Der perfekte Plan einer Flucht aus der DDR
Mit «Fluchtnovelle» legt Thomas Strässle, Professor an der Universität Zürich und Leiter des Y-Instituts an der HKB, seine erste literarische Publikation vor. Darin erzählt er den Beginn der Liebesgeschichte seiner Eltern.
Vier Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer plante Thomas Strässle als junger Student, die Geschichte seiner Eltern niederzuschreiben: Die Flucht seiner Mutter aus der DDR, minutiös geplant vom Vater. Ein 1975 aufgezeichnetes Gespräch mit dem Schriftsteller Hermann Burger, der sich des Stoffes erzählerisch annehmen wollte, bildete den Anfang einer akribischen Recherche. Burger konnte sein Vorhaben nicht realisieren. Er schied 1989 aus dem Leben.
Nun ist das Buch unter dem Titel «Fluchtnovelle» erschienen. Thomas Strässle ist kein Student mehr, er leitet an der Hochschule der Künste Bern (HKB) das Y-Institut, an der Universität Zürich ist er Professor für Neuere deutsche Literatur und vergleichende Literaturwissenschaft, zudem ist er Literaturkritiker im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens.
Kennengelernt hatten sich Strässles Eltern in Erfurt. Dort trafen Zürcher Student*innen im «Haus der roten Armee» zufällig auf Kunststudierende aus der DDR. Strässles Vater, ein junger Schweizer Germanistikstudent, wollte den Kontakt «zu den jungen Leuten aus der DDR» halten, wobei ihm eine Kunststudentin aus Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) besonders gut gefiel. Anstatt wie geplant in Göttingen zu studieren, entschied er sich für ein Studium in West-Berlin. Zudem liess er sich an der Humboldt-Universtiät akkreditieren, um sich problemlos in der DDR bewegen zu können. In Ostberlin traf er die Kunststudentin wieder. Auf einem Spaziergang zu zweit «verirrten» sie sich – womit sich der Weg in eine gemeinsame Zukunft öffnete.
Keine Liebesschmonzette
Thomas Strässle ackerte sich durch den Paragrafendschungel der DDR, wo sowohl Flucht als auch geplante «Vorbereitete Nichtrückkehr» unter Strafe standen und das «Abwerben von Arbeitskräften» aus der DDR als «Boykott- und Kriegshetze» verstanden wurde. Die ersten Textfragmente verschwanden wieder in der Schublade, da Strässle als Student erzählerisch noch keine passende Form fand. Auch habe er eine Scheu gehabt, im Privatleben der Eltern rumzuwühlen, so Thomas Strässle im Gespräch mit der «Hauptstadt».
Mit seinen kulturtheoretischen Essays wie «Salz. Eine Literaturgeschichte», «Gelassenheit» oder «Fake und Fiktion», die beim breiten Publikum Anklang finden, hat er sich bereits aus dem streng akademischen Rahmen hinausbewegt. Mit der Novelle hat er nun endlich auch die Form gefunden, welche der Geschichte der Eltern gerecht wird. «Die Novelle ist schlank und schön. Sie entlastete mich davon, den Zustand des Sich-Verliebens zu beschreiben», denn das wollte er nicht, «eine Liebesschmonzette schreiben.»
Und natürlich sei er nervös gewesen, als Literaturkritiker eine «im weitesten Sinne literarische Publikation», wie er sich ausdrückt, zu veröffentlichen. Die Nervosität war unbegründet. Die Novelle stösst auf grosse Resonanz. In Bayern wird sie bereits als Schulstoff zur Behandlung der deutschen Teilung empfohlen. Und schliesslich macht die «Fluchtnovelle» die vom aktuellen Literaturbetrieb vernachlässigte Gattung selbst zum Thema, klanglich an die grossen Novellen der deutschen Literaturgeschichte erinnernd wie die «Traumnovelle» von Arthur Schnitzler (1925) oder die «Schachnovelle» von Stefan Zweig (1942). «Ich weiss, das ist eine Anmassung», sagt Strässle lachend. Im Frühjahr 2026 will er übrigens einen Essay über Selbstironie publizieren.
In der anderen Welt im Urlaub
Während andere Kinder in den Schulferien mit ihren Eltern in Italien oder Spanien am Strand lagen, fuhr Thomas Strässle mit seiner Familie nach Karl-Marx-Stadt, um die Grossmutter zu besuchen. Noch bevor er als Bub die Welt sprachlich habe fassen können, hätten sich ihm zwei Systeme offenbart, die unabhängig voneinander existierten und auf je unterschiedlichen Gesetzen beruhten. Ihm prägte sich früh das Bild der Schneise ein, die den dichten Wald in Deutschland in zwei Hälften schnitt: «Als wäre jemand mit einer riesigen Rasierklinge durch die Baumstämme gefahren, zog sich ein endloser kahler Streifen über die Hügel, breit und brutal. Er sah aus wie eine nicht verheilte Narbe in einem buschigen Fell.»
