einen Vorfall auf der Schützenmatte publik, bei dem ein Polizist gewaltsam gegen einen Schwarzen Mann vorging. Nach einer internen Untersuchung kam die Kapo später zum Schluss, bei dem Einsatz sein nichts Widerrechtliches passiert. Nun bringt meine Kollegin Jana Schmid neue Details ans Licht: Ein Augenzeuge des Vorfalls hat mehr Gewalt beobachtet als bisher bekannt war. Der Zeuge schilderte seine Beobachtungen zwar der Polizei. Ob und wie sie in die interne Untersuchungen einflossen, will die Polizei jedoch nicht offenlegen.
Lehrer*innen: Am Montag starten 111’400 Schüler*innen im Kanton Bern ins neue Schuljahr. Momentan sind in den Klassen noch rund 30 unbefristete Stellen nicht besetzt, ungefähr 2500 Personen unterrichten ohne Diplom. An einer Medienkonferenz präsentierte gestern die kantonale Erziehungsdirektorin Christine Häsler (Grüne) Massnahmen, wie man dem Lehrpersonenmangel begegnen will. Allen voran sollen Klassenlehrer*innen gestärkt werden. Sie sollen eine Lohnerhöhung in Form einer Anstellungserhöhung von fünf Prozent und einer monatlichen Funktionszulage erhalten. Häsler hofft, diese Massnahme, die jährlich einen «Millionenbetrag» kosten würde, auf August 2024 einführen zu können. In einem späteren Schritt sollen auch die Anstellungsprozente der Schulleitungen erhöht werden.
Velorennen: Die Berner Profi-Radrennfahrerin Marlen Reusser erlebt eine Intensivwoche. Am Dienstag gewann sie mit ihren fünf Kolleg*innen an den Weltmeisterschaften in Glasgow die Goldmedaille im Mixed-Teamzeitfahren. Heute Donnerstag Nachmittag startet sie zum Einzelzeitfahren – als Mitfavoritin, genau wie kommenden Sonntag im klassischen Strassenrennen, von dem sie selber sagt: «Ich wüsste nicht, welch besseren Parcours ich mir wünschen könnte.
Bankengewinn: Die gestern präsentierten Halbjahreszahlen der Berner Kantonalbank (BEKB) weisen eine deutliche Gewinnsteigerung aus. CEO Armin Brun ist laut Mitteilung zuversichtlich, bis Ende 2023 «im Vergleich zum Vorjahr ein besseres Ergebnis zu erwirtschaften». Bereits 2022 hatte die BEKB ihre Profitabilität erheblich verbessert und einen Gewinn von 155 Millionen Franken erzielt. In einer ausführlichen Analyse nahm die «Hauptstadt» damals die hohe Gewinnmarge der BEKB kritisch unter die Lupe. Und warf die Frage auf, wie sinnvoll es ist, dass die BEKB sich darauf konzentriert, steigende Dividendenerträge für den Kanton zu erwirtschaften anstatt ihre Kund*innen am Gewinn teilhaben zu lassen. Die Frage bleibt hochaktuell.
Nationalratswahlen: Seit zwei Tagen sind die Namen der 776 Kandidat*innen bekannt, die sich an den Wahlen vom 22. Oktober um einen der 24 Berner Nationalratssitze bewerben. Interessant an den von den Parteien eingereichten Listen ist ein neueres Phänomen, wie meine Kollegin Marina Bolzli berichtet: GLP, Mitte und EVP haben ihre Hauptliste um mehrere Unterlisten ergänzt, um zusätzliche Wähler*innensegmente zu erschliessen.
PS: Bern brummt an diesem Wochenende vor Events. Willst du dich inspirieren lassen, ohne dich im Angebot zu verlieren, klicke das Bärner Nachtläbe von «Hauptstadt» und Bewegungsmelder an. Übersicht entspannt. Und wenn du in Agendastimmung bist: Vom 21. bis 25. August verlegt die «Hauptstadt» die Redaktion nach Wabern in die Villa Bernau. Am Mittwoch, 23. August, ab 18 Uhr gibt es daselbst Apéro und Wortakrobatik mit Slam-Poetin Moët Liechti. Du bist herzlich willkommen.