Stadtlandwirtschaft

Bümpliz als Gemüsegarten

Würden die Rasenflächen zwischen Häusern konsequent als Gärten genutzt, könnten sich allein in Bümpliz 15’000 Menschen teilweise selbst versorgen. Doch die faszinierende Vision moderner Stadtlandwirtschaft, die Stadtgrün Bern entwickeln liess, stösst auf Hindernisse.

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Leben, arbeiten, ernten, chillen: Das Familiengartenareal Ladenwandgut in voller Pracht. (Bild: Danielle Liniger)

Wer einen Eindruck gewinnen möchte, was Gärtnern in der gentrifizierten, immer dichter bebauten Stadt bedeuten kann, spaziert am Ladenwandgut gleich hinter dem Europaplatz Richtung Stöckacker vorbei. Über den dicht bepflanzten, je nach Jahreszeit eindrücklich wuchernden 120 Parzellen steigt an Wochenenden und Sommerabenden konstant Grillrauch in den Himmel. Es wird viel gearbeitet, aber auch ausgiebig gechillt. 

Menschen aus über 100 Nationen gärtnern im Landwandgut laut einer Umfrage der Verwaltungsabteilung Stadtgrün Bern. Viele Familiengärtner*innen leben in den benachbarten Quartieren, auf engem Wohnraum und in knappen wirtschaftlichen Verhältnissen. Den Garten bestellen sie nicht nur zur Freizeitbeschäftigung, sondern auch zur Nahrungsmittelproduktion, um das Familienbudget zu entlasten. Und eher nicht als hippes Urban Gardening.

Wichtiger Quartiertreffpunkt

Andrea Aebersold hat mit ihrer Familie vor einigen Jahren eine Doppelparzelle von zwei älteren Ehepaaren übernommen. Sie bewirtschaftet den Garten als Generationenprojekt mit ihrer Tante: «Gemüse bauen wir gemeinsam an und teilen uns die Ernte. In den Sommermonaten können wir unseren Bedarf grösstenteils decken. Die Kinder erleben, wann welches Gemüse reif ist, wie schnell eine Gurke gross werden kann und dass es nicht selbstverständlich ist, frisches Gemüse ernten zu können», sagt sie.

Der naturnahe Biogarten sei während 40 Jahren mit viel Liebe und Fokus auf Biodiversität gestaltet worden: «Wir pflegen den Garten weiter, experimentieren mit Mischkulturen, lernen stetig, erleben Erfolge und Rückschläge.» Im Garten träfen unterschiedlichste Menschen aufeinander. Man helfe sich, tausche Gemüse und Knowhow. Der Garten sei ein wichtiger Treffpunkt und aus dem Quartier nicht wegzudenken.

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Deckt im Sommer den Familienbedarf: Andrea Aebersold (rechts) mit Tante und Sohn in ihrem Garten. (Bild: Danielle Liniger)

Allerdings gerät das Ladenwandgut, das Andrea Aebersold so schätzt, unter grossen Druck. Das Gartengelände befindet sich als grüne und soziale Oase im «Grenzgebiet» zu Bümpliz, wo gerade ein einschneidender Wachstumsschritt bevorsteht.

In den nächsten zehn Jahren entstehen um das Grünareal die grosse Wohnüberbauung Weyer West, der Campus der Berner Fachhochschule und drei münsterhohe Büro-Turmhäuser auf dem Boden von Energie Wasser Bern (EWB), der unmittelbar an die Familiengärten grenzt. Zwar sollen die Gärten bestehen bleiben. Dass sie aber  – allein während der jahrelangen Bauphase – beeinträchtigt werden, ist wohl unausweichlich.

Die städtischen Familiengärten

Die Stadt Bern verpachtet auf 28 Familiengartenarealen rund 2000 Familiengärten. Die meisten Parzellen sind zwischen 100 und 200 Quadratmeter gross, der Pachtzins beträgt zwischen 1.60 und 2 Franken pro Quadratmeter und Jahr. Anmelden kann man sich via Online-Formular bei Stadtgrün Bern. Die Wartelisten sind, namentlich für zentral gelegene Areale, lang. Die Stadt arbeitet eng mit dem Familiengärtner-Verband Bern zusammen. In der Familiengarten- und Bauordnung legt die Stadt fest, dass Pächter*innen biologische Düngemittel verwenden und sich bei der Schädlingsbekämpfung an die «naturnahe Gartenbearbeitung» zu halten haben. Der Anbau von Hanf ist nicht gestattet.

Der Druck auf die Familiengärten bewog Stadtgrün Bern dazu, über Alternativen nachzudenken, wie der zuständige Projektleiter Glenn Fischer auf Anfrage festhält. Das Basler Landschaftsarchitekten-Büro Bryum erhielt den Auftrag, auszuloten, was möglich wäre, wenn die meist mit Rasen bedeckten Grünflächen zwischen Wohnsiedlungen in den Quartieren Bümpliz, Bethlehem und Stöckacker als Gärten genutzt würden. Oder gar für professionelle Landwirtschaft.

