Wer bin ich und wo komme ich her?
In Archiven graben, Dias durchforsten und Stammbäume digitalisieren: Die Suche nach den eigenen Wurzeln beschäftigt immer mehr Menschen – zum Beispiel an der Universitätsbibliothek Bern.
Das Hobby zum Beruf machen. Was häufig zur hohlen Phrase verkommt, trifft bei Isabelle Caruso voll ins Schwarze. Die Bibliothekarin der Universitätsbibliothek Bern beschäftigt sich seit der Jugend mit der Geschichte ihrer eigenen Familie. In Kursen gibt sie dieses Wissen weiter.
Carusos Vater ist aus Italien in die Schweiz eingewandert – mit 16 Jahren begann sie im Geschichtsunterricht damit, die Wurzeln der eigenen Familie zu erforschen. Heute, rund 20 Jahre später, ist aus dem anfänglichen Schulprojekt ein umfangreiches Privatarchiv gewachsen: Fotos, Dias, Pässe, Postkarten und Familienbücher schlummern in den Archivschachteln der Bernerin. Und dann ist da noch die digitale Sammlung, die sie aufgebaut hat: «Ich habe 13’000 Personen erfasst, zu denen eine Verwandtschaftsbeziehung besteht.» Eine Art soziales Netzwerk – nur für die erweiterte Verwandschaft.
Weil Italien für knapp ein Jahrhundert ein klassisches Auswanderungsland war, ist Carusos Hobby weltumspannend: «Meine Vorfahren lebten seit 1711 im selben Dorf. Von dort aus sind ihre Nachkommen unter anderem in die USA, nach Kanada oder Brasilien ausgewandert. Mit ihren Nachkommen tausche ich mich heute immer wieder aus.»
Caruso spricht leise und wählt die Worte bedächtig. Doch in ihren Augen blitzt die Leidenschaft auf, wenn sie von Stammbäumen, Archiven und digitalen Suchwerkzeugen erzählt, so wie andere vom letzten Surfurlaub auf Bali.
Elf Generationen auf einem Blatt
Die Bibliothekarin rollt eine Vorfahrentafel in den Raum der Universitätsbibliothek in der Münstergasse. Kreise und Linien bilden ein komplexes Geflecht: «Elf Generationen vor mir sind darauf zu sehen», sagt die Bibliothekarin. Geholfen habe ihr dabei die Software «Familienbande».
Die Tafel dient als Anschauungsobjekt für die Kursbesucher*innen zur Familiengeschichte. Seit Herbst 2020 bietet die Universitätsbibliothek diese Kurse an, fast immer sind sie ausgebucht.
Im November 2025 gehört Françoise Zingg aus der Nähe von Bern zu den Teilnehmer*innen. Die Frau im Pensionsalter hat vor sechs Jahren angefangen, ihre eigene Geschichte und die der Vorfahren aufzuschreiben. Dabei stand zunächst das Handwerkliche im Vordergrund: Sie besuchte zwei Schreibseminare beim Journalisten Peter Aeschlimann, um dereinst selbst Memoiren oder Autobiografien schreiben zu können.
Zingg treibt eine Frage um: «Wer bin ich – und wie bin ich zu der Person geworden, die ich heute bin?»
Das Leben der 71-Jährigen hat viele Wendungen genommen – der Stiefvater starb, als sie neun Jahre alt war, die Mutter erlag mit 50 Jahren den Folgen einer seltenen Demenzkrankheit. Da war Françoise Zingg noch nicht volljährig. Die ersten sechs Jahre wuchs Zingg bei der Grossmutter auf, zu der sie zeitlebens ein inniges Verhältnis hatte. «Ich bin stolz, was ich aus meinem Leben gemacht habe», sagt Zingg rückblickend.
Ein offizieller Stammbaum existierte nur bis zur Generation der Grosseltern, später sei er punktuell ergänzt worden, sagt Zingg. Einige Familienmitglieder pflegen eine Excel-Tabelle, auf die Verwandte Zugriff haben. Eine feste Aktualisierungslogik gebe es nicht – «jeder ändert etwas, wenn es beispielsweise eine Geburt oder einen Todesfall gibt», so Zingg.