Und natürlich war da jener Kopf von Karl Marx in Karl-Marx-Stadt, der «Nischel», so der lokale Spitzname für das 13 Meter hohe Denkmal: «Wie nach einer Hinrichtung. Als ob ihn jemand aus dem Korb genommen und da hingepflanzt hätte…» Mit diesem Bild des Karl-Marx-Monuments beginnt die Novelle. Der «Kopf», negativ gedeutet als Symbol einer Kopfgeburt, die als Fundament einer politischen Ideologie Millionen von Menschenleben forderte und die zum Zeitpunkt der Handlung auch weiterhin Menschen ihrer Autonomie und Handlungsfähigkeit beraubte.
Gleichzeitig wird der Kopf in Strässles Schilderung zum Symbol einer Befreiung durch intellektuelle Überlegung: «Man konnte das System nicht unterlaufen, indem man von innen her gegen die Mauer anrannte, die es um sich zog und die zu sichern es jede erdenkliche Anstrengung unternahm.»
Das ist der Kerngedanke des Buches: Der 23-jährige Germanistikstudent richtet bei der Planung der Flucht sein Augenmerk auf die Einreise, nicht auf die Ausreise, entgegen der Logik des Systems, das Menschen gewaltsam daran hindert, das Land zu verlassen. Diese Erkenntnis gewinnt der Student beim Beobachten der Vorgänge am Flughafen Prag, wo eine «gewisse Lässigkeit herrschte – eine Lässigkeit ohne Nachlässigkeit.»
Der perfekte Plan
Der Student überzeugt seine Ex-Freundin in der Ostschweiz davon, einen neuen Schweizerpass mit dem Bild der neuen Freundin aus der DDR zu beantragen. Die beiden Frauen sehen sich entfernt ähnlich. Das Vorhaben gelingt, auch weil die Ex-Freundin mit dem Gemeindebeamten vertraut ist. Nun bleibt «nur» noch der Einreisestempel zu fälschen, um den Schein zu erwecken, dass die Freundin als Schweizer Touristin in die Tschechoslowakei einreist. Nach vielen Bastelstunden mit medizinischem Besteck und der professionellen Dienstleistung eines Stempelgeschäfts gelingt auch das.
Doch bei der Einreise am Prager Flughafen stellt der Verliebte entsetzt fest, dass die Farbe des Einreisestempels ausgewechselt wurde. Nach dem Schreckensmoment entwirft der Stratege einen neuen Plan, während die Geliebte mit dem Zug in Prag eintrifft – eine «Reiseanlage für den visafreien Reiseverkehr» für die Tschechoslowakei erhalten DDR-Bürger gegen das Vorweisen einer entsprechenden Einladung ohne Probleme.
Thomas Strässle rekapituliert bis ins Detail die Recherchen seines Vaters, angefangen mit den legalen, aber utopischen Möglichkeiten einer Heirat auf dem Schweizer Konsulat in Peking oder dem Freikauf der Geliebten mit Hilfe des DDR-Anwaltes Wolfgang Vogel.
Es sind die Überlegungen und Anstrengungen eines Hochbegabten gepaart mit der Abgebrühtheit eines Geheimagenten – oder eben, des schwer Verliebten, eines unbescholtenen jungen Mannes, der für sein Recht auf Glück kämpft und in einem Unrechtssystem Unrecht begeht. «Mein Vater war überzeugt von der Richtigkeit seines Handelns. Daher hat er keine Sekunde an seinem Vorhaben, seine Freundin in die Schweiz zu bringen, gezweifelt.»
Thomas Strässle ist es gelungen, sich in den Kopf seines damals 23-jährigen Vaters zu versetzen. «Genau so habe ich gedacht», habe ihm dieser nach der Lektüre bestätigt. Das sei das schönste Kompliment gewesen, das er für das Buch erhalten habe.
Auf die fragmentarischen Eindrücke der Planung und Vorbereitung, illustriert durch Originalgespräche, Wiedergaben von Paragrafen und persönlichen Erinnerungen des Autors, folgt die Schilderung des Momentes, der über gemeinsames Glück entscheidet oder die Mutter für Jahre hinter Gitter des berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck bringen könnte, zusammen mit Gewaltverbrecherinnen und Mörderinnen. Mehr als einmal droht das Paar aufzufliegen. Der Leserin stockt bis zuletzt der Atem.
Die präzise, reduzierte Sprache, die nichts hinzufügt, was nicht zur Handlung beiträgt, lässt hie und da eine wohldosierte Prise Humor zwischen den Zeilen durchflackern. Manchmal entsteht die Komik auch direkt aus der Handlung selbst, wenn etwa den schicksalshaften Flug nach Zürich eine Gruppe aus der DDR begleitet: Das Bach-Orchester des Gewandhauses zu Leipzig.
Auch entwirft Strässle fast schon surreal anmutende Atmosphären à la Christoph Marthaler, wie jene der Prager Bierhalle, wo Männer an Stehtischen mechanisch Bier trinken, jeder in seine eigene Gedankenwelt versunken.
Die Lektüre der schlanken «Fluchtnovelle» weckt den Wunsch weiterzulesen, nicht nur, um zu erfahren, wie es dem jungen Paar in der Schweiz ergeht, sondern auch um der schlichten Sprache willen, die in ihrer Dichte so manches Geheimnis zu komprimieren weiss.
Thomas Strässle: «Fluchtnovelle». Berlin: Suhrkamp, 2024.