Das Resultat liegt nun im Büchlein «Nachbarsgärten» in gedruckter Form vor – hat aber bisher in der Berner Öffentlichkeit kaum Beachtung gefunden. Im Lichte der Megathemen Klimakrise und Biodiversität, aber auch unter dem Eindruck der teurer werdenden Lebensmittel, sind die Erkenntnisse jedoch bemerkenswert: Die ungenutzte Grünfläche in Bümpliz, Bethlehem und Stöckacker entspricht der Grösse von zwei Schweizer Bauernhöfen.

Bryum kommt zum Schluss, dass bei konsequenter Nutzung der Rasenflächen in den drei Quartieren über 7’000 zusätzliche Familiengärten entstehen und sich über 15’000 Personen mit Gemüse, Obst und Früchten versorgen könnten. Die Lebensmittel-Selbstversorgung dieser Gärtner*innen in spe könnte laut den Berechnungen von Bryum zwischen 30 und 50 Prozent erreichen.

Vertragslandwirtschaft im Stadtquartier?

Bei diesen Zahlen handle es sich nicht bloss um grobe Schätzungen, sondern um fundierte Berechnungen, nach Konsultation von Fachleuten und Literatur, so Daniel Baur, Co-Geschäftsführer von Bryum. Die «Hauptstadt» berichtete in der laufenden Schwerpunktwoche zur Stadtlandwirtschaft über Berner Forscher*innen und Bürger*innen, die sich über ein nachhaltiges, pflanzenbasiertes, regionales Ernährungssystem Gedanken machen. «Nachbarsgärten» zeigt auf, dass mitten in der Stadt ein landwirtschaftliches Anwendungsgebiet bereitstehen würde.

In den Quartieren im Westen von Bern gibt es eine Häufung von Siedlungen aus den 50er- und 60er-Jahren, die, geprägt vom reservierten Geist der Nachkriegszeit, aus zeilenförmigen Häusern bestehen, umgeben von sogenanntem Abstandsgrün. Diese stattlichen Grünflächen zeichnen sich aus durch kurzgeschorenen Rasen und Hecken im viereckigen Abwarts-Cut. Die meist rechtwinklige Form der Rasenflächen wirkt anregend auf die Grünraum-Phantasie.

Gärten zur sozialen Stärkung

Bryum sieht unterschiedlichste Optionen: Man könnte sich zwischen den Häusern chillige Parkanlagen mit üppigem Baumbestand (und entsprechender Kühlung während Hitzeperioden) vorstellen. Aber auch eher strenge Zeilen von Hochbeeten für engagiertes Urban Gardening. Die weitreichendste Idee: Vertragslandwirtschaft zwischen städtischen Wohnblöcken. Das ehemalige Abstandsgrün würde unter Anleitung professionell beackert von den Bewohner*innen, die sich in einer Kooperative organisieren. Konsument*innen wären gleichzeitig Produzent*innen.

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Kurzgeschorenes Abstandsgrün an der Zelgstrasse in Bethlehem: Plattform für Gartenbauphantasien. (Bild: Danielle Liniger)

Leise macht sich in Anbetracht der Ideen von Bryum die Erinnerung an die «Anbauschlacht» bemerkbar, mit der Schweizer*innen während des Zweiten Weltkriegs angehalten wurden, zwecks Selbstversorgung vor ihren Häusern Gemüse anzubauen.

Aber moderne Stadtlandwirtschaft betont mindestens so stark die soziale Komponente. Die Aneignung von bisher kaum betretenen Grünflächen durch die Bewohner*innen bedeutet auch, dass neue Möglichkeiten zur Begegnung entstehen. Oder in Quartieren, in denen viele Migrant*innen leben, würde eine Integrationsmöglichkeit geschaffen, ohne sie so zu benennen. Würden die kurz geschorenen Rasenflächen zu kollektiv bewirtschafteten Gartenzonen, könnten laut Bryum in den drei untersuchten Quartieren Abwarts- und Unterhaltskosten von 4.3 Millionen Franken jährlich eingespart werden.

Bryum hoffe, mit der Arbeit aufzuzeigen, «dass die Möglichkeiten, einen Beitrag zum Klimawandel und zur sozialen Stärkung unserer Gesellschaft zu leisten, viel näher liegt und einfacher ist, als es oft scheint», sagt Daniel Baur.

Gesucht: Wohnbaugenossenschaften

Gibt es einen Grund, der gegen eine stadtlandwirtschaftliche Revolution in Bümpliz spricht? Glenn Fischer von Stadtgrün dämpft die Erwartungen: Vorläufig bleibt «Nachbarsgärten» ein inspirierendes Büchlein. Für die Umsetzung baut sich ein grosses Hindernis auf: Bei praktisch allen von Abstandsgrün umgebenen Siedlungen sind die privaten Besitzverhältnisse so kleinteilig und verzweigt, dass eine Offensive zur Umnutzung der Aussenflächen mit vernünftigem Aufwand fast nicht organisierbar scheint. Die Hoffnung besteht, dass sich Wohnbaugenossenschaften finden, die in ihren Siedlungen den Spirit von «Nachbargärten» wenigstens in kleinem Stil umsetzen.

Und: Warum muss die Idee der Stadtlandwirtschaft in der Stadt bleiben? In der Agglomeration Bern entstehen bis heute reihenweise Siedlungen, in denen Abstandsgrün dominiert. «Nachbarsgärten» müsste dort erst recht fruchtbaren Boden finden. 

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