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Der urbane Oberländer

«Hauptstadt»-Wahl-Check: Stadtpräsident Raphael Lanz (57, SVP) politisiert in Thun mit solider Mehrheit, fast ohne anzuecken. Als Regierungsrat müsste er auf mehr Widerspruch und härtere Auseinandersetzungen gefasst sein.

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(Bild: Silja Elsener)

In einem Blindtest politischer Aussagen würde man bei Raphael Lanz wohl nicht einen SVPler vermuten. «Ich darf seit 2011 in Thun eine Exekutive führen, Mehrheiten formen und Verantwortung übernehmen», tönt es bei ihm zum Beispiel. Er setze sich ein für «urbane Lebensqualität» und «pragmatische Politik».

Markiges SVP-Vokabular hört man vom passionierten Ausdauerläufer Raphael Lanz, der mit seiner Familie gerne mit seinem nostalgischen orangen VW-Bus (Baujahr 1975) auf Reisen geht, praktisch nie.

Hang zur Brillanz

Auf Kuschelkurs ist der sanfte Lanz trotzdem nicht: Dass die SVP bei den Kantonswahlen vom 29. März die Muskeln spielen lässt, einen dritten Sitz in der Regierung anstrebt und damit sogar die bürgerlichen Partner FDP und Mitte brüskierte: Das ist auch auf Lanz zurückzuführen. Er hat hinter den Kulissen dafür geweibelt, weil ihm klar sein musste, dass er seinem Grossratskollegen Daniel Bichsel parteiintern unterlegen wäre, wenn sich die SVP auf einen von beiden als Regierungskandidat hätte einigen müssen.

Steckbrief Raphael Lanz

Partei: SVP

Alter: 57

Wohnort: Thun

Zivilstand: verheiratet, drei Kinder

Interessenbindungen: Major der Schweizer Armee, Panzergrenadiere; Verwaltungsratspräsident Brauerei Thun AG; zahlreiche Mandate von Amtes wegen.

Raphael Lanz strebt beruflich und politisch Brillanz an – und versteckt das nicht. Er studierte nicht einfach Jus, sondern schloss mit Summa cum laude ab. Er absolvierte ein Nachdiplomstudium in Kalifornien. Er lebte, als er am Bundesgericht arbeitete, in Lausanne. Er redet auf Deutsch für einen Berner Politiker unüblich eloquent und tut das mit demselben Selbstbewusstsein auch auf Französisch und Englisch.

Sein politischer Leistungsausweis nach 15 Jahren Thuner Stadtpräsidium ist praktisch unbefleckt. In den letzten Jahren verlor die fünfköpfige Regierung (3 SVP, 1 SP, 1 Grüne)  keine Abstimmung, ein währschafter Fauxpas von Lanz ist nicht verbürgt. Auch politische Gegner*innen attestieren ihm, dass er das Gesicht des dynamisierten Städtchens Thun ist, das mit dem Swiss Football Home nun auch zur Heimbasis der Schweizer Fussballnationalteams wird.

Der «Hauptstadt»-Check

Was muss eine Person können, um gut zu regieren? Die «Hauptstadt» hat anlässlich der Regierungsratswahlen zehn Schlüsselkompetenzen definiert. Diese Anforderungen würden in einem Job-Inserat aufgeführt, wenn es denn eine Stellenausschreibung für dieses Amt gäbe. Die genaue Definition und Erklärung zu diesen Kompetenzen kannst du hier nachlesen.

Was davon erfüllt SVP-Kandidat Raphael Lanz?

Bringt mit: Nähe zum Parlament, Sprachen, Bereitschaft, hinzustehen, schnelle Auffassungsgabe, Wille zu Veränderungen

Daran haperts: Ausstrahlung

Unklar: Belastbarkeit, taktisches Geschick, gutes Gefühl für Menschen

Die wenigen Kritiker*innen sagen über Lanz, dass es einfach sei, eine makellose Bilanz vorzuweisen, wenn alles derart durch die Butter laufe wie in Thun. Lanz entgegnet gegenüber der «Hauptstadt», dass das nicht einfach Glück, sondern das Resultat vorausschauenden politischen Handwerks sei. Er nennt als Beispiel die Einzonung des Siegenthalerguts, eines grossen Grünraums, der nun zu einem Stadtquartier wird. In anderen Städten wäre das Gegenstand einer heftigen politischen Auseinandersetzung, in Thun gab es nicht einmal ein Referendum. «Das ist nicht Zufall oder Glück, sondern die Frucht unserer Regierungsarbeit», sagt Lanz.

Das Habitat Thun

Ernsthaft gebremst wurde der rasante Lanz nur 2019, als er nach einem schweren Velounfall vorübergehend ausfiel. Menschen, die ihn aus der Nähe kennen, schildern Lanz als Ideen-Turbo. Besonders, wenn er aus den Ferien zurückkomme, sei er kaum zu bremsen.

Im kleinräumigen Thun befindet sich «Räphu» in seinem natürlichen Habitat. Offen ist, als wie belastbar sich Lanz mit seinem Thuner Spirit erweisen würde, wenn er als Regierungsrat in Bern auf hartnäckigeren politischen Widerstand, auf eine mächtigere Verwaltung, auf einflussreichere Interessengruppen, auf mehr persönliche Angriffe stiesse. 

Wenn es überhaupt soweit kommt: Denn ausgerechnet bei Wahlen weist Lanz kein brillantes Notenblatt auf: 2015, 2019 und 2023 kandidierte er vergeblich für den Nationalrat. Die Wahlberechtigten zogen ihm knorrigere SVP-Oberländer wie Ernst Wandfluh oder Thomas Knutti vor, die besser dem Rollenmodell der Partei entsprechen, für die Raphael Lanz in die Kantonsregierung will.

So berichtet die «Hauptstadt» über die Regierungswahlen

Am 29. März wählen die Stimmberechtigten des Kantons Bern den siebenköpfigen Regierungsrat und den 160-köpfigen Grossen Rat für die nächste vierjährige Legislatur. Für die Regierung kandidieren 16 Personen, ernsthafte Chancen auf eine Wahl haben die zehn Personen aus den grössten Parteien. Das sind die Bisherigen Pierre Alain Schnegg (SVP), Philippe Müller (FDP), Astrid Bärtschi (Mitte) und Evi Allemann (SP) sowie die neu kandidierenden Daniel Bichsel (SVP), Raphael Lanz (SVP), Aline Trede (Grüne), Reto Müller (SP), Hervé Gullotti (SP) sowie Tobias Vögeli (GLP).

Die «Hauptstadt» schätzt in den kommenden Wochen jede*n dieser Kandidat*innen aufgrund des von der «Hauptstadt»-Redaktion recherchierten Stellenprofils ein. Bereits erschienen sind mehrere solcher Porträts. Etwa über Evi Allemann, Pierre Alain Schnegg, Tobias Vögeli,  Daniel Bichsel, Philippe Müller.

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