Sie habe schnell gemerkt, dass sie «in Eigenregie» nicht weiterkomme und habe sich für den Workshop zur Genealogie, also der Familienforschung, angemeldet. Zwar habe der Kurs zu keinem «Aha-Moment» geführt, ihr dafür aber «einen Haufen Adressen» beschert. Diese möchte sie nun nutzen, um mehr über die Familie herauszufinden, angefangen bei der Grossmutter.
Das Puzzle zusammensetzen
Den «Haufen Adressen» zusammengestellt hat Chantal Wyssmüller. Sie ist wie Isabelle Caruso Bibliothekarin in der Universitätsbibliothek und leitet den Kurs zur Familienrecherche, der sich auf den Kanton Bern fokussiert.
«Wir vermitteln, wie man systematisch vorgeht», so Wyssmüller. Sie empfiehlt die Unterteilung in Phasen. Wenn man vorhandene Unterlagen daheim durchforstet habe und alle Verwandten befragt seien, gehe es darum, Namen, Geburtsdaten und – in der Schweiz besonders wichtig – die Heimatberechtigung aller bekannten Verwandten zu notieren.
Ist das erledigt und tun sich bereits erste Lücken im Stammbaum auf, ist es Zeit für die eigentliche Recherchephase:
Das Zivilstandsamt verfüge über Personendaten von 1875 bis heute. Ein echter Wissensschatz. Aus Datenschutzgründen darf das Amt laut Caruso und Wyssmüller aber nur zu verstorbenen Personen Auskunft geben. Die Expertinnen raten, anschliessend Kirchenbücher und Staatsarchive anzuzapfen. Wichtige Hinweise in diesem Detektivspiel zur Familiengeschichte böten ausserdem alte Adressbücher der Stadt Bern sowie hin und wieder das Bauinventar.
Und dann wäre da noch das «E-Newspapers Archive»: Es ist so etwas wie das digitalisierte Gedächtnis Schweizer Zeitungen.
Darüber gelang einer weiteren Kursteilnehmerin ein unerwarteter Fund: Sie tippte im November den Namen ihres Grossvaters in die Suchmaske ein, zu dem sie bislang nur wenig gewusst hatte.
Artikel bringt Klarheit über Grossvater
Das Zeitungsarchiv spuckte prompt einen Artikel über einen verunfallten Dachdeckermeister aus: Ihr Grossvater. «Er ist in Interlaken vom Schlossdach gefallen», weiss die Kursteilnehmerin, die ihren Namen im Artikel nicht nennen möchte, unterdessen. Auch sie hat wie Françoise Zingg im Pensionsalter damit angefangen, in die Familiengeschichte abzutauchen. Und wie bei Zingg war auch für sie die Grossmutter, die mit der Familie aufwuchs, ein entscheidender Ausgangspunkt für die Suche. «Die Grossmutter war immer da, ohne dass ich wirklich mit ihr gesprochen habe. Ich habe das Gefühl, sie kam zu kurz», sagt die Familienforscherin rückblickend.
Die Familienforschung, auch Genealogie genannt, hat die ehemalige Sozialarbeiterin in einen neuen Lebensabschnitt begleitet. «Die Kinder sind erwachsen und die Arbeit liegt hinter mir. Ich kann loslassen», sagt sie. Heute sieht sie sich in einer Brückenfunktion: «Ich bin bald die Letzte in der Familie, die noch mit der Generation der Grosseltern gesprochen hat. Ich möchte, dass dieses Wissen nicht verloren geht.»
Stammbaum als Orientierungshilfe
Zunächst hat sie ein Buch über die Familie des Vaters geschrieben, der aus der Schweiz nach Argentinien auswanderte. Sie wurde geboren, als der Vater bereits wieder in der Schweiz lebte. Es blieben aber Fragen offen. Zum Beispiel beim Stammbaum, den sie von Hand gezeichnet hat und jetzt – im Nachgang des Kurses – vervollständigen und digitalisieren möchte. Ausserdem will sie über die Familie mütterlicherseits schreiben.
Es wartet also noch Arbeit auf die 73-Jährige. Eine Erkenntnis nimmt sie bereits mit auf ihre weitere Recherche: Es braucht nicht nur Geduld und Hartnäckigkeit, sondern auch ein gutes Sitzfleisch. «Der Rücken würde sich freuen, wenn ich mir bald einen richtigen Bürostuhl anschaffe», scherzt sie.
«Heute heisst es schnell mal: Jetzt rufen wir die Feuerwehr!»